10’000 Tote. Über zwei Millionen Vertriebene. In der Ukraine herrscht nach wie vor Krieg, berichtet wird aber kaum mehr darüber. 2014, als die Krimkrise ausbrach und sich der Konflikt zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Kräften auf den Osten des Landes ausweitete, war das noch anders. Die Auseinandersetzungen hörten aber nie auf. Heute ist das Land tief gespalten, mit den östlichen Bezirken Donezk und Luhansk sind zwei pro-russische Volksrepubliken ausgerufen worden. Hunderttausende flüchteten innerhalb des Landes in den sichereren Westen.

«Man muss es sich so vorstellen, wie wenn ein Teil der Schweiz im Krieg wäre, statt ausländischer Migranten hätten wir inländische. Die Probleme wären aber dieselben», sagt Marc Joset. Der ehemalige SP-Landrat möchte helfen. Dies im Rahmen seines Engagements für den Verein Friedensbrugg, der sich auf die Vermittlung zwischen rivalisierenden Volksgruppen spezialisiert hat. Joset reiste erstmals 2015 und nun nochmals vergangenen Juni in die Ukraine. Diese einwöchige Reise unternahm er zusammen mit Monika Wiedemann, einer Lehrerin einer Basler Integrationsklasse, die auch im Friedensbrugg-Vorstand ist.

Freiwillige unter Lehrern gesucht

Denn Integration ist zurzeit das grosse Thema. «Langsam realisieren die West-Ukrainer, dass die aus dem Osten Geflüchteten wohl noch länger hierbleiben werden. Da der Staat aber kaum etwas zur besseren Integration unternimmt, gibt es Spannungen», sagt Joset. An den Schulen zeigt sich das besonders deutlich, da keinerlei Strukturen oder Leitfäden existieren, wie die Migranten-Kinder integriert werden können. «In der Ukraine kennen die Lehrer bloss den klassischen Frontalunterricht. Gruppenarbeiten, interaktiver oder integrativer Unterricht sind ihnen fremd», sagt Joset.

Nicht einmal Elternabende, an denen Konflikte besprochen werden könnten, gebe es. Die Schulleiter, die Joset traf, sagten teils offen, dass sie noch im alten stark hierarchischen sowjetischen Erziehungssystem feststeckten. «Sie wissen durchaus, dass es noch andere Formen gäbe, doch in der Lehrerausbildung an den Universitäten wird kaum etwas anderes gelehrt.»

Genau hier möchten Joset und Wiedemann ansetzen. Die Friedensbrugg will Workshops für Lehrer und Schulleiter in der West-Ukraine organisieren, an denen andere Unterrichtsformen vorgestellt sowie integrative und konfliktlösende Methoden vermittelt werden. «Deshalb suchen wir nun Baselbieter Lehrer aller Schulstufen, die im Herbst für vier bis fünf Tage in die Ukraine kommen», sagt Joset. Auch Basler Lehrer seien willkommen sowie Sozialarbeiter. Am ersten Tag gebe es eine Einführung und danach mehrere Tage einen Intensiv-Workshop mit den ukrainischen Lehrern, Schulleitern, Heilpädagogen, Sozialarbeitern und Logopäden.

Kanton will nichts zahlen

Schon wenn sich bloss vier Freiwillige auf den Aufruf melden, könnte ein Kurs durchgeführt werden. Die Hoffnung der Friedensbrugg ist, die Workshops halbjährlich zu wiederholen und langsam auszuweiten. Momentan im Fokus steht eine Zusammenarbeit mit der Universität Grinchenka in Kiew sowie der Universität in Lwiw (Lemberg) im Westen des Landes. «Wir wissen, dass wir damit nur einen ganz kleinen Beitrag leisten können, doch vielleicht verbreitet sich unser demokratischer Gedanke über die Lehrer und die Schüler. Sie stehen am Anfang der Veränderung», sagt Joset.

Hiesige Lehrer, die sich für einen Einsatz interessieren, müssen allerdings bereit sein, dafür unbezahlten Urlaub zu nehmen. Beat Lüthy, Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen (AVS), sagt auf Anfrage der bz: «Derzeit besteht keine Möglichkeit, das Projekt direkt oder indirekt finanziell zu unterstützen.» Die Schulen könnten keine Stellvertretungen finanzieren. Das AVS legt den Schulleitungen und Schulräten daher nahe, «umfassend zu prüfen, ob Lehrpersonen für derartige Einsätze unbezahlt beurlaubt werden können». Lüthy betont zwar, dass man das Projekt für sinnvoll halte. Auch werde man gerne Informationen darüber an die Lehrer weitergeben. Doch letztlich sagt Lüthy: «Gerne regen wir an, pensionierte Lehrpersonen dafür zu gewinnen.»

Die Schweiz mischt sich ein

Joset möchte beim Kanton und den Gemeinden dennoch ein offizielles Gesuch stellen und hofft auf finanzielle Unterstützung. Beim ähnlichen Projekt der Friedensbrugg in Ex-Jugoslawien, das schon 25 Jahre läuft, seien die Stellvertretungen finanziert worden, sagt er. Auch hofft er, dass sich einige jüngere Lehrer melden. Die Friedensbrugg kommt über Spenden für die Reise inklusive Kost und Logis auf. Ein Workshop kostet den Verein zwischen 3000 und 5000 Franken.

Joset selbst wird parallel zu den Workshops noch Vorlesungen halten, an denen er das Schweizer Politsystem vorstellt und mit dem ukrainischen vergleicht. Doch was halten die Obrigkeiten von dieser Einmischung? «Ich doziere nicht von oben herab, dass in der Schweiz alles besser ist, aber die Ukrainer wissen selbst, dass sie Nachholbedarf haben. Ich muss einfach klarmachen, dass sich mehr Demokratie nicht von heute auf morgen einführen lässt.»