Ihr Übername «Blüemlitante» weist auf eine ihrer vielen Stärken hin: Susanne Kaufmann (62) ist eine erstklassige Pflanzenkennerin. So trägt sie gleich mehrere botanische Rucksäcke: Kaufmann hat Biologie studiert und fast 30 Jahre lang am Gymnasium Liestal unterrichtet.

Daneben berät sie seit 18 Jahren in einem 50-Prozent-Pensum im Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain die Bauern beim ökologischen Ausgleich. Das heisst, sie gleist an dieser Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Naturschutz mit den Bauern die Planung von Magerwiesen, Hecken, Hochstammbäumen, Buntbrachen und Kleinstrukturen auf. Und last but not least: Sie bildet die künftige Pflanzen-Elite aus, indem sie die Feldbotanik-Kurse des Basellandschaftlichen Natur- und Vogelschutzverbands zusammen mit einer Kollegin leitet.

Fast logisch, dass Kaufmann mit ihrem Fachwissen und Engagement auf den Radar von Pro Natura Baselland geraten ist. Gestern durfte sie die Ernte einfahren: Kaufmann erhielt an einer gediegenen, mit vielen Pointen von Weggenossen durchsetzten Feier im «Palazzo» in Liestal den diesjährigen Naturschutzpreis. Hinter dieser Auszeichnung stehe aber nicht alleine die Menge an Kaufmanns Aktivitäten, hielt Pro-Natura-Präsidentin Mirjam Würth in ihrer Laudatio fest: «Das Entscheidende bei der heutigen Preisträgerin ist, wie sie sich für mehr Natur in der Landwirtschaft einsetzt: nämlich einerseits mit einer riesigen, hochansteckenden Begeisterung – andererseits aber stets mit Augenmass und viel Verständnis für ihr Gegenüber.» Kaufmann habe Naturschutz immer mit und nie gegen die Bauern durchsetzen wollen.

Das konnte auch Kaufmanns oberster Chef, Volkswirtschaftsdirektor Thomas Weber, unterschreiben. So meinte er an der Feier an die Adresse der Preisträgerin: «Du bringst Schutz und Leistung in der Landwirtschaft exemplarisch in ein Gleichgewicht. Dafür danke ich Dir, Susanne.»

Ihr Refugium gleicht Bullerbü

Das bäuerliche Faible Kaufmanns erstaunt nicht, denn ihr grösster Berufswunsch war in Jugendjahren, selbst Bäuerin zu werden. Sie half denn auch auf Höfen mit und verbrachte einen Sommer auf einer Bündner Alp mit 100 Milchkühen. Mangels Hof in der Familie schien ihr aber das Bauern aussichtslos, und sie wählte den akademischen Weg. Trotzdem ist sie heute neben all ihren anderen Aktivitäten auch noch Kleinbäuerin. Das hat mit ihrem Mann, dem Liestaler Stadtrat Franz Kaufmann, zu tun. Mit ihm zusammen übernahm sie in jungen Jahren das «Üetental» von dessen Vater.

Diese idyllische Insel hoch über Liestals Zivilisation – Kaufmanns Kinder reden gerne von «Bullerbü» – ist nicht nur ihr Refugium, wo sie Kraft tankt, sondern auch Abbild ihrer Vorstellungen: Susanne Kaufmann hat zusammen mit ihrem Mann in Liestals einzigem Rebbaugebiet zahlreiche Trockenmauern erneuert, Hochstamm-Bäume gepflanzt, Wiesen extensiviert, einen Weiher als Lebensraum für Geburtshelferkröten angelegt, und sie hält Schafe und Hühner. Sie sagt: «Es ist ein Privileg, so leben zu dürfen.»

Gleichzeitig ist ihr klar, dass Vollerwerbsbauern mit dem herrschenden Produktionsdruck vor ganz anderen Herausforderungen stehen. Um so mehr freut sie sich, dass die ökologischen Ausgleichsflächen im Baselbiet kontinuierlich auf 15 Prozent gestiegen sind; 7 Prozent sind für jeden Bauern das gesetzliche Minimum. 1100 der heute rund 2500 Hektaren, die als ökologische Ausgleichsflächen vertraglich gesichert sind, sind während Kaufmanns Wirken am Ebenrain dazu gekommen.

Doch die Überzeugungsarbeit sei nicht immer nur leicht, sagt Kaufmann. Etliche, vor allem ältere Landwirte müssten innere Hürden überwinden, weil sie stehengelassene Wiesenstreifen als unsauber gemäht und Direktzahlungen für ökologische Ausgleichsflächen als Geld fürs Nichtstun verständen. Kaufmann: «Ein Erfolgserlebnis ist für mich, wenn es bei einem solchen Bauer klick macht, wenn ich ihm einen Schachbrettfalter oder eine Zauneidechse zeigen kann.» Sie sieht den Naturschutz-Preis, über den sie sich «unglaublich» freut, denn auch in einem grösseren Rahmen: «Das ist auch eine Auszeichnung für die Bauern.»

Kontroversen am Familientisch

Trotzdem macht sich Kaufmann keine Illusionen über den ökologischen Gesamtzustand der Landwirtschaft: «Die intensiven Flächen werden immer intensiver bewirtschaftet, die Traktoren werden noch schwerer, die Maschinen noch grösser.» Dazu komme, dass ganze Insekten-Heere in den Siloballen verschwänden, womit auch das Futter für die Vögel fehle. Der Neuntöter sei der nächste Vogel, der im Baselbiet auf der Kippe stehe. Kaufmanns Bilanz: «Die Entwicklung ist gegenläufig. Wir haben mehr und teils qualitativ sehr gute Ökoflächen, wir haben aber auch diese Intensivierung.»

Die Kaufmanns sind eine grüne Familie: Drei der vier Kinder sind aktive Politiker oder zumindest Mitglied der Grünen Partei. Susanne Kaufmann ist nicht Parteimitglied, fühlt sich aber den Grünen nahe, und Franz Kaufmann ist in der SP. Ein eigenes Auto zum Beispiel war bis vor fünf Jahren kein Thema. Trotzdem gibt es am Familientisch immer wieder ökologische Kontroversen. So kann sich Susanne Kaufmann nicht mit der schnellen Verdichtung, die ihr Gemahl als Bauchef in Liestal vorantreibt, identifizieren. Sie sagt: «Verdichtung ist vom Grundgedanken her schon gut. Aber wenn dann bei Quartierplänen fast die ganze Fläche versiegelt wird, und wegen Tiefgaragen nur eine dünne Humusschicht zur Verfügung steht, auf der die in den Plänen schön eingezeichneten Bäume nicht wachsen können, dann ist das Ganze nicht fertig gedacht.»

Liestal sei nur ein Beispiel. Durch die rasende Bautätigkeit entstehe generell ein Druck auf die Natur wie nie zuvor. Und sie fügt, obwohl eigentlich Optimistin, an: «Ich habe Angst um die natürlichen Ressourcen.» Aber Kaufmann weiss auch, was auf dem Spiel steht: «Einer meiner grössten Freuden ist, barfuss über eine Juramatte zu laufen.»