«Wer eine Waffe trägt, der muss hohe Ansprüche an sich gelten lassen. Er wird ja auch entsprechend geschult.» So fasste Einzelrichter Beat Schmidli den Schuldspruch zusammen. Diesen hohen Ansprüchen habe der heute 38-jährige Baselbieter Polizist nicht genügt: Im August 2009 ging er fälschlicherweise von einem gefährlichen Angriff auf sich oder seinen Partner aus. Diesen Irrtum hätte er vermeiden können. Schmidli fällte deshalb gestern
einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Körperverletzung. Die bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 110 Franken liegt im untersten möglichen Bereich, dazu kommen allerdings Verfahrenskosten von rund 10 000 Franken.

Mit 170 Sachen auf der A 18

Im August 2009 hatte der Polizist zusammen mit seinem Partner einen damals 52-jährigen Autofahrer auf der A 18 vom Schänzlitunnel in Richtung Aesch verfolgt. Der 52-Jährige in seinem Plymouth Barracuda drückte kräftig auf die Tube: In der damaligen Verhandlung war in der Videoaufzeichnung zu sehen, wie er in der Tempo-100-Zone mit 170 Sachen davon- rauschte. Die Polizisten fuhren ein Zivilfahrzeug, waren aber uniformiert.

Bei der Ausfahrt Reinach befolgte der Raser zuerst die Stoppsignale der Polizei, donnerte dann aber wieder weiter. Kurz vor Angenstein stoppten die Polizisten den Mann definitiv und forderten ihn mit vorgehaltener Waffe zum Aussteigen aus. Daraufhin gab es ein Gerangel. Bis heute ist nicht geklärt, wie die Waffe des 38-jährigen Polizeikorporals aus dem Holster auf die Fussmatte des Barracudas fallen konnte, doch der Raser ergriff die Polizeipistole und gab drei Schüsse ab. Danach konnte der Polizist dem Mann die Waffe abnehmen. Das Strafgericht verurteilte den Raser später wegen Lebensgefährdung zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten bedingt.

Kein gefährlicher Angriff

Auf der Videoaufzeichnung des Jahres 2009 ist lediglich zu hören, dass rund 30 Sekunden nach den drei Schüssen der vierte Schuss fällt: Der Polizist hatte dem 52-Jährigen in den Unterschenkel geschossen. Danach wurde der Mann festgenommen und verarztet. Zwischen den Schüssen hatte er noch den Pfefferspray des anderen Polizisten genommen und damit herumgesprüht, die Dose landete aber rasch in der Böschung. Der zweite Polizist schrie um Hilfe, der 38-Jährige schoss daraufhin dem Raser ins Bein.

Gerichtspräsident Beat Schmidli kam nun zum Schluss, dass zum Zeitpunkt der Schussabgabe durch den Polizeikorporal kein gefährlicher Angriff auf die Polizisten im Gange war. «Sie haben sich in einer gewissen Distanz zum Auto befunden, die Waffe befand sich wieder in ihrer Hand. Der Autofahrer hat sich lediglich gewehrt, aus dem Auto gezogen zu werden». Auch müsse man berücksichtigen, dass die Instrumente der vorherigen Angriffe (gemeint sind die Pistole und der Pfefferspray) durch die Polizisten zugeführt worden sind, der Fahrer habe diese nicht etwa aus seinem Handschuhfach genommen.

Der Polizist habe sich nur auf den Hilferuf seines Partners verlassen, das hätte er bei einem solch massiven Mittel wie dem Einsatz einer Schusswaffe nicht tun dürfen. «Es ging alles sehr schnell. Aber es war dennoch eine überschaubare Situation», sagte Schmidli. Das Urteil wird wohl ans Kantonsgericht weitergezogen werden.