Seit gut zwei Monaten leitet Beat Lüthy das Baselbieter Amt für Volksschulen (AVS), zuvor war er Schulleiter in Sissach. Mit der «Schweiz am Wochenende» spricht er über die Baustellen Harmos, Lehrplan und Frühfremdsprachen. Und er erklärt, warum ihm die Politik zuweilen ein Dorn im Auge ist.

Herr Lüthy, in welchem Zustand haben Sie die Baselbieter Volksschule angetroffen?

Beat Lüthy: Ich habe sie so angetroffen, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich weiss, woran das System krankt. Was mich überrascht hat, ist der starke Einfluss der Politik auf den Tagesablauf der Verwaltung. Da kommen zum Teil parlamentarische Anfragen zu Themen, die man einfach beantwortet bekäme, wenn man nur schnell den Hörer in die Hand nehmen würde.

Woran krankt die Schule genau?

Das Vertrauen ist weg. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und Ideen von der Volksschule. Wir diskutieren Lehrpläne und Passepartout-Modelle, aber die wahren Herausforderungen werden ausser Acht gelassen. Damit meine ich die Digitalisierung der Gesellschaft, die das Lernen gewaltig verändern wird. Darüber macht man sich kaum Gedanken. Stattdessen verbohren sich die Politiker in Details.

Machen Sie dies den Politikern klar?

Ich habe zweimal direkt mit Landräten Kontakt aufgenommen. Einer war auch bei mir im Büro. Wir haben in der jetzigen Situation anderes zu tun, als uns in irgendwelche ideologischen Grundsatzdiskussionen zu begeben. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir den neuen Lernformen begegnen. Zukünftig wird ausserhalb des Schulzimmers viel mehr Wissen angeeignet.

Müssen sich die Lehrer auf grössere Veränderungen in ihrem Beruf gefasst machen?

Darauf will ich hinaus. Ich verstehe das ganze Getue um den Lehrplan 21 nicht. Viel einschneidender ist die Digitalisierung. Wie sieht die Zukunft des Lehrerberufs aus? Man spricht immer vom Lerncoach. Das ist nur ein Teil der Aufgabe. Das Lernen wird nach wie vor stark geprägt von der sozialen Bindung. Die Pädagogik wird durch die technischen Möglichkeiten in Zukunft verstärkt auf das Individuum ausgerichtet. Lehrpersonen müssen in Zukunft verschiedene Lernprozesse im Blick haben und begleiten können.

Die Politik und Lehrerschaft schlägt sich mit konkreteren Themen herum. Am vordringlichsten ist Frühfranzösisch. Viele finden, dass Französisch ab der
3. Klasse nichts bringe und man aus dem sogenannten Passepartout-Modell aussteigen solle. Welche Haltung haben Sie?

Bisher fehlen die Ergebnisse. Ich bin als Vater zweier Primarschüler und einem
4-P-Schüler, der jetzt ans Gymnasium wechselt, gewissermassen direkt betroffen. Ich habe das Französisch vorher erlebt und jetzt und habe den Eindruck: Früher konnten die Jugendlichen nicht besser Französisch.

Kritik gibt es an den Lehrmitteln Mille feuilles und Clin d’oeil. Die Bücher seien unstrukturiert aufgebaut.

Diese Kritik muss ernstgenommen werden. Einige der Probleme sind erkannt. Es fehlen zum Beispiel die Differenzierungshilfen, also die Möglichkeiten, die Kinder auf unterschiedlichen Niveaus zu unterrichten. Der Verlag uns schon längst Verbesserungen versprochen. Es eilt. Man lässt die Lehrer sonst ins Offside laufen.

Der Verein «Starke Schule» behauptet, sich für die Qualitätssicherung einzusetzen. Derzeit sind mehrere Volksinitiativen hängig. Eine Initiative fordert etwa die Pflicht zum niveaugetrennten Unterricht. Was sagen Sie dazu?

Hier geht es um die Wahlpflichtfächer und darum, dass beispielsweise der Musikunterricht, Werken oder Turnen nicht niveauübergreifend stattfinden sollen. Dies ist heute in seltenen Fällen der Fall – wenn etwa die Kurse nicht stattfinden könnten, weil sich zu wenige Schüler angemeldet haben. Aber jetzt sind wir wieder beim Thema irgendwelcher ideologischer Grundsatzdiskussionen. Dass solche Themen auf dem politischen Parkett besprochen werden, ist ein doch ein Zeichen des Misstrauens gegenüber der Verwaltung.

Wie ging das Vertrauen verloren?

Mit der Bildungsharmonisierung sind Fehler passiert. Man ist beispielsweise zu den Sekundarlehrern mit den Fachausbildungen gegangen und hat gesagt: Vergesst alles, was ihr bisher gemacht habt. Das war nicht gut. Diese waren in ihrer Ehre gekränkt. Und es ist fast unmöglich, Weiterbildungen mit gekränkten Menschen zu machen. Dann hat man nicht zugehört, als sich die Widerstände formierten. In anderen Kantonen hat man das besser gemacht.

Die Lehrer haben nicht nur mit den Reformen zu kämpfen, sondern sind auch an anderen Fronten verstärkt gebunden, etwa bei der Elternarbeit. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

Die Extreme nehmen zu. Es gibt auf der einen Seite Eltern, die sich wenig um die Kinder kümmern können oder wollen. Auf der anderen Seite auch solche, die sich übermässig einmischen. Dies kann soweit führen, dass Elterngespräche in Begleitung von Anwälten stattfinden. Die grössere Mehrheit kooperiert nach wie vor gut. Trotzdem muss man die Lehrpersonen bei der Elternarbeit heute besser unterstützen als früher.

Der Job ist anspruchsvoller geblieben, der Lohn mehr oder weniger gleich geblieben. Wenn ich etwas auf dem Kasten habe, gehe ich doch lieber in die Privatwirtschaft.

Was man feststellen kann, ist, dass wir eine Verweiblichung des Berufsstands haben. Neben der Möglichkeit, diesen Beruf in Teilzeit auszuüben, hat dies auch mit der fehlenden Attraktivität des Berufs zu tun. Um das zu verändern, müssen die Weiterentwicklungsmöglichkeiten verbessert werden. Der Lehrerjob in der Volksschule darf nicht eine Sackgasse sein. Früher konnten gute Lehrpersonen ans «Lehrer-Seminar» wechseln. Das ist mit der Bologna-Reform nicht mehr möglich. Weiterentwicklungsmöglichkeiten an der Pädagogischen Hochschule und attraktive Aufbaustudiengänge könnten Möglichkeiten aufzeigen.