Zwei bemerkenswerte Zahlen sind jüngst bekannt geworden: In Augusta Raurica musste kürzlich das lecke Dach eines 30 Jahre alten Containers für 30'000 Franken repariert werden. Total gibt die Römerstadt jährlich fast eine halbe Million Franken für ihre Provisorien aus. Beim maroden Gymnasium Münchenstein wird der Kanton 2,4 Millionen Franken in, immerhin wiederverwendbare, provisorische Klassenzimmer investieren, um die Zeit bis zur vollständigen Sanierung zu überbrücken.

Provisorien, wohin das Auge reicht im Landkanton. Die Ursache dafür ist eine tiefere. Kaum ein öffentliches Hochbauprojekt wird im Baselbiet mit jenen finanziellen Mitteln ausgestattet, die für eine wirklich gute und vor allem weitsichtige Lösung notwendig sind. Das Referendum gegen Planungs- oder Baukredite folgt so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Folge ist ein verhängnisvoller Hang zur Billig-Bau- und Mindest-Denkweise, der kurzfristig durchaus eindrückliche Summen einspart, aber langfristig unerhörte Kostenfolgen zeitigt. Was natürlich weder ein neues Phänomen ist noch sich aufs Baselbiet beschränkt.

Wie erinnerte sich im Landrat ein ehemaliger Schüler am Gymnasium Münchenstein? «Uns war schon im ersten Winter klar, dass das neue Gymi ein Sanierungsfall ist.» Die Schule war vor 40 Jahren rund zur Hälfte der ursprünglich angedachten Kosten gebaut worden. Leider war dabei auch eine sinnvolle Gebäudeisolation auf der Strecke geblieben. Die seither verbrannten Unmengen an Heizöl haben die vermeintliche Einsparung zweifellos längst übertroffen.

Bereits jetzt steht fest, dass das neue kantonale Strafjustizzentrum in Muttenz zu klein wird. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft wird auch nach der Einweihung 2014 von vier verschiedenen Standorten aus ihre Ermittlungstätigkeit koordinieren müssen. Beim 2017 fertigen FHNW-Neubau in Muttenz hat ein Kostendeckel dazu geführt, dass beispielsweise auf die ursprünglich eingeplanten Aussensportanlagen verzichtet werden muss. Wie kommt es eigentlich, dass im öffentlichen Bereich laufend gegen Grundsätze des gesunden Menschenverstands verstossen wird? Stattdessen klopfen sich Politiker bei ein paar eingesparten Projektmillionen auf die Schultern, welche spätere Generationen teuer zu stehen kommen.

Vordergründig ist es der ach so populäre «sorgsame Umgang mit Steuergeldern», der zu dieser fatalen Mentalität anspornt. Jede Wette aber, dass ein anderes Motiv ebenso stark mitspielt: die notorische Furcht nämlich, den Angestellten im öffentlichen Dienst etwas zuzusprechen, das als ungebührlich grosszügig ausgelegt werden könnte. Genährt vom notorischen Misstrauen, dass im aufgeblähten Verwaltungsapparat auf Kosten der Steuerzahler eh nur Dienst nach Vorschrift geleistet wird. Das Killerargument lautet dann «Luxuslösung».

Das geplante Sammlungszentrum in Augusta Raurica soll so eine Luxuslösung sein. Ist es nicht, und wenn das Referendumskomitee auf seinen Plakaten «36 Millionen für ein Steinlager» suggeriert und von «Zürcher Bahnhofstrasse-Verhältnissen für das Baselbiet» schwadroniert, ist das nicht nur dreist, sondern schlicht falsch. Erstens stimmen wir am 9. Juni nicht über 36 Millionen ab, sondern den Planungskredit von 1,65 Millionen Franken. Zweitens sind die 36 Millionen Baukosten nicht nur für die Aufbewahrung von Fundstücken, sondern zunächst einmal für Arbeitsplätze vorgesehen. Aber auch hier ohne jegliche Platzreserve für künftige Entwicklungen. Eine besondere Ironie ist es, wenn Gegner der Vorlage den Augusta-Raurica-Kredit mit dem Argument bekämpfen, die Sanierung des Gymnasiums Münchenstein habe Vorrang.

Der Kanton Baselland ist momentan nur in wenigen Bereichen Weltklasse. Vielleicht mit seiner Kantonalbank, ganz bestimmt aber mit Augusta Raurica und der dort geleisteten Forschungsarbeit. Eigentlich müsste die Römerstadt 50 Millionen für das neue Sammlungszentrum erhalten: für einen Neubau, auf den man auch in 30 Jahren noch stolz sein kann und die Belegschaft enthusiastisch zur Arbeit kommt – so wie ein Novartis-Mitarbeiter, der jeden Tag vom Bewusstsein der Zugehörigkeit zum architektonisch herausragenden Campus beflügelt wird. Das ist natürlich illusorisch. Doch erlauben wir weitere finanzielle Abstriche am jetzigen Minimalprojekt, werden unsere Kinder ihr Steuergeld garantiert für irgendwelche Sanierungsprovisorien ausgeben müssen.