Zehn Uhr Morgens, ein Auto mit Zürcher Nummer fährt an der Hegenheimerstrasse über die Grenze. «Was macht denn der um diese Zeit hier?», fragt sich ein Grenzwächter. Dieser Frage nachgehen kann er aber nicht, denn er kontrolliert gerade die Papiere eines Niederländers. Dessen Lieferwagen hat dunkle Scheiben, der Mann ist ungepflegt, er ist alleine unterwegs: Das bewog den Grenzwächter zu einer Kontrolle.

Der erste Gedanke entscheidet

Diese Szene zeigt das Dilemma der Grenzwache bei der Suche nach Kriminaltouristen. Allen in den Kofferraum zu schauen, die die Grenze überschreiten, ist nicht möglich. Also ist ausschlaggebend, wen die Grenzwächter herauspicken. Und das müssen sie in Sekundenbruchteilen entscheiden. «Der erste Gedanke, wenn man ein Fahrzeug sieht, ist oft der Beste», sagt ein Grenzwächter, der wie alle seine Kollegen anonym bleiben möchte. Über die Jahre lerne man zu beurteilen, ob ein Mensch zu seinem Auto, zur Tageszeit und zum Ort passe. «Je schneller es Klick macht im Kopf, umso schneller handelt man. Und man bekommt schnell ein Gefühl dafür, woher jemand stammt.» Suspekt sind zum Beispiel rostige Lieferwagen. «Das könnten Buntmetalldiebe sein.» Jeder Grenzwächter habe andere Kriterien, um jemanden auszuwählen. «Der Mix im Team ist ausschlaggebend», sagt Patrick Gantenbein, Mediensprecher des Grenzwachtregion Basel.

Verdächtige Objekte

Hat sich die Grenzwache entschieden, jemanden rauszunehmen, fängt die Suche nach Indizien an. Für Delikte braucht man keine illegalen Objekte. Es reichen handelsübliche Brecheisen, Magnete zum Entfernen von Diebstahlsicherungen in Läden, Hammer. «Hat jemand eine Zange dabei, kann er einfach nur Schlosser sein», sagt ein Grenzwächter. «Aber wenn jemand in der Unterhose einen Schraubenzieher versteckt, der sich zum Aufbrechen einer Tür eignet, ist das natürlich suspekt.» Männer hätten Damenbadkleider an, um Diebesgut besser am Körper tragen zu können. Manchmal helfen subtile Fragen, etwa wo denn die Schraube sei, für die jemand einen Riesenschraubenzieher dabei habe. Und Kenner erkennen in einer aufgeschnittenen Pet-Flasche ein Werkzeug, um ein Schloss zu knacken.

Im Hinterkopf haben die Grenzwächter zudem die Informationen der verschiedenen in- und ausländischen Polizeipartner mit der aktuellen Sicherheitslage. Gibt es Einbrüche in der Region, heisst das aber noch lange nicht, dass demnächst jemand mit Diebesgut über die Grenze flüchten wird. Rumänische Banden zum Beispiel hätten eine klare Arbeitsteilung, sagt Gantenbein. Wer einbreche, fahre das Diebesgut nicht zwingend selber über die Grenze, oder womöglich nicht sofort.

Kriminelle lernen schnell

An diesem Morgen hat die Grenzwacht gleichzeitig zwei mobile Posten aufgestellt: an der Strasse und an einem Schleichweg durchs Allschwiler Gewerbegebiet. Doch auch das verspricht nicht immer Erfolg. Denn es ist kein Geheimnis: Zu lange am selben Ort zu stehen, bringt nichts. «Die Gegenseite lernt extrem schnell», sagt Gantenbein. «Wir beobachten, aber wir werden auch beobachtet.»
Der angehaltene Holländer gibt sich kooperativ, er plaudert über das Wetter, zeigt sofort die verlangten Papiere. Als ihn die Grenzwächter weiter fahren lassen, gibt er dem Grenzwächter einen Klaps auf die Schulter. Doch Freundlichkeit ist für die Grenzwächter kein Grund zur Entwarnung. Es könne sich um ein Ablenkungsmanöver handeln, sagt Gantenbein. Auch ein «ich nix verstehen» könne einen taktischen Hintergrund haben. Ein anderer Grenzwächter macht sich nach 34 Dienstjahren keine Illusionen: «Wir werden öfters schamlos angelogen.»

Der Holländer zum Beispiel behauptet, er habe sich im Dreiländereck verfahren. Darum benutze er einen international nicht bedeutenden Grenzübergang. Überprüfen kann das niemand. Man dürfe nicht alles glauben, was man zu hören kriege, sagt der erfahrene Grenzwächter. Glauben heisse schliesslich, nicht zu wissen. «Sicher ist etwas erst, wenn es bewiesen ist.» Das ist dann aber nicht Aufgabe der Grenzwache. Diese versteht sich als eine anhaltende Behörde, oder in den Worten Gantenbeins als «der erste Sicherheitsfilter der Schweiz». Sie übergibt die verdächtigen Fälle an die zuständigen kantonalen Polizeibehörden. Was dann passiert, ist nicht mehr ihre Aufgabe. Gantenbein: «Wir sind Teil einer Sicherheitskette, die nur so gut ist wie das schwächste Glied.»