Der Fall der zwei muslimischen Schüler an der Sek Therwil, die ihrer Lehrerin nicht mehr die Hand schütteln wollten, stellt ein neues Kapitel in der langen Debatte um den Umgang mit religiösen Überzeugungen an unseren Schulen dar. Gab es bei der Kopftuch-Frage oder der Teilnahme am Schwimmunterricht jeweils verschiedenste Standpunkte, scheint hier die Öffentlichkeit mit einer Stimme zu sprechen: «So nicht.»

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

Auch die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) teilte am Montag mit, dass ein Händedruck zur Begrüssung zwischen Mann und Frau theologisch erlaubt und ein Ausdruck von Höflichkeit sei. Auch zwischen Lehrern und Schülern sei er unproblematisch, da er eine gute Beziehung etabliere, um gute Bildung und wirksame Integration zu erreichen. Erstaunlich zurückhaltend nimmt dagegen mit der Basler Muslim Kommission (BMK) der Dachverband der beiden Basel zum Thema Stellung. Gegenüber der bz nennt Sprecher Serhad Karatekin den Handschlag zwischen Schülern und Lehrern zwar auch «unproblematisch».

Art des Glaubens spielt eine Rolle

Doch dann ergänzt er: «Letztlich kommt es auch auf die religiöse Auslegung der betroffenen Familien an.» Theologisch betrachtet gäbe es nämlich schon Argumente gegen eine Berührung, die für junge Männer und Frauen ab deren Geschlechtsreife gelten würden – also auch für Sekundarschüler. «Wenn ein Schüler einen Händedruck mit einer Frau als grosse Sünde ansieht, ist es schwierig, ihn zu zwingen», sagt Karatekin. Es sei eine Frage der Auslegung der islamischen Schriften. Die Meinungen der Gelehrten seien hier different. Ein explizites Verbot gebe es im Koran aber nicht. Karatekin möchte deshalb nicht deutlicher Stellung beziehen. Jeden Fall müsse man mit einem Imam abklären.

Die Haltung «So nicht» unterstütze er aber sicher, wenn die Weigerung auf eine respektlose, beleidigende und für das andere Geschlecht demütigende Art geschehen würde. Der Fall Therwil sei der erste, der dem 35-Jährigen bis jetzt begegnet sei. Er bedauert, dass die betroffene Familie nicht vorgängig das Gespräch zur BMK gesucht habe. Karatekin selbst beschäftigt sich in einer BMK-Fachkommission mit der interreligiösen Problematik an den Schulen der Region. Dass nun weitum die Forderung nach klaren Richtlinien laut wird, die ein solches Verhalten sanktionieren, hält er für übertrieben: «Diese harte Haltung ist überflüssig. Mit Sanktionen kommt man nicht weit.»

Handbuch soll erweitert werden

Das sehen Beat Lüthy und Ernst Schürch anders. Die Präsidenten des Baselbieter Schulleiterverbands und der Amtlichen Kantonalkonferenz der Lehrer (AKK) folgen einem Grundsatz: «Alle Schüler sollen gleich behandelt werden.» Lüthy macht denn auch kein Geheimnis daraus, dass er wohl anders als die Schulleitung Therwil entschieden hätte. Diese beschloss, dass die beiden Schüler nun einfach gar keiner Lehrperson mehr die Hand geben sollen – egal ob Frau oder Mann: «Wir müssen unsere Werte verteidigen. Sonst drohen sie zu erodieren.»

Lüthy fordert vom Kanton verbindliche Richtlinien. Er schlägt vor, das bestehende Kapitel «Gelebte Religion und Schulalltag» des Handbuchs für Schulräte und Schulleitungen zu ergänzen. Dort sind erst die Themen Kopftuch (erlaubt), Schwimmunterricht, Schullager (beides für alle obligatorisch) und Hauswirtschaft (religiöse Speisevorschriften berücksichtigen) geregelt. «Der Satz ‹übliche Rituale sind zu befolgen› könnte bereits genügen, um die häufigsten Probleme zu umfassen.» Für den aktuellen Fall rechnet Lüthy nicht mit Sanktionen, doch danach müsse dies möglich sein.

Einzelfall oder nicht?

Dabei ist es ihm wichtig, zu betonen, dass es ihm nicht nur um den Umgang mit dem Islam gehe. So hätte sich erst im Januar eine Familie, die zu den Evangelisch Taufgesinnten gehöre, geweigert, ihre Kinder ins Skilager zu schicken. Dies mit der Begründung, die Kinder dürften nicht mit Andersgläubigen übernachten. «Das hat der Schulrat mit 1000 Franken pro Kind gebüsst», so Lüthy. Wie hoch die Sanktion bei der Verweigerung des Händedrucks sein müsse, könne er hingegen nicht abschätzen.

Es stellt sich sowieso die Frage, wie oft sich der Fall Therwil künftig an anderen Schulen wiederholt. Lüthy ist in Baselland kein ähnlicher Fall bekannt. Was er aber sehr wohl feststelle, sei, dass immer wieder muslimische Väter beim Elterngespräch die Lehrerin nicht respektierten und deshalb der Schulleiter auch anwesend sei. «Damit wollen wir zeigen, dass wir Respekt einfordern.» AKK-Präsident Schürch kann sich an einen «Handschlag-Fall» erinnern, den er selbst als Lehrer erlebt habe: vor 25 Jahren. Ein muslimisches Mädchen hätte plötzlich ab der achten Klasse ein Kopftuch getragen und sich von niemandem mehr berühren lassen. «Das war für mich in Ordnung», sagt Schürch, «weil sie eben nicht zwischen Männern und Frauen unterschied.» Die Diskriminierung der Frau sei es schliesslich, die den Fall Therwil zum Problem mache.