Als Hans Wüthrich (59) vom Eichenhof in Reigoldswil am letzten Samstag um halb vier Uhr morgens aufwachte, dachte er zuerst an Einbrecher, denn es tönte nach klirrenden Scheiben. Kaum aufgesessen im Bett, läutete das Telefon und sein Nachbar, der von den schreienden Kühen erwacht war und bereits die Feuerwehr alarmiert hatte, eröffnete ihm: «Bei dir brennts.»

Wüthrich rannte hinaus und sah, dass der Anbau mit dem Holzlager und der Speicher mit Futtermitteln, Dünger und Saatgut im Vollbrand standen. Und bereits züngelten die Flammen an der Scheune hinauf, die zwischen diesen Gebäuden und dem Wohnhaus steht. Wüthrich: «Ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, was los ist. Dann begann ich sofort, mit dem Schlauch von meinem Feuerlöschposten den Dachfirst der Scheune abzuspritzen.»

Eine seiner Mieterinnen, die bei der Feuerwehr mittut, legte derweilen eine Leitung vom Hydranten und unterstützte ihn, bis die Feuerwehr Wasserfallen und die Stützpunkt-Feuerwehr Liestal eintrafen und das Kommando übernahmen.

Etwas mehr als drei Stunden später war der Spuk vorbei und das Feuer gelöscht. Die vorläufige Bilanz: Das Holzlager und der Speicher sind inklusive Inhalt völlig niedergebrannt und die Scheune, die durch eine Brandmauer geschützt war, weist im First und an diversen weitern Stellen Brandschäden auf. Die Gebäudeversicherung schätzt den Schaden auf einen «wesentlichen sechsstelligen Betrag».

Kurzschluss oder Brandstiftung?

Zudem vermisst Wüthrich drei Rinder. Denn in der Hitze des Gefechts liess jemand die acht Tiere im nahen Rinderstall frei; fünf konnten inzwischen eingefangen werden, drei sind spurlos verschwunden. Wüthrich sagte gestern: «Das Ganze ist ‹Scheisse› und wäre wirklich nicht nötig gewesen. Aber wir hatten grosses Glück, dass weder Personen noch Tiere zu Schaden kamen und dass dank dem Einsatz von Feuerwehr, Mietern und Nachbarn das Wohnhaus nicht betroffen ist. Jetzt fangen wir halt wieder an, aufzubauen.» Zumindest könne er sich damit Zeit lassen, weil der Alltagsbetrieb weitgehend normal weiterlaufe. Auch rechnet er dank der Versicherung nicht mit finanziellen Einbussen.

Als Brandursache stehen für Wüthrich zwei Möglichkeiten im Vordergrund — ein Kurzschluss oder Brandstiftung. Allerdings hat Meinrad Stöcklin, Mediensprecher der Baselbieter Polizei, «bis dato keine Hinweise auf Brandstiftung». Die Kriminaltechnik sei aber noch am Abklären.

Zumindest finanziell mehr Sorgen bereitet Wüthrich ein anderes Ereignis, das ihn kürzlich ebenfalls in der Nacht aufschrecken liess: Vor dreieinhalb Monaten barst einige Dutzend Meter unterhalb seines Hofs die Transportleitung des Gasverbunds Mittelland. Als Wüthrich damals das ohrenbetäubende Dröhnen vom ausströmenden Gas hörte, war für ihn sofort klar, was los war. Er alarmierte als Erster den Gasverbund, wo der Diensthabende darauf umgehend die nächsten Schieber in Seewen und Oberbuchsiten schloss.

Schrecken, Angst und nicht abzuschätzender Schaden

Wüthrich aber blieb nebst dem Schrecken und der anfänglichen Angst, das ausgetretene Gas könnte sich entzünden, auch ein noch nicht abzuschätzender Schaden. Denn als mögliche Ursache für den erstmaligen Bruch einer Gasleitung in der Schweiz steht die Inertstoffdeponie im Vordergrund, die zwischen Wüthrichs Hof und der Bruchstelle liegt. Wüthrich ist an dieser vor zwei Jahren eröffneten Deponie zusammen mit der Bürgergemeinde Reigoldswil und dem Bauunternehmen Tozzo beteiligt. Das heisst, er hat die Vorinvestitionen finanziell mitgetragen und partizipiert an den Deponieeinnahmen.

Doch mit Letzterem ist zumindest vorerst Schluss, denn seit dem Gasleitungsbruch darf kein Material mehr auf der Deponie abgelagert werden. Wann und ob überhaupt je die Deponie wieder in Betrieb geht, ist offen. Wüthrich sagt dazu: «Jetzt ist das schlimmste Szenario eingetroffen. Das gibt Juristenfutter und beschäftigt mich sehr.»