Von einer «Alibi-Übung» spricht der Basler Nationalrat Markus Lehmann (CVP), vor einer «Einschränkung persönlicher Freiheiten» warnt Ratskollege Daniel Stolz (FDP). Die Rede ist von der Änderung des Personenbeförderungsgesetzes, über die der Nationalrat nächsten Mittwoch debattiert. Darum gehts: Fussball- und Eishockeyfans sollen dazu verpflichtet werden können, in Extrazügen und -bussen an Auswärtsspiele zu reisen. So will es der Bundesrat. Zudem sollen die Schäden, die hier angerichtet werden, auf die Klubs abgewälzt werden können.

Familienvater im Zug mit Szenefans

Von den Massnahmen besonders betroffen wäre der FC Basel als Schweizer Verein mit der grössten Fanbasis. Entsprechend gross ist die Skepsis in der Region gegenüber den Plänen des Bundesrats. Markus Lehmann schüttelt über die Lockerung der Transportpflicht den Kopf: Damit würde der Familienvater gezwungen, gemeinsam mit den Hardcore-Fans im Extrazug anzureisen. Stelle sich die Frage nach der Kontrolle dieser Regel: Wie könne im Einzelfall ein Fussballfan von einem gewöhnlichen Reisenden unterschieden werden? Daniel Stolz hält es generell für falsch, einen bestimmten Personenkreis vom fahrplanmässigen Verkehr auszusperren. «Als Nächstes diskutieren wir darüber, ob Besucher von Open-Air-Festivals Züge benützen dürfen.»

Im Umfeld des FCB werden die Fans seit Jahren in Extrazügen an Auswärtsspiele gefahren. Gemäss Bundesrat fehlt aber bis heute eine gesetzliche Grundlage, welche die Fans dazu zwingt und somit kanalisiert. Der Bundesrat sieht die Massnahme denn auch als Ergänzung zum Hooligan-Konkordat. Dieses erlaubt den Kantonen, bei Hochrisikospielen die Abgabe von Kombitickets für Anreise und Spiel einzufordern.

Für Fanarbeiter Thomas Gander ist das neue Gesetz der falsche Weg. Die heutige Lösung bewähre sich. Die Extrazüge würden nicht vom Verein, sondern von den Fans organisiert – was garantiere, dass diese Verantwortung übernehmen. «Zudem weiss die Polizei: Die Fans aus der Kurve sitzen im Extrazug. In uns Begleitern hat sie Ansprechpartner, mit denen sie jederzeit telefonieren kann.» Werde an diesem Modell geschraubt, könnte es auseinander fallen. Dann würde das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Fans, die plötzlich wieder individuell anreisen, von neuem beginnen.

Weniger Fans an Auswärtsspielen

Kurioserweise verärgert die Fanzug-Pflicht nicht nur die Treuen aus der Kurve, die an jedes Spiel fahren, sondern vergrault jene, die dies bloss gelegentlich tun und nicht mit dem Fanzug anreisen wollen. «Die Regel führt vor allem dazu, dass die sogenannten Durchschnittsfans den Auswärtsspielen fernbleiben. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein.»

Bei den SBB beurteilt man die Vorschläge hingegen positiv: «Wir begrüssen grundsätzlich jede Massnahme, die verhindert, dass die Kosten für Fantransporte ausufern», sagt SBB-Mediensprecher Christian Ginsig. Nachdem jahrelang keine schweizweite und nachhaltige Lösung gefunden werden konnte, gelte es, die Frage nach der Kostenverteilung politisch zu klären. Die SBB wünschen, dass die Vereine die Verantwortung für die Fans auch auf dem Transportweg übernehmen. Der Aufwand für die Transporte würde damit als Ganzes abnehmen, sind die SBB überzeugt.

Pro Jahr fallen bei den SBB ungedeckte Kosten für Fanzüge von 3 Millionen an – davon sind zehn Prozent (rund 300'000 Franken) auf Beschädigungen zurückzuführen. Gander mag diese Zahl nicht verharmlosen, findet aber, sie sei angesichts der vielen Fans, die an Auswärtsspiele reisten, in ein Verhältnis zu setzen. Pro Saison sind es 100'000 Fans in 260 Extrazügen. Lehmann folgert: Hier werde Politik für die Galerie betrieben. «Was das Gesetz bezweckt, ist mir nicht klar.» In der Fanpolitik gebe es nur zwei Wege, die Erfolg versprechen: den des Dialogs und der Prävention.