«Unbemerkt vom öffentlichen Interesse hing über Pfingsten die Stromversorgung des gesamten EBM-Netzgebiets quasi an einem Faden», heisst es in einem internen Rundschreiben der Elektra Birseck Münchenstein (EBM): Der Kabelkeller des Unterwerks Lachmatt in Pratteln stand hüfttief unter Wasser, die automatischen Schaltungen schalteten die Trafos ab, EBM und die Elektra Baselland (EBL) verloren in Pratteln den Kontakt zum Hochspannungsnetz der Swissgrid. Bei der EBM hing nun alles am neuen Unterwerk Frolo in Therwil. Die EBL verfügte nur noch über den Einspeisepunkt Ormalingen und musste im unteren Kantonsteil teilweise auch über Frolo versorgt werden.

Matthias Wolf, Ingenieur Netzschutz bei der EBL spricht von einer «aussergewöhnlichen Krisensituation». EBM-Sprecher Jo Krebs meint, man habe Glück gehabt, dass das Unterwerk über die Feiertage ausgefallen sei: «An einem Werktag, wenn die Produktion läuft, wäre es mit der Stromversorgung eng geworden.» Deshalb hat die EBM am Samstag um 23 Uhr die «relevanten Industriekunden» per Mail darüber informiert, dass die Versorgungssicherheit reduziert sei. Bei den Industriellen Werken Basel (IWB) fragte die EBM nach, ob sie notfalls am Diensttag zusätzlichen Strom von zwei Generatoren aus dem IWB-Anteil des Kraftwerks Birsfelden bekommen könnte, denn wegen hängigen Einsprachen gegen Leitungsbau bekommt man den Strom nur beschränkt aus der Frolo weg.

Schränke mit automatischen Schaltanlagen unter Wasser.

Schränke mit automatischen Schaltanlagen unter Wasser.

EBM und EBL betonen aber, dass das Konzept der redundanten Versorgung, also der Versorgung über mindestens zwei Leitungen, sich bewährt habe. Wäre aber das Unwetter nicht auf Muttenz beschränkt gewesen und die Zuleitung zum Unterwerk Frolo unterbrochen worden, hätte die Nordwestschweiz nur noch über Ormalingen und aus den Kraftwerken Augst und Birsfelden Strom bekommen. «Man hätte Last abwerfen müssen», erklärt EBM-Teamleiter Unterwerke, Andreas Ruch, also Grosskunden und einzelne Netzregionen abschalten müssen: Blackout.

Ohne Renaturierung schlimmer

Wie kommt es, dass eine vital wichtige Infrastruktur überschwemmt wird? Der erste Verdacht fällt auf ein Renaturierungsprojekt: Das oben am Hang entspringende «Lahallenbächli» wurde 2015 durch die Gemeinden Muttenz und Pratteln ausgedolt. Ein Teil fliesst nun nach Muttenz, der andere in die Prattler Lachmatt, wo es im Schotter versickert. Dafür wurde ein Tümpel angelegt, der am Samstag überlief, weshalb das Wasser via Kabelkanäle den Unterwerks-Keller flutete.

Projektleiter Werner Götz vom gleichnamigen Ingenieurbüro erklärt aber: «Ohne Renaturierung wäre doppelt so viel Wasser in die Anlage geflossen.» Die Dolen-Leitungen seien verstopft und unterbrochen gewesen, da der lehmige Hang ständig rutscht. Dies bestätigt Kantonsingenieur Oliver Jacobi: «Vor der Ausdolung wären die ganzen Wassermassen gemäss Naturgefahrenkarte in das Unterwerk geflossen.» Ruch teilt diese Einschätzung: «Als man vor einem halben Jahrhundert hier baute, war man sich der Gefahr nicht bewusst.» In der Tat ist das Gebiet in der Naturgefahrenkarte, die es erst seit 2011 gibt, als überschwemmungsgefährdet registriert. Fazit: Am Pfingstsamstag kam einfach mehr Wasser als erwartet, man spricht von einem Ereignis, wie es nur alle 30 Jahre vorkomme.

Konsequenzen für die Zukunft

Auf die Notfallmassnahmen in der Stromversorgung konnte man verzichten, da man bereits am Montag, also bevor am Dienstag der Stromverbrauch anstieg, die Anlage wieder in Betrieb nehmen konnte. Dazu trugen gemäss dem Prattler Stabschef Marcel Schaub nicht nur die eigene Feuerwehr, sondern auch der Zivilschutz und die Feuerwehren Sissach und Basel-Stadt mit Pumpen und Manpower bei.

Als der Keller leer war, wurde mit Spezialmitteln die Feuchtigkeit aus den elektrischen Kontakten verdrängt und zerstörte Steuerungselemente mit mobilen Geräten überbrückt. «Da nur Steuerung und Stromversorgung der Anlage unter dem Wasser gelitten hatte und die Trafos intakt sind, sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen», stellt Ruch fest. Doch in Zukunft bringe man sensible Anlagen in höhere Stockwerke, der überlaufende Teich bekomme einen grösseren Abfluss und die Gebäude würden besser gegen eindringendes Wasser geschützt.