Es kommt selten vor, dass in einem Verfahren wegen Sexualdelikten ein männliches Opfer vor einem rein weiblichen Richtergremium aussagt. Doch an der Hauptverhandlung im Baselbieter Strafgericht in Muttenz fiel ein Richter wegen Krankheit aus, und so wurde der heute 25-jährige Mann am Montag von drei Richterinnen befragt. Dies war nur möglich, weil der Mann sowie sein Anwalt dem Vorgehen zugestimmt hatten.

Der 25-Jährige hatte im Jahr 2015 nach einer psychotherapeutischen Behandlung Strafanzeige erstattet. Es ging um Delikte aus dem Jahr 2008: Damals verabredete er sich über das Datingportal Gayromeo (heute: planetromeo) mit gleichaltrigen wie auch mit erwachsenen Männern. So besuchte er einen Mann in dessen Wohnung in Binningen. Er habe gleich klargestellt, dass es ihm lediglich um Freundschaft gehe und dass er erst 15 sei, bestätigte der Mann am Montag.

Doch bei den zahlreichen Besuchen sei er regelmässig müde geworden und habe sich schlafen gelegt. Der Vorwurf: Der erwachsene Gastgeber habe ihn wohl mit einer Substanz betäubt und dann ungeschützten Analverkehr an ihm vollzogen. Er sei aufgewacht und habe erst dann gemerkt, was da ablaufe. Mit den sexuellen Handlungen sei er nicht einverstanden gewesen.

Der Angeklagte

Angeklagt ist ein 46-jähriger Mann, der nach der Strafanzeige im November 2015 drei Tage lang in Untersuchungshaft sass. Auf seinem Mobiltelefon fand man Aufnahmen, die auf weitere mögliche Opfer hindeuteten: Darunter ein damals 14-Jähriger, der sich für 16 ausgegeben hatte.

Der 46-Jährige gab die sexuellen Handlungen zu, bestritt aber, jemanden irgendwie betäubt zu haben. Das erste Opfer sei lediglich ein- oder zweimal bei ihm gewesen, und den 14-Jährigen habe er fälschlicherweise für älter gehalten und nicht nach dem Ausweis gefragt. «Hätten Sie nicht nachfragen müssen? Sie sagten in der Untersuchung selber mal, auf planetromeo würden sich manche älter machen als sie sind», fragte eine Richterin. Was die zwei damals miteinander besprochen haben, blieb allerdings unklar.

Das Gericht befragte noch einen Gutachter, der die vierminütige Videosequenz auf dem Mobiltelefon analysiert und den Zustand des damals 15-Jährigen eingeschätzt hatte. Eine Bewusstlosigkeit könne er klar ausschliessen, doch eine Einschränkung der Wahrnehmung lasse sich weder beweisen noch widerlegen. Die Staatsanwaltschaft hat den Mann unter anderem wegen Schändung angeklagt, was eine Widerstandsunfähigkeit beim Opfer voraussetzt.

Urteil heute

Beim 14-Jährigen geht es unabhängig vom Konsens um Sex mit einem Minderjährigen. «Er war bereit, die offensichtlich falschen Altersangaben des noch sehr jugendlich wirkenden Jungen zu glauben. Er handelte damit nicht fahrlässig, sondern eventualvorsätzlich», betonte Staatsanwältin Sandra Altherr. Sie forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren für den 46-Jährigen wegen Schändung, sexueller Handlungen mit Minderjährigen und weiterer Delikte. Die Hälfte der Strafe soll der Mann absitzen.

Verteidiger Dieter Thommen hingegen sagte, es gebe bei den Aussagen der Opfer zahlreiche Ungereimtheiten, man müsse von einvernehmlichen Sexualkontakten ausgehen. Beim minderjährigen Opfer habe sich sein Mandant im Alter getäuscht, nebst den Freisprüchen genüge hier eine Geldstrafe wegen Fahrlässigkeit. Das Urteil wird am Dienstag gefällt.