Gelterkinden und der Bezirkshauptort Sissach haben viele Ähnlichkeiten. Sie sind die grössten Gemeinden im Oberbaselbiet. Besteht eine Rivalität?

Christine Mangold: In früheren Jahren war dies tatsächlich der Fall, aber eher emotionaler Art. In der jüngsten Vergangenheit und in die Zukunft blickend kann man gar nicht mehr von Rivalität reden. Sissach und wir übernehmen viele Zentrumsfunktionen, Gelterkinden vor allem fürs Oberbaselbiet. Beide Gemeinden sind sich schon lange bewusst, dass sie nicht gegen-, sondern miteinander arbeiten müssen. Wir pflegen eine gute Gesprächskultur. Früher hatte einmal Gelterkinden mehr Einwohner, dann wieder Sissach. In den vergangenen Jahren hat uns der Bezirkshauptort aber klar überflügelt, was wir in absehbarer Zeit nicht wettmachen können. Doch wir freuen uns, dass wir kürzlich die 6000er-Marke auch übertroffen haben.

Wenn es um Zahlen geht, vergleichen Sie bestimmt zuerst mit Sissach.

Ja, weil wir von der Einwohnerzahl her etwa gleich gross sind. Vergleiche machen durchaus Sinn, zum Beispiel bei Organisationen wie der Spitex. Allerdings hat Sissach mehr Gewerbe und Industrie. Davon mangelt es bei uns leider nach wie vor.

Kann Ihre Gemeinde weiter wachsen?

Die Stimmung im Gemeinderat zeigt eindeutig, dass die Einwohnerzahl gesteigert werden soll und wir uns weiterentwickeln wollen. Während einer gewissen Zeit stagnierten wir, weil Gelterkinden nicht genügend Bauland zur Verfügung hatte. Unterdessen hat sich aber einiges getan. Die Lärmschutzwände entlang der Bahnlinie sind zwar unschön, für uns aber entscheidend. Denn wegen der Lärmschutzverordnung durften wir betreffende Gebiete nicht erschliessen. Dank dieser Lärmschutzwände haben wir Bauland neu erschliessen können, das nun bebaut wird. Dies ermöglicht uns ein Bevölkerungswachstum. Das gibt wieder Schub, und wir spüren, dass Leute nach Gelterkinden ziehen und hier wohnen möchten. Dass Gelterkinden als Wohngemeinde beliebt ist, stellen wir auch daran fest, dass alle Baulandparzellen, welche die Gemeinde zur Zeit im Baurecht abgeben kann, überbaut sind.

Wie soll sich die Einwohnerzahl entwickeln?

Wir rechnen pro Jahr mit einem Wachstum von 0,5 Prozent. Derzeit sind wir gut im Plan. Gemäss den Baulandreserven können wir davon ausgehen, dass Gelterkinden Platz für rund 6500 Einwohnerinnen und Einwohner hat.

Beim Ansiedeln von neuem Gewerbe hapert es aber.

Ja, leider. Betriebe wie früher Maloya und Bally oder Ikea fehlen uns heute. Unsere Gewerbezone ist vor allem hinter dem Bahnhof angesiedelt. Dieses Gebiet haben wir vor ein paar Jahren mit einer neuen Strasse besser erschlossen – und damit ein seit vielen Jahren bestehendes Problem behoben. Wir sind in guten Gesprächen mit den Grundbesitzern, denen wir unsere Unterstützung bei der Suche nach interessierten Firmen anbieten. Auch mit der kantonalen Wirtschaftsförderung tauschen wir uns regelmässig aus. Dieses Gewerbegebiet ist für unsere Gemeinde von grosser Bedeutung. Mit neuen Firmen können Arbeitsplätze geschaffen und zusätzliches Steuersubstrat generiert werden. Das ist eine grosse Herausforderung, und wir müssen am Ball bleiben.

Eines der grössten Projekte, die anstehen, ist das neue Hallenbad. Wie weit ist man fortgeschritten?

Die Baukommission arbeitet schon seit einiger Zeit auf Hochtouren. Sie muss alles daransetzen, die Kosten im Griff zu haben, weshalb immer wieder Zusatzschlaufen nötig sind. Das Baugesuch ist eingereicht. Wenn alles rund läuft, kann die Gemeindeversammlung im kommenden Juni über den Baukredit abstimmen. Im Herbst 2018 sollte das neue Hallenbad betriebsbereit sein.

Das Hallenbad wird gegen 20 Millionen Franken kosten, fünf Millionen bezahlt der Kanton. Von den umliegenden Gemeinden erwarten Sie gesamthaft eine Million Franken. Sind Sie zuversichtlich, dass dieses Geld zusammenkommt?

Ob es am Schluss eine Million ist, kann ich heute nicht sagen. Aber wie es momentan aussieht, kann ich mir vorstellen, dass wir an diesen Beitrag herankommen. Höchst erfreulich ist: Einige Gemeinden haben schon Beiträge gesprochen. Andere stehen kurz vor dem Entscheid. Die umliegenden Dörfer sowie deren Gemeinderäte stehen hinter dem Hallenbad. Das freut mich sehr, ist aber auch sehr wichtig. Dieses Signal zeigt den Einwohnerinnen und Einwohnern von Gelterkinden, dass die Region Oberbaselbiet ihren Beitrag an den Neubau eines Hallenbads leisten will. Es ist nicht nur ein Hallenbad für Gelterkinden, sondern für die ganze Region. Wir sind auf diese Unterstützung angewiesen, denn der Brocken für uns als Standortgemeinde ist enorm gross.

Sissach steht mit einer neuen Eishalle ebenfalls vor einem grossen Projekt. Fordern Sie auch vom Bezirkshauptort Geld?

Nein. Wir sind gar nicht an Sissach herangetreten. Vor vielen Jahren haben sich Sissach und Gelterkinden darauf geeinigt und dies schriftlich festgehalten, dass wir das Hallenbad haben und Sissach die Kunsteisbahn. Von beiden Angeboten profitiert die Region. Deshalb macht es nicht gross Sinn, Geld zwischen Sissach und Gelterkinden herumzuschieben.

Von den Einkaufsmöglichkeiten her ist Gelterkinden gut bedient, Ihr Dorf ist stark ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden.

Das ist so. Alles, was man für den Alltag benötigt, findet man hier in Gelterkinden. Ein vielfältiges Dienstleistungs- und Einkaufsangebot wird durch zahlreiche Klein- und Mittelbetriebe sichergestellt. Gelterkinden verfügt über eine gute Anbindung an den öV. Einziger Wermutstropfen ist der fehlende Halt des Schnellzugs von und nach Zürich. Das wäre ein weiterer Standortvorteil. Die Baselbieter Regierung unterstützt uns zwar in unserem Bestreben, doch bei den SBB sind wir bis jetzt auf taube Ohren gestossen.

Ende Februar 2016 sind Gesamterneuerungswahlen. Obwohl Sie schon fast zwei Jahrzehnte Gemeinderätin sind, treten Sie nochmals an. Weshalb?

Ich habe mir das sehr gut überlegt und mir schon Gedanken gemacht, dass nun der Moment gekommen wäre zu sagen: Jetzt ist genug; es war toll. Aber wir haben zwei grosse Projekte, an denen wir vertieft arbeiten. Das möchte ich mit meinen Gemeinderatskollegen noch sauber auf die Schiene bringen. So ist Kontinuität gewährleistet. Dies gab den Ausschlag, mich nochmals der Wahl zu stellen.

Welches sind neben dem Hallenbad die grössten Projekte in den kommenden Jahren?

Harmos bringt es mit sich, dass auch unsere Gemeinde zusätzlichen Schulraum benötigt und ein Erweiterungsbau realisiert werden muss. Anfang 2016 beginnen wir, die Begegnungszone umzusetzen. Etliche Tiefbauarbeiten werden ausgeführt; dabei handelt es sich vor allem um Gemeinschaftswerke mit der Elektra Baselland, die den Dorfkern mit Fernwärme aus einer Schnitzelheizung auf dem Maloya-Areal versorgt. Damit werden wir im Dorf erneut einige Baustellen haben, nachdem wir schon im vergangenen Jahr oftmals auf das Verständnis unserer Bevölkerung angewiesen gewesen sind. Die Suva hat von der Gemeinde zwei Parzellen im Gebiet Bützenen im Baurecht übernommen und wird in absehbarer Zeit Alterswohnungen realisieren; dies ist für unsere Gemeinde ein Glücksfall. Bei all diesen Vorhaben müssen wir Finanzen und Zeitplan strikt im Auge behalten, damit wir keine bösen Überraschungen erleben. Das fordert uns heraus.

Frau Mangold, Sie gehörten während zehn Jahren dem Landrat an und haben reichlich Erfahrung als Exekutivmitglied einer kommunalen Behörde. Derzeit ist die Zusammenarbeit zwischen Kanton und Gemeinden konfliktbeladen. Sie kennen aufgrund Ihrer politischen Vergangenheit beide Seiten. Wie beurteilen Sie die Situation?

Für mich war es immer sehr bereichernd, in beiden Gremien mitzuwirken. Im Gelterkinder Gemeinderat sind wir froh, dass jemand die Abläufe im Kanton kennt, und im Landrat ist es auch hilfreich, wenn die Sachzwänge der Gemeinden bekannt sind. Das fördert das gegenseitige Verständnis. Davon profitiere ich noch heute. Zurzeit ist der Kommunikation zwischen Kanton und Gemeinden höchste Priorität einzuräumen. Denn die vom Kanton vorgegebene Finanzstrategie betrifft auch die Gemeinden. Da die finanzielle Situation nicht nur beim Kanton, sondern auch bei den Gemeinden angespannt ist, müssen beide Partner wissen, was geplant ist und mit welchen Massnahmen gerechnet werden muss. Verlässlichkeit ist in schwierigen Zeiten das oberste Gebot. Es geht nur gemeinsam – die Gemeinden brauchen einen starken Kanton, der Kanton braucht starke Gemeinden.