In den meisten Fällen begleiten Mitarbeiter der Sterbehilfevereinigung Exit die Menschen bei sich zu Hause in den Tod. Doch nicht alle Menschen, die auf diese Art gehen wollen, haben ein Zuhause. Um ihnen den Wunsch, selbstbestimmt zu sterben, dennoch erfüllen zu können, hat Exit vor 12 Jahren ein Sterbezimmer in Zürich eingerichtet.

Dort wurden seither etliche Menschen, darunter auch Basler, in den Tod begleitet. Sie reisten aus Altersheimen oder Spitälern an, wo Sterbehilfe aus moralischen oder religiösen Gründen verboten ist. Die Reisen sind für die Sterbewilligen oft beschwerlich, weshalb Exit nun ein weiteres Sterbezimmer in der Region einrichten will. Hier fängt das Problem an.

Acht Suizide nach Ladenschluss

Das Sterbezimmer soll im bereits bestehenden Beratungsbüro an der Hauptstrasse in Binningen eingerichtet werden. Das passt nicht allen, wie die «Schweiz am Sonntag» im vergangenen Herbst erstmals berichtete. Weil in der Nachbarschaft nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt werde, müsste Exit einen anderen Ort für die begleiteten Suizide finden, fordern die Gegner. 19 Einsprachen gingen ursprünglich gegen das Zimmer ein, inzwischen sind es noch fünf. Die restlichen 14 wurden zurückgezogen, wie Exit-Präsidentin und Anwältin Saskia Frei gestern erfuhr. Glücklich ist sie darüber aber nicht.

Sie bedauert, dass eine von Exit einberufene Info-Veranstaltung vom November nicht dazu geführt hat, dass alle Einsprachen zurückgezogen wurden. «Viele Anwesende konnten wir überzeugen, aber eben nicht alle», sagt sie. Dennoch: Die Zusicherung, in Binningen jährlich maximal acht Personen in den Tod zu begleiten und dies jeweils erst nach Ladenschluss, habe so manchen Einsprecher überzeugt, glaubt sie.

Garantiert kein Sterbetourismus

Ausserdem versprach Exit, keinen Sterbetourismus betreiben zu wollen, zumal dies die Statuten ohnehin verböten. Demnach können nur in der Schweiz wohnende Menschen die Unterstützung von Exit beanspruchen. Diese Auflage brachte die Gemeinde Binningen dazu, ihre Einsprache zurückzuziehen. «Unser Ziel, Sterbetourismus zu verhindern, ist erreicht», sagt Gemeinderätin Mirjam Schmidli. Doch die Gemeinde war nur einer von 19 Gegnern. Der Binninger Georges Fünfschilling gehört zu den fünf Personen, die an ihrer Einsprache festhalten.

Weder die beschränkte Anzahl der Sterbenden, noch die Tatsache, dass Exit erst nach Ladenschluss aktiv würde, können ihn besänftigen. Seine Argumentation bleibt dieselbe: Die Privatsphäre der Anwohner der Hauptstrasse würde durch das Sterbezimmer auch nach Ladenschluss erheblich gestört, zumal es dann oft noch hell sei und die «Freitodbegleitungsstätte» von beinahe allen Seiten gut sichtbar sei. Seiner Meinung nach gehört ein solches Zimmer in eine Industrie- und Gewerbezone. Fünfschilling beruft sich auf einen Entscheid des Bundesgerichts, das die Frage nach der Zone 2010 für eine Zürcher Gemeinde zuungunsten der Organisation Dignitas beantwortete. Dignitas scheiterte mit dem Vorhaben, ein Sterbezimmer in einer «Wohnzone mit Gewerbeerleichterung» einzurichten.

Fünfschilling ist nicht der einzige, der sich auf diesen Bundesgerichtsentscheid stützt. Exit tut es ebenfalls. Doch laut Exit handelt es sich bei der Hauptstrasse um eine Zone, in der ein solches Zimmer erlaubt sein müsste. Was das Bauinspektorat Liestal dazu meint, ist offen. Der Entscheid steht aus. Und bevor dieser fällt, wird möglicherweise eine ähnliche Diskussion in der Stadt lanciert: Gemäss Kantonsblatt ersucht der Sterbebegleitungs-Verein Lifecircle um eine Bewilligung für die Umnutzung eines bestehenden Raumes an der Hegenheimerstrasse in ein Sterbezimmer. Was aus dem Kantonsblatt nicht ersichtlich wird, in der «Schweiz am Sonntag» aber schon zu lesen war: Das Zimmer wird bereits seit zwei Jahren für diesen Zweck genutzt. Anders als Exit hat Lifecircle seinerzeit jedoch kein Gesuch eingereicht – und daher keine Gegner auf den Plan gerufen.