In diesen Tagen schreibt Vikki Panetti aus Binningen ihrem Bruder Scott einen Brief. Es könnten die letzten Worte sein, die sie an ihn richtet. Denn Scott Panetti ist zum Tode verurteilt.

Kommenden Mittwoch, 18 Uhr Ortszeit, soll Scott Panetti im Staatsgefängnis von Texas in Livingstone wegen Doppelmords durch die Giftspritze sterben. Dabei leidet er seit seiner Jugend an Schizophrenie – und gehört darum in eine Psychiatrische Klinik, nicht aber in eine Todeszelle.

«Ich weiss nicht, was ich ihm schreiben soll», sagt Vikki, die vor sechs Jahren von Los Angeles zu ihrem Mann Toni, einem Binninger, in die Region gezogen ist und hier als Stylistin arbeitet. «Ich will mich von ihm verabschieden. Aber es soll nicht so tönen, als hätten wir den Kampf um ihn aufgegeben. Er darf nicht den Eindruck erhalten, er wäre schon tot.»

Als Cowboy im Gerichtssaal

Es ist nicht das erste Mal, dass Vikki vom Todesdatum ihres Bruders erfährt. Schon 2007 sollte der 56-Jährige, der mittlerweile über zwei Jahrzehnte seines Lebens hinter Gittern verbracht hat, exekutiert werden. Scott, zuvor schon medikamentensüchtig, brachte 1992 im Wahn seine Schwiegereltern um. Nur Stunden vor der tödlichen Injektion hob der Supreme Court, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, das Urteil vorläufig auf. Texas habe beim Verfahren, rügten die Bundesrichter, schwere Fehler begangen.

Panettis Fall wirft ein zwielichtiges Licht auf die US-Justiz und hat weltweit für Aufsehen gesorgt – auch in der Schweiz. So setzte sich 2007 auch alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, damals Aussenministerin, für ihn ein. Hauptkritikpunkt ist, dass Scott sich selber verteidigen durfte, als ihm 1995 der Prozess gemacht wurde. Dies erlaubte ihm Steven Ables, damals Richter des zuständigen Bezirksgerichts. Der Angeklagte erschien in einem Cowboy-Kostüm im Gerichtssaal, polterte herum und berief unter anderem den Papst in den Zeugenstand. «Es war ein schreckliches Schauspiel», erinnert sich Vikki. «Er glaubte, dass Satan ihn töten wolle. Wir sassen da und konnten nichts tun.» Für Scott hatte die makabre Show schwere Folgen. Die eingeschüchterte Jury befand ihn für schuldig – das Todesurteil.

Scott ist Navy-Veteran

Dabei hätte es gar nicht zu diesem Prozess kommen dürfen. Denn Scotts Krankheit ist reichlich dokumentiert. Sie brach mit 19 Jahren aus, kurz nach seiner ehrenhaften Entlassung aus der Navy. Vor der Tat wurde er insgesamt zwölfmal in eine Klinik eingeliefert. Der Veteran erhielt Medikamente, nahm diese aber nur unregelmässig ein und verwahrloste. Am 8. September 1992 dann der schicksalhafte Tag: Er fährt mit einem Gewehr bewaffnet zum Haus seiner Schwiegereltern. Dort ist seine Frau wenige Monate zuvor mit der gemeinsamen dreijährigen Tochter eingezogen, weil sie es nicht mehr mit ihm aushielt. Er erschiesst die Schwiegereltern, lässt aber Frau und Tochter unbehelligt. Stunden später ergibt er sich.

Wie es Scott geht, weiss Vikki nur von ihren Eltern. Diese durften ihn vor zwei Wochen zum letzten Mal sehen. Die Zustände im Staatsgefängnis lassen auf zahlreiche Missstände schliessen. «Das Personal nimmt Scott immer wieder das Briefpapier weg, damit er uns nicht schreiben kann», sagt Vikki. In der Not beschrieb Scott Tee-Papierchen. Die Schwester in der Schweiz besitzt mittlerweile einen ganzen Stapel der Tütchen. Einige Nachrichten sind wirr, andere humorvoll. Auf einem Säckchen hat Scott «Ich liebe Dich Tee» geschrieben – auf Deutsch.

Seit das Todesdatum bekannt ist, wenden die Familie und Organisationen wie Amnesty International wieder alle Kraft auf, um die Vollstreckung zu verhindern. Vikki organisiert von Binningen aus eine Unterschriftensammlung, Freunde helfen ihr dabei. Die Anwälte der Familie haben einen Antrag eingereicht, mit dem sie eine Begnadigung und eine Umwandlung der Strafe in lebenslängliche Haft erwirken wollen – bisher vergeblich. Sie begründen den Antrag auch damit, dass Texas seit sieben Jahren nicht mehr abklären liess, ob Scott zurechnungsfähig ist. Das wäre jedoch die Voraussetzung dafür, dass das Urteil überhaupt vollstreckt werden dürfte: Der Angeklagte muss geistig in der Lage sein, den Zusammenhang zwischen seiner Tat und dem Todesurteil wirklich zu verstehen – genau so argumentierten auch die US-Bundesrichter, als sie 2007 die Exekution vorläufig aufhoben.

Je näher der 3. Dezember rückt, desto mehr Medien greifen Scotts Geschichte auf. Und seit kurzem hat sich auch Ron Paul, Ex-Senator und Präsidentschaftskandidat 1988, gegen die Vollstreckung ausgesprochen. Das gibt der Familie Hoffnung. Rick Perry aber, Gouverneur von Texas, schweigt zum Fall; er könnte Scott begnadigen.

«Wir dürfen nicht aufgeben», sagt Vikki, die am Mittwoch mit ihrem Ehemann in ihr Geburtsland geflogen ist. «Nur schon wegen Scott. Er darf einfach nicht denken, wir hätten ihn schon fallen gelassen.»