Wann sie raus müssen, ist noch unklar. Doch der Brief, den rund 85 Mietparteien an der Birseckstrasse 4 bis 12 in Birsfelden erhalten haben, ist eindeutig: Die drei Blöcke, Baujahr 1956, sollen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden, teilt ihnen die Verwaltung Wincasa mit. Denn eine Sanierung sei «nicht zielführend» und «nicht nachhaltig». Ersatz wird nicht in Aussicht gestellt, den Bewohnern wird früher oder später gekündigt werden.

Derzeit wohnen in den 1- bis 4-Zimmer-Wohnungen vor allem ältere Menschen, teils seit einigen Jahrzehnten. Eine langjährige Bewohnerin, die anonym bleiben will, sagt, dass die Wohnungen in den letzten Jahren immer gepflegt worden seien. Die Mieten seien so tief, dass die Bewohner nur Kleineres für mehr Geld finden würden. «Und ein 85-Jähriger kann nicht in eine neue Wohnung in einem fremden Umfeld ziehen.» Denn in den abrissgeweihten Häusern gebe es derzeit eine Gemeinschaft, in der man noch zueinander schaue. Sie fragt sich jetzt, ob es für die alten Mieter genug Altersheimplätze gebe.

Pikant ist: Die Gemeinde bietet Hand für den Neubau. Vor zwei Jahren hat sie nämlich ein Stadtentwicklungskonzept präsentiert. Darin geht es in erster Linie um die Entwicklung des Zentrums, in Birsfelden ein politischer Dauerbrenner. Es ist aber auch die Rede davon, Areale rund um den Ortskern aufzuwerten, insbesondere Flächen entlang der Birs. «Wegen der schönen Lage und der guten Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr sehen wir dort ein grosses Potenzial», sagt Gemeindepräsident Christof Hiltmann (FDP).

Politischer Widerstand möglich

Daraufhin hätten sich Liegenschaftseigentümer bei der Gemeinde gemeldet, mit Entwicklungsideen für die Birseckstrasse, aber auch für den ähnlich gelegenen Birsstegweg.

Insgesamt sind rund 100 Mietparteien betroffen. Gemeinsam wolle man jetzt zwei Quartierpläne entwickeln, sagt Hiltmann. Vorgesehen seien Gebäude «von signifikanter Höhe». Er macht keinen Hehl daraus, dass die beiden Projekte zusätzliche Steuerzahler anziehen sollen. Handkehrum sollen sie Verbesserungen für ganz Birsfelden bringen, darauf lege man beim Erarbeiten der Quartierpläne Wert. Insbesondere werde man die Freiraumsituation entlang und zu der Birs optimieren. Den heutigen Mietern stellt er «sämtliche Hilfe, die in solchen Fällen möglich ist», in Aussicht. Zum Beispiel könne ihnen die Bauherrschaft andere Objekte als Ersatz anbieten. Und die Kündigung stünde ihnen erst in drei Jahren bevor.

Schon nur, bis die Projekte politisch abgesegnet sind, dürften noch einige Jahre verstreichen. Die beiden Quartierpläne müssen nämlich von der Gemeindeversammlung abgesegnet werden (unabhängig von der Zentrumsplanung). Danach ist zudem ein Referendum möglich. «Die beiden Bauprojekte werden intensive Diskussionen auslösen», sagt Hiltmann voraus.

Doch unterdessen ist in den Blöcken an der Birseckstrasse Panik ausgebrochen. Das sagt die anonyme Bewohnerin. Manche Bewohner seien zu alt, um sich gegen die Kündigungen zu wehren. Aber andere hätten angekündet, für ihr Bleiben kämpfen zu wollen. Heute Abend haben sie die erste Gelegenheit dazu, an der öffentlichen Informationsveranstaltung des Gemeinderates über die Zentrumsplanung und die beiden Neubauprojekte.

Neuland für den Mieterverband

Eingeschaltet hat sich zudem der Mieterverband. In einem Brief ruft er die kündigungsbedrohten Bewohner auf: «Nehmen Sie die Behörden in die Pflicht.» Denn «es kann nicht angehen, dass diese Projekte mitentwickeln, welche dann auf dem Buckel der Birsfelder Bevölkerung ausgetragen werden». Mieterverband-Co-Präsident Andreas Béguin stellt klar: Kündigungen, ohne dass ein gültiger Quartierplan vorliege, seien nicht gültig. Dazu gebe es Gerichtsentscheide. Doch den Abriss politisch zu verhindern, indem man das Referendum gegen einen Quartierplanbeschluss der Gemeindeversammlung ergreife, das sei für den Mieterverband Neuland.