Es war einmal ein Tannenbaum, der sich in einem ruhigen Einfamilienhausquartier in Münchenstein wohlig im Garten räkelte. Genau genommen räkelten sich lediglich die Äste der Rottanne, und zwar über die Grundstücksgrenze hinüber zum Nachbarn. Doch die Tanne hatte noch eine miträkelnde Schwester, eine Blutpflaume, deren überreife Kirschpflaumen gelegentlich auf den nicht ganz so fruchtbaren Boden der guten Nachbarschaft fielen. Und dort blieben sie liegen, bis sie jemand wegputzte.

Gemeinsam gut Kirschen essen war schon lange nicht mehr möglich, bei Gartenaktivitäten ignorierten sich die beiden Nachbarsfamilien bestenfalls. Die eine Seite behauptete, man habe schon mehrmals um einen Rückschnitt gebeten, denn die Benützung von Garage und Fussweg würden durch die grenzwertigen Pflanzentriebe massiv erschwert. Dazu sei man nie aufgefordert worden, beteuerte die Gegenseite, und dazu hätte man ja auch den gegnerischen Garten betreten müssen. «Das hätten Sie schon dürfen, wenn Sie gefragt hätten. Haben Sie aber nicht», entgegnete der 53-jährige Nachbar heute Mittwoch vor dem Strafgericht in Muttenz.

Aussage gegen Aussage

Man erahnt die weitere Dramaturgie des Gartenspiels: Irgendwann im Jahr 2014 schnibbelte der 51-Jährige die rüberwachsenden Pflanzenteile kurzerhand selber zurück. Die Antwort kam postwendend in Form einer Strafanzeige.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft wollte das Strafverfahren zur Gartenfehde einstellen, weil Aussage gegen Aussage stand. Das Kantonsgericht hiess aber eine Beschwerde des Baumbesitzers gut. Darauf hin mussten die Ermittler aktiv werden. Es wurde ein Baumgutachten in Auftrag gegeben. Die Reinacher Biologin Katrin Joos zählte bei der Blutpflaume drei Schnittstellen und wies einen Kronenverlust von 50 Prozent und einen Teilsachschaden von 398 Franken nach. Das Gutachten kostete 2600 Franken.

Beide Seiten waren damit nicht zufrieden und befragten die Gutachterin gestern vor Gericht während 70 Minuten zu Strauchbeschnitt und Astdurchmessern, zu verminderter Fotosyntheseleistung und biologischer Beeinträchtigung. «Es ist kein grosser Schaden, es ist aber auch nicht nichts», resümierte Joos schliesslich schulterzuckend.

Einzelrichter Daniel Ivanov beerdigte am Mittwoch das Verfahren. Er ging davon aus, dass der 51-Jährige zwei (und nicht drei) schädigende Schnitte verursacht hatte. Ausserdem hätte ein Gärtner die Blutpflaume sowieso zurückschneiden müssen. Damit falle der Schaden auf jeden Fall unter 300 Franken, ist damit ein geringfügiges Vermögensdelikt und seit September 2017 verjährt. Formell wird das Verfahren deshalb eingestellt.

Nachbarn bleiben verkracht

Allerdings muss der schneidefreudige Nachbar die Hälfte der ganzen Kosten übernehmen, auch weil er über die Grundstücksgrenze hinweg geholzt hatte. Der Baumbesitzer und Privatkläger hingegen bleibt wiederum auf der Hälfte seiner Anwaltskosten sitzen.

«Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass sich das nachbarschaftliche Verhältnis bald zum Besseren wendet», gab Ivanov den beiden Streithähnen mit auf den Weg. Immerhin: Der Blutpflaume scheint es inzwischen wieder gut zu gehen, und auch die Rottanne hält ihr weiterhin die Treue. Das Verhältnis der Nachbarn bleibt jedoch angespannt. Denn der Baumbesitzer kann das Verfahren noch weiterziehen.