Fast gespenstisch ruhig war es in den Gängen des Bundesasylzentrums (BAZ) Feldreben, als die bz Ende Juni an einem Medienrundgang teilnahm. Das lag nicht nur daran, dass auf dem weitläufigen Areal im Muttenzer Industriequartier zurzeit bloss rund 100 Asylsuchende leben – bei einer Kapazität von 500 Plätzen.

Viel mehr verbot das Staatssekretariat für Migration (SEM) ausdrücklich, mit den Bewohnern zu sprechen oder sie zu fotografieren. Was blieb, war eine Führung durch meist leere Räume und die wenig überraschende Aussage von offizieller Seite, dass alles bestens laufe im Asylzentrum, seit es im vergangenen November den Betrieb aufgenommen hat.

Doch wie wohl fühlen sich die Asylsuchenden wirklich in den grossen Hallen mit den Spanplatten-Schlafhütten und dem Aussenbereich mit Topfpflanzen auf dem mit Asphalt versiegelten Boden der alten Deponie? Das war an jenem Tag nicht zu erfahren.

Drei Wochen später: Das SEM lenkt ein und die bz bekommt doch noch die Chance, frei übers Gelände zu streifen und mit den Flüchtlingen zu sprechen. Was sofort auffällt: Das BAZ Feldreben ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Nationalitäten. Und es funktioniert. Das beweisen Dejan*, Nando* und Rajah*. Die drei Männer stammen aus Serbien, dem Sudan und Sri Lanka. Wir treffen sie im ersten Stock des Hauptgebäudes – gemeinsam am Klavier.

Vor allem Nando, der erst seit fünf Tagen in Muttenz ist, möchte unbedingt spielen lernen. Noch klingt es leicht holprig, doch eine Klavier-Handy-App helfe ihm, sagt er auf Englisch, der Sprache, in der er sich auch mit Dejan und Rajah verständigt. «Einen Klavierlehrer gibt es hier leider nicht», sagt er und lacht. Diese Aussage ist bezeichnend für die Stimmung, die die bz im Asylzentrum antrifft. Die Atmosphäre hier sei sehr gut, das Personal freundlich, offene Wünsche gebe es kaum. «Alles perfekt», sagt Dejan.

Pflanzen giessen gegen den Schmerz

Der Serbe, der wie Rajah bereits rund zwei Wochen vor Ort ist, nennt dabei einen Hauptgrund für die Zufriedenheit: Arbeit. Er arbeite jeden Tag in der Feldreben-Küche, das helfe, die Zeit des Wartens zu verkürzen. Und warten müssen sie alle. Auf einen Entscheid des Bundes, wohin ihre Reise geht. Denn Feldreben ist nach wie vor ein Registrierzentrum, in dem die Bewohner im Schnitt bloss drei Wochen bleiben dürfen.

Im Schnitt. Denn auf ihrem Rundgang trifft die bz mehrere Asylsuchende an, die bereits einen Monat hier sind. «Wir passen die Nutzung des BAZ an die Realität der geringen Auslastung an», sagt Roger Lang. Der Chef des Empfangs- und Verfahrenszentrums (EVZ) Basel Bässlergut ist auch für Feldreben zuständig. Jüngst habe der Gemeinderat von Muttenz zudem entschieden, dass das SEM ab Herbst die individuelle Verbleibdauer auf sechs Wochen verlängern darf.

Warten muss auch Hamdi*. Der Somalier ist nun einen Monat hier, doch wohl fühlt er sich nicht. Das liegt aber nicht am Asylzentrum. Hamdi muss mehrmals täglich Schmerzmittel schlucken. «Ich kam mit Tuberkulose-Verdacht in die Schweiz und verbrachte die ersten zwei Wochen im Unispital Basel. Nun muss ich das Resultat der Untersuchungen abwarten, ehe ich die passenden Medikamente erhalte», sagt er.

Auch hier hilft die Arbeit. Sie lenke ihn ab von den Schmerzen. Hamdi liebt es, die Pflanzen auf dem Areal zu pflegen. Dies kann er innerhalb eines gemeinnützigen Beschäftigungsprogramms tun. In dessen Rahmen gehen mehrere Asylsuchende auch viermal die Woche Strassen im Quartier reinigen, die ihnen die Gemeinde zuteilt, oder sie reissen im Wald unter Anleitung Schädlingspflanzen aus.

Auf der Strasse keine Probleme

Hamdi fühlt sich gut behandelt, auch wenn er in Muttenz oder Basel unterwegs ist. Diskriminiert oder beschimpft sei er noch nie worden: «Alle Leute sind sehr freundlich, wenn wir ihnen auf der Strasse begegnen.» Auch wenn es ihm hier gefällt, möchte er so schnell wie möglich nach Luzern. Denn: «Meine Frau lebt da. Sie hat schon das Bleiberecht erhalten.» Etwas ist für den Somalier klar: «Ich will den Rest meines Lebens in der Schweiz bleiben.»

Das möchte Tayo* auch. Der Nigerianer arbeitet an diesem Tag wie Hamdi draussen beim auf dem Asphaltplatz geschaffenen Blumenbeet. Sonst steht er meist neun Stunden pro Tag in der Küche: «Arbeiten ist besser, als bloss immer zu schlafen.» Zwei Wochen ist der 26-Jährige nun hier und voll des Lobes für Land und Leute – und das BAZ Feldreben: «Der Mix der Kulturen ist gut, wir machen hier vieles zusammen.» Tayo gefällt auch, dass von den aktuell rund 100 Bewohnern mehrere Familien mit Kindern sind. Das mache den Ort lebendig.

Auf dem Spielplatz tummeln sich an diesem Tag zwar keine Kinder, zu heiss brennt die Sonne. Dafür trifft man sie bei den Aufenthaltsräumen im ersten Stock. Dort sitzt auch Fatimah*, während ihre zwei Kinder herumtollen. Die Eritreerin gehört ebenfalls zu den Wartenden: «Ich warte auf unseren Transfer», sagt sie in gutem Englisch. Wie der Somalier Hamdi möchte sie aus familiären Gründen nach Luzern. Dort sei ihr Mann in einem Asylheim untergebracht. Trotz des Wartens wird Fatimah aber nicht langweilig, dafür sorgen ihre Kinder. Die Töggelikästen im Nebenraum seien bei ihnen besonders beliebt. Obwohl sie ohne Mann im BAZ Feldreben wohnt, sagt Fatimah: «Ich fühle mich sicher.» Das hört prompt ein in der Nähe stehender Securitas-Mann und sagt breit grinsend: «Dafür sorge ich.»

Zur Strafe geht’s ins Bässlergut

So witzig die Situation, ihr Hintergrund ist durchaus ernst. Laut Christoph Moser, dem Objektverantwortlichen fürs BAZ Feldreben, seien zu Beginn vereinzelt Männer den Frauen oder Kindern zu nahe gekommen – und sei es ohne böse Absicht wegen kultureller Unterschiede. Die Frauen fühlten sich belästigt und meldeten es dem Personal. «Daraufhin haben wir es offen angesprochen und seither gibt es keine Probleme mehr», sagt Moser.

Überhaupt scheint das BAZ Feldreben kein Problem-Zentrum zu sein. Schlägereien habe es in den acht Monaten bisher noch keine gegeben. Disziplinarmassnahmen seien kaum nötig. Ausser: «Zwei- bis dreimal mussten wir Asylsuchende von hier ins EVZ Basel verschieben, weil sie sich nicht an die Regeln hielten», sagt Lang. Das Bässlergut als Strafe also, das Feldreben als Belohnung? Lang: «Hier sein zu dürfen, ist durchaus ein Privileg.» Das liege natürlich auch am vielen Platz. Noch nie wohnten mehr als 160 Personen auf dem Areal. Und nimmt man die aktuellen Flüchtlingszahlen, so dürfte sich an der Unterbelegung auch nicht so schnell etwas ändern. Wobei Lang warnt, dass sich die 500 Plätze des Zentrums bei einem starken Anstieg der Asylgesuche rasch füllen könnten.

Nur Zürich ist schöner

Ginge es nach Amir* und Yasin*, dürften es ruhig ein paar Asylsuchende mehr sein. Die beiden Männer aus Syrien und dem Libanon hätten gerne noch mehr Arabisch sprechende Mitbewohner in Muttenz. Tatsächlich stammen zurzeit die meisten aus Afrika, vor allem aus Eritrea. Somit sind die beiden in kurzer Zeit gute Freunde geworden. Der 25-jährige Syrer Amir spricht ziemlich gut Deutsch und übersetzt beim Gespräch für den neun Jahre älteren Yasin. «Ich bin erst zwei Wochen hier, doch vorher war ich in der Türkei und habe vier Monate lang Deutsch gelernt», so Amir nicht ohne Stolz. Er habe in Syrien eine Autowerkstatt geführt, das strebe er auch in der Schweiz an. Yasin dagegen ist noch etwas unsicher. Seine Frau und vier Kinder seien noch im Libanon. Sie herzuholen, sei schlicht zu teuer.

Beiden gefällt es im Feldreben und in der Schweiz: «Swiss beautiful», sagt Yasin. Auch Basel sei toll, erst kürzlich konnten sie im Rhein schwimmen. Doch Amir hat ein anderes Ziel: «Am liebsten möchte ich nach Zürich gehen. Das ist die schönste Schweizer Stadt von allen», sagt’s und lacht laut los.

* Namen von der Redaktion geändert.