Das Bundesgericht hat soeben das Schlusswort zu einem Justizfall gesprochen, der Mitte Jahr im Baselbiet für Aufregung gesorgt hatte. Zwar lehnt es eine Beschwerde der Baselbieter Staatsanwaltschaft ab und bestätigt damit das Strafmass des Kantonsgerichts Baselland. Gleichzeitig aber kritisieren die Bundesrichter gewisse Schlüsse des Kantonsgerichts als «nicht nachvollziehbar und damit willkürlich».

Das ist insofern von Bedeutung, als das Kantonsgericht seinerseits das in diesem Fall vorgelagerte Strafgericht ungewöhnlich hart kritisiert und diesem laut Revisionsurteil «gleich mehrere schwerwiegende Rechtsverstösse und Versäumnisse» vorgeworfen hatte.

Angeblicher «Hexenprozess»

Worum gehts? Ende März kassierte das Baselbieter Kantonsgericht ein erstinstanzliches Urteil des Strafgerichts, das eine Mutter wegen schwerer Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt hatte. Das Strafgericht sah es als erwiesen an, dass die Frau schuld am lebensgefährlichen Schädelbruch ihres 13 Monate alten Sohnes war, nachdem sie ihn im Januar 2012 mehrfach schwer misshandelt und anschliessend zu spät zum Arzt gebracht hatte.

In der Revisionsverhandlung warf das Kantonsgericht dem untergeordneten Strafgericht vor, die angeklagte Mutter unfair unter Druck gesetzt und andere mögliche Täter wie den ausländischen Stiefvater und die Grossmutter leichtfertig ausgeklammert zu haben. Es hob die Haftstrafe auf und verurteilte die Frau stattdessen zu einer Geldstrafe wegen der von ihr zu spät eingeleiteten medizinischen Behandlung. Die «Basler Zeitung» schrieb anschliessend von «einem krassen Justizfehler» des Strafgerichts und zitierte den Anwalt der Verurteilten, der in erster Instanz einen «Hexenprozess» erlebt haben wollte.

Kantonsgericht urteilte falsch

Nun, das Bundesgericht kann wiederum nicht nachvollziehen, wie das Kantonsgericht alle medizinischen Gutachten, die von einer Straftat ausgingen, einfach so als ungenügend beiseite wischen konnte und darum auf unfallbedingte Verletzungen schloss, obschon sich die Mutter bei ihren Aussagen über angebliche Stürze des Kindes in Widersprüche verwickelt hatte und es sich um den zweiten Schädelbruch des Kindes inner kurzer Zeit handelte.

Laut Bundesgericht sprächen die Umstände «eindeutig für ein strafbares Verhalten als Verletzungsursache». Im Umgang mit den medizinischen Gutachten habe das Kantonsgericht das Prinzip «im Zweifel für den Angeklagten» falsch und willkürlich angewendet.

Ebenso habe das Kantonsgericht dem Strafgericht «klar unzutreffend» vorgeworfen, wegen ihres Methadonkonsums die Angeklagte «tendenziös» als Drogensüchtige vorgeführt zu haben. Der Bericht der Rechtsmedizin würde einzig feststellen, dass die Angeklagte Methadon gegen ihre Rückenschmerzen einnahm, was von allen Seiten unbestritten gewesen sei.

Wenn das Bundesgericht trotzdem das revidierte Urteil des Kantonsgerichts bestätigt und die Beschwerde der Staatsanwaltschaft abweist, dann deshalb, weil die vom Kantonsgericht festgestellten Zweifel an der Täterschaft der Mutter «nicht bloss theoretischer Natur» seien.

Zwar spricht laut Bundesgericht «Einiges» für die Mutter als Täterin, doch hätten auch der Stiefvater und die Grossmutter mehrfach Gelegenheit und Gründe dafür gehabt, dem Kind schwere Verletzungen zuzuführen. Da dieser tragische Fall nun aber mit dem Bundesgerichtsurteil als abgeschlossen gilt, müssen wohl die wahren Tathintergründe für immer ungeklärt bleiben. Glücklicherweise überlebte das Kind und befindet sich heute nicht mehr unter der Obhut der Mutter.