Eine rund 40-jährige Ehefrau aus dem Bezirk Sissach macht ihrem Mann schwere Vorwürfe. Vor drei Jahren habe er sie in ihrer Wohnung mehrmals ins Gesicht geschlagen und ihr gesagt, er werfe sie aus dem Fenster. Dann habe er ihr ein grosses Küchenmesser an die Kehle gehalten und ihr gedroht, sie zu enthaupten und mit ihrem Kopf Fussball zu spielen. Er werde ihr den Bauch aufschlitzen und ihr die Gedärme herausschneiden, habe er gesagt.

Vier Monate später zeigte die Frau ihren Mann an. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft (Stawa) eröffnete ein Strafverfahren wegen Tätlichkeiten, einfacher Körperverletzung, Gefährdung des Lebens und mehrfacher Drohung. Es handelt sich um ein Offizialdelikt. Die Stawa ist von Amtes wegen verpflichtet, zu ermitteln. Die Einvernahmen seien sehr eindrücklich und glaubhaft gewesen, sagt Matthias Aeberli, der Anwalt der Frau. «Sie ist immer wieder in Tränen ausgebrochen und ihre Aussagen entsprachen den Realitätskriterien», sagt er. Die Stawa habe umfangreich und exakt ermittelt, anerkennt er.

Nach zweijähriger Ermittlungsarbeit kam die Stawa allerdings zum Schluss, dass sich eine Anklage nicht lohnen würde. Ein Freispruch sei wahrscheinlicher als eine Verurteilung. Das Kantonsgericht stützte die Einschätzung.

Vor dem Bundesgericht erlitt die Baselbieter Justiz nun eine Niederlage. Die Lausanner Richter entschieden für den Grundsatz «in dubio pro duriore», im Zweifel für das Härtere. Sie verpflichten die Stawa, das eingestellte Verfahren fortzuführen. Im schriftlichen Bundesgerichtsurteil werden die Liestaler Behörden belehrt: «Gerade bei Beziehungsdelikten, in denen Aussage gegen Aussage steht, ist die unmittelbare Wahrnehmung durch das Gericht unverzichtbar.» Bei zweifelhafter Beweislage habe nicht die Stawa, sondern das Gericht über die Stichhaltigkeit der strafrechtlichen Vorwürfe zu entscheiden, erklärt das Bundesgericht.

Die Bundesrichter kritisieren, dass sich die Liestaler Behörden nicht zur Glaubhaftigkeit der Aussagen geäussert haben. Denn einige Aussagen seien von objektiven Indizien bestätigt. So berichte ein Zeuge von einem blauen Fleck am Auge der Ehefrau. Und ihr Vorgesetzter habe ausgesagt, dass sie ihm aufgewühlt vom Streit erzählt habe. Auch ihm seien blauen Flecken aufgefallen. Das Bundesgericht legt den Schluss nahe, dass die anderen Aussagen deshalb ebenfalls stimmen könnten. Zumindest erscheine ein Freispruch nicht wahrscheinlicher als eine Verurteilung.

Nun wird sich das Baselbieter Strafgericht drei Jahre nach der Anzeige mit dem Fall befassen müssen. Anwalt Aeberli glaubt nicht, dass sich die Chancen seiner Klientin durch die Verzögerung verschlechtert haben, da die Ermittlungen abgeschlossen seien. Nun gehe es nur noch darum, dass das Beweismaterial von einem Gericht gewürdigt werde.