Pünktlich wie der Morgestraich, nur eine Stunde später, beginnt in Dornach die Fasnacht: Chesslete nennen die Dornacher diesen lärmigen Brauch, bei dem am heutigen Schmutzigen Donnerstag 66 Kinder in weissen Nachthemden anderthalb Stunden durch das ganze Dorf liefen und zum Lärmen auf alle möglichen Metallgegenstände einschlugen, in erster Linie Kochtöpfe und Pfannen. «So einfach wie möglich und so laut wie möglich», erklärt Jürg Hürlimann, Präsident der Magdalenenzunft Dornach, die den Umzug organisiert.

Es ist stockdunkel, als die Kinder vom Schulhaus im Brühl aufbrechen: Der Schnee fällt in feinen Flocken; und die Teilnehmer marschieren in einem Tempo los, mit dem nur freudig erwartungsvolle Kinder mithalten können. Sie schlagen mit Kochlöffeln auf Topfdeckel, trommeln auf umgekehrten Metallzubern, auf Mülleimern oder auf Basler-Läckerli-Verpackungen aus Blech, drehen die Rätsche, spielen Tamburins und drücken Hupen. Einige ziehen ein schepperndes Gefährt. Kurt Heinzelmann hat es gebaut: Er hat Pfannen und Mistkübel auf einem Bollerwagen mit einem Scheibenwischermotor verbaut, sodass sie von alleine chesseln. «Fast ein Tinguely», sagt Hürlimann und lacht.

Chesslete in Dornach 2018

Chesslete in Dornach 2018

66 kleine Gestalten, die in aller Herrgottsfrühe einen Heidenlärm veranstalteten: Es ist wieder Chesslete in Dornach. 

Wenn die Gardinen wackeln

Begleitet wird die Kinderschar von einigen Erwachsenen, drei davon mit Warnwesten und Leuchtstäben, die den Verkehr regeln, der bis halb sieben merklich zunehmen wird. Über den Gempenring und die Werbhollenstrasse geht es in den Steinmattweg, wo grosse Mehrfamilienhäuser abseits der Strasse stehen. Kaum ein Fenster ist beleuchtet; hinter manchen Rollladenschlitzen kann man Licht erahnen. Die Chesslete wendet hier und kommt über das «Gotthärdli» genannte Serpentinenwegchen in die Grundackerstrasse, wo Einfamilienhäuser an die Strasse grenzen. An zwei, drei Fenstern stehen tatsächlich schon Anwohner und schauen sich das Spektakel an, mit einer Tasse Kaffee in der Hand oder ihrem Hund an der Seite.

Wo es nun im Unteren Zielweg steiler wird, bewegt sich der Zug etwas langsamer, doch noch immer stetig vorwärts. Die Kinder werden nicht müde, auf ihre improvisierten Instrumente einzuschlagen. Vermutlich freuen sie sich mittlerweile schon auf den heissen Kakao und die Schoggiweggli, die sie nach einem Schwenk zum Bahnhof und über den Bruggweg zurück um halb sieben in der Turnhalle erwarten. Hürlimann hat inzwischen eine Abkürzung genommen und wartet in der Halle auf die Ankunft der Kinder.

Eineinhalb Stunden Schule

Die Chesslete in Dornach ist ein direkter Kulturimport aus Solothurn. Anfang der Siebziger-Jahre brachten junge Lehramtsstudenten den Brauch von der Hauptstadt in den äussersten Zipfel des Kantons, wo er laut Hürlimann sehr gut angenommen wurde. Vor etwa zehn Jahren – so genau weiss das keiner seiner Kollegen mehr – sprang als Organisatorin die Magdalenenzunft ein, die keine Fasnachtsgesellschaft ist, sondern das ganze Jahr über Dornacher Brauchtum pflegt. Die damaligen Lehramtsstudenten waren in Pension gegangen; und die jüngeren Lehrer konnten nicht mehr denselben Enthusiasmus für die Chesslete aufbringen.

Zumindest der Rektor der Dornacher Gesamtschule kann jedoch etwas mit dem Lärm anfangen: Er sitzt neben Hürlimann in der Halle und wartet ebenfalls auf seine Schüler. Um 8 Uhr beginnt für sie der Unterricht. Aber um 9.30 Uhr können sie schon wieder heim; und um 10.30 Uhr beginnt sowieso der Kinderumzug. Die Kinder nehmen freiwillig an der Chesslete teil. Noch 2016 war sie eine Pflichtveranstaltung; und 200 Kinder zogen lärmend durchs Dorf. «Aber 66 mit Herzblut sind mir lieber», sagt Hürlimann.