Liebe Susanne, chère SLO

Ich weiss, mit welch strengen Massstäben Du Parteipräsidenten beurteilst. Lob oder Dank gehören nicht zu den politischen Kategorien, mit denen Du andere beglückst oder selbst bedacht werden möchtest. Denn Du hast Parlamentarier und Parlamentarierinnen immer in erster Linie als Privilegierte gesehen. Entsprechend hast Du von ihnen Einsatz, harte Arbeit, Vorbereitung, Beharrlichkeit, Kohärenz und klare moralische Werte verlangt – die gleichen Massstäbe, die Du auf Dich angewendet hast. Im Vordergrund standen für Dich die Interessen der Schwächeren, der unteren und mittleren Einkommen, der Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit, für Frauen und für die Umwelt. Dafür sollten Politikerinnen und Politiker aber kein Lob erwarten; das ist schliesslich ihr Job, den sie so gut als möglich machen sollten, so Dein Credo.

Und gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle Dein beispielhaftes Engagement, Deine Beharrlichkeit, Deinen Mut und Deinen sozialdemokratischen Kampfeswillen hervorheben. Du gehörst für mich zu den «Grandes Dames» der Schweizer Politik. Wenige können auf eine solch eindrückliche Politkarriere zurückblicken. In der SP-Fraktion hatte dein Wort Gewicht, vor allem in wirtschaftspolitischen Fragen. Diese Stellung hast Du Dir erkämpft. Deine Urteile waren gefürchtet, Dein Rat und Deine Einschätzungen wurden aber immer mit grosser Aufmerksamkeit aufgenommen. Es war faszinierend zu beobachten, mit welcher Akribie, welchem Sachverstand Du Dich jeweils vorbereitet hast und in so komplexe Vorlagen wie das Vertragsversicherungsgesetz oder die Aktienrechtsrevision hineingekniet hast. In der parlamentarischen Arbeit hast Du von Deinen juristischen Kenntnissen profitiert und die Vertrautheit mit den verwaltungsinternen Abläufen ausgespielt. In der Kommissionsarbeit ging es hart zur Sache, dabei sind bisweilen sogar Tränen geflossen – bei den anderen. Aber Du hast nie mit Absicht auf den Mann gespielt und Dich jeweils sofort entschuldigt, wenn Angriffe zu heftig ausgefallen waren.

Besonders geschätzt habe ich Deinen analytischen Blick, wenn es darum ging, Schwachstellen oder den zentralen Punkt einer Vorlage zu erfassen. Als die Steuervorlage 17 aus dem Ständerat in den Nationalrat kam, hast Du als Erstes von der Verwaltung einen Zusatzbericht zu den Verteilungswirkungen verlangt. Und zwar detailliert, wie es Deine Art ist: Die Verwaltung wurde gebeten aufzuzeigen, welche Umverteilungseffekte die Koppelung mit der AHV-Finanzierung auf die verschiedenen Einkommenskategorien, auf die verschiedenen Unternehmenskategorien und auf die Verteilung zwischen Unternehmungen und natürlichen Personen haben würde. Man hätte das als Affront, als Misstrauensvotum aufnehmen können; wie wenn wir in der ständerätlichen Wirtschaftskommission unsere Hausaufgaben nicht gemacht hätten. Ich wusste aber, dass Du bereits den nächsten Zug im Sinn hattest und Argumentationsstoff für die Verteidigung der Vorlage besorgen wolltest.

Als Du in einem grossen Abschiedsinterview in diesen Tagen gefragt wurdest, ob es etwas gebe, was Du bereuen würdest, hast Du geantwortet: «All die Vorstösse, die ich nicht eingereicht habe.» Ich musste laut lachen und an die armen Beamtinnen und Beamten denken, die wohl tief aufgeatmet haben. Genau das war Dein Stil: gradlinig, ungnädig, frech und konsequent, bis zum Schluss. Damit hast Du Dir auch viel Respekt bei den politischen Gegnern verschafft.

Für die Zeit, die kommt, wünsche ich Dir noch einmal so viel Energie, wie Du in Deinem bisherigen Leben in die Politik gesteckt hast. Ich weiss, dass Du Dich bereits an der Universität Basel immatrikuliert hast, und habe auch schon etwas Mitgefühl mit den Professoren, die nun auch versuchen müssen, Deinen strengen Anforderungen gerecht zu werden. Du wirst Dich weiterhin für mehr soziale Gerechtigkeit in der Schweiz und global einsetzen, weil Du nicht anders kannst, weil Du die Welt und die Schweiz prägen und verändern wolltest und es in über 30-jähriger Parlamentsarbeit auch getan hast. Ich danke Dir für diese Arbeit und für alles, was Du für die Sozialdemokratische Partei getan hast.

Christian Levrat