Christian Miesch ist noch immer eine Frohnatur. Daran konnte auch der ausgerechnet am Tag nach dem grössten Wahlerfolg «seiner» SVP Ende Oktober erlittene Herzinfarkt nichts ändern. Miesch kann nur werweissen, wieso es zu diesem «Schuss vor den Bug» kam: «Politisches Engagement ist generell Raubbau am Körper. Und ich habe mich in letzter Zeit vermehrt aufgeregt über die Entwicklung, sei es der Ausbau des Staats, die ganze Flüchtlingspolitik mit der Schlepper-Industrie oder das Kaputtmachen unseres Finanzplatzes.» Zudem gebe es bei ihm einige Risikofaktoren. Auf jeden Fall lebt der 67-Jährige seit dem Infarkt bewusster, hat das Rauchen stark eingeschränkt, kümmert sich um seine paar überflüssigen Kilos und erwägt gar, wieder mehr als nur Fernseh-Sportler zu sein; immerhin fuhr er in jüngeren Jahren in etlichen regionalen Skirennen mit.

Und seine grundsätzlich positive Lebenslaune liess sich Miesch auch nicht durch seine wohl einmalige politische Achterbahnfahrt trüben: zuerst der klassische Aufstieg als Titterter Gemeinderat, Landrat und Nationalrat. Dann der abrupte Bruch mit seiner Partei, der FDP, die ihn 1995 nicht mehr für eine zweite Amtsperiode aufstellen wollte. Es folgte das trotzige, aber vergebliche Aufbäumen mit einer wilden Liste, später der Wechsel zur SVP verbunden mit dem Wiederaufstieg in den Nationalrat ab 2003, acht Jahre später dann die schmerzliche Abwahl und im letzten Jahr ein letztes bundesparlamentarisches Aufzucken in Form des Nachrückens für den zurückgetretenen Caspar Baader.

Jetzt ist Schluss, selbst wenn Miesch bis zum Legislaturende am 29. November noch ein und aus geht im Bundeshaus, als Mitglied der Finanzkommission das nächstjährige Budget mitgestaltet und bei der SVP-Kandidatenauslese für den Bundesrat mitbestimmt. Dabei wird er den Baselbieter Thomas de Courten unterstützen und, falls dieser vorzeitig aus dem Rennen fällt, den Zuger Thomas Aeschi.

«Heute rasen alle heim»

Seit 20 Jahren ist Miesch nun bei der SVP. Dazu sagt er: «Ich fühle mich bei dieser Partei sehr wohl und stimme politisch in allen wichtigen Fragen mit ihr überein. Aber wir müssen nicht alles nachbeten, wie es immer wieder heisst, sondern haben auch grosse Diskussionen.» Doch sei in der Bundeshausfraktion allen bewusst, dass man in wichtigen Geschäften nur Erfolg haben könne, wenn man zusammenstehe. Diesbezüglich kennt Miesch kein Pardon, und der harte SVPler im Bundeshaus kontrastiert stark mit dem jovialen Menschen etwa abends in der Beiz.

So mag es auch nicht erstaunen, was Miesch, auf die Höhepunkte in seiner langen Polit-Karriere angesprochen, als erstes einfällt: «Am meisten Freude machte mir der fraktionsübergreifende Zusammenhalt unter den Politikern, als man abends noch zusammensass und Freundschaften knüpfte. Doch das ist weitgehend vorbei, heute in Zeiten des ausgebauten öV rasen alle heim nach den Sitzungen.» Ein Resultat seiner Kontaktfreudigkeit ist, dass Miesch mit der halben Schweiz per Du ist, darunter auch mit dem ganzen Parlament – mit einer Ausnahme: «Susanne Leutenegger Oberholzer habe ich nach einem Krach im Landrat gesagt, mit Ihnen mache ich nie Duzis. Und das habe ich bis heute eingehalten.»

Wie hat denn besagte SP-Frau, die ein halbes Leben lang auf kantonaler und eidgenössischer Ebene mit – oder besser gesagt gegen – Miesch politisierte, den Mann aus Titterten erlebt? Funkstille. Offensichtlich ist Miesch eines der wenigen Themen, zu denen Leutenegger Oberholzer schweigt, was ja auch etwas sagt.

Die ungewöhnliche Freundschaft

Doch zurück zu Miesch. Zu seinen gratwandlerischen Meisterstücken zwischen Härte und Jovialität zählt sein Verhältnis zu alt Bundesrat Samuel Schmid: Obwohl Miesch zumindest nach aussen hin nie aus dem SVP-Chor ausbrach, Schmid sei nur ein «halber Bundesrat», verbindet ihn bis heute eine Freundschaft mit dem Berner. Für alle sichtbar wurde diese, als Schmid Ende 2008 seinen letzten öffentlichen Auftritt auf Einladung von Miesch in der proppenvollen Titterter Turnhalle abhielt. Miesch: «Es gibt Leute, denen ich politisch Gift geben könnte, die ich aber als Person mag. Auch mit Sämi Schmid war ich in vielem nicht einverstanden. Doch in der Militärkommission haben wir uns kennen und schätzen gelernt.»

Zu den politischen Tiefpunkten zählt Miesch nebst «dem Mais mit der FDP» die mediale Entwicklung vor allem der Sonntagspresse, die mit aufgebauschten Geschichten zusehends auf den Mann spiele. Zu schaffen macht ihm auch, dass «die Exekutive immer mehr zum Handlanger der Verwaltung» werde. Diese Beobachtung gipfelte in Mieschs letztem Vorstoss im Nationalrat: Er forderte den Gesamtbundesrat zum Rücktritt auf, weil es ihm an Format fehle.

Und dann gibt es noch so eine Miesch’sche Gratwanderung: Hier der isolationistische Politiker auf SVP-Kurs, dort der weltoffene Mensch. So verbrachte der gelernte Mechaniker längere Zeit seines Berufslebens in Brasilien, Iran und Venezuela und bereiste später vor allem osteuropäische und asiatische Staaten als Wahlbeobachter. Zu diesem Bild des gegenüber fremden Kulturen offenen Miesch passt seine Reaktion, als er hörte, dass der bz-Fotograf russische Wurzeln hat: Sofort stieg sein Interesse am Gegenüber schlagartig. Und so kam es, dass der Fotograf Mieschs Büro mit einer Flasche Weissen aus dessen Rebberg in Titterten verliess.