Christine Frey, bei den Wahlen vom 28. Februar treten Sie als Münchensteiner Gemeinderätin nicht mehr an. Weshalb?

Christine Frey: Ganz einfach: Kantonalparteipräsidentin, Landrätin und Gemeinderätin – das sind schlicht zu viele Ämter. Ich wurde 2012 fast zeitgleich Gemeinderätin und Parteipräsidentin. Zu viel wurde es mit meiner Wahl in den Landrat vor einem Jahr. Wider Erwarten konnte die FDP im Wahlkreis Münchenstein/Arlesheim einen zweiten Sitz holen. Ohne Landratssitz wäre ich im Gemeinderat geblieben.

Haben Sie sich mit Ihren vielen Ämtern übernommen?

Ich habe mögliche Probleme jeweils rechtzeitig mit allen Involvierten besprochen und auch gelöst. Es ist letztlich eine Frage der Organisation. Vorwerfen muss ich mir nichts. Sollte ich bloss, weil ich bereits Parteipräsidentin und Gemeinderätin war, nicht zu den Landratswahlen antreten? Sicher nicht – schliesslich gibt es keine Garantie, gewählt zu werden. Nach meiner Wahl ins Kantonsparlament war für mich klar, dass ich als Gemeinderätin aufhören werde. Allerdings wollte ich bis zum Ende der Legislatur zuwarten, um nicht kurz vor den Gesamterneuerungswahlen einen zusätzlichen Urnengang zu provozieren.

Allerdings hat man Ihnen im Gemeinderat das Dossier Schule entzogen.

Blödsinn. Von «entziehen» oder «wegnehmen» kann keine Rede sein. Ich sprach im Herbst 2013, kurz nachdem ich meine Tätigkeit als Kommunikationsverantwortliche des Kantonsspitals aufgenommen hatte, Gemeindepräsident Giorgio Lüthi auf meine grosse Belastung in Beruf und Politik an. Als Verantwortliche für das Ressort Schule muss man neben den Gemeinderats- an vielen Schulratssitzungen teilnehmen.

Lüthi versicherte mir, dass er den Schulrat gerne übernehme, da er früher darin gesessen war. Wir haben diese Rochade gemeinsam beschlossen und aktiv kommuniziert – an der Gemeindeversammlung und in den Medien. Das Ganze war nie ein Problem, bis im vergangenen Herbst ein Mitglied der Grünen den Vorwurf äusserte, man habe mir das Dossier wegen schlechter Amtsführung wegnehmen müssen. Das war Stimmungsmache – nichts anderes.

Am 10. März stehen bei der Baselbieter FDP interne Wahlen an. Wollen Sie Parteichefin bleiben?

Ja, ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschieden, mich erneut zur Verfügung zu stellen. Ein wichtiger Grund ist die Zusammenarbeit mit meinen Amtskollegen Marc Scherrer (CVP) und Oskar Kämpfer (SVP). Es braucht relativ lange, zu den Spitzen anderer Parteien ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dieses gegenseitige Vertrauen war die Basis für die erfolgreichen bürgerlichen Wahlallianzen in den vergangenen drei Jahren. Es wäre schade, dies bereits heute hinter mir zu lassen, zumal wichtige Aufgaben anstehen, die das bürgerliche Lager mit guter Zusammenarbeit erfolgreich meistern kann.

Bei den kantonalen Wahlen vor einem Jahr holte die FDP den zweiten Regierungssitz zurück und legte im Landrat um vier Mandate zu. Ein Triumph. Die nationalen Wahlen im Herbst waren indes ein Misserfolg: Weder war der Angriff auf Ständerat Claude Janiak erfolgreich, noch holte die FDP den anvisierten zweiten Nationalratssitz.

Ein Misserfolg war das sicher nicht. Wir haben unseren Wähleranteil gegenüber 2011 um über ein Drittel erhöht ...

... 2011 war ein Katastrophenjahr für die FDP: Sowohl bei den Landrats- als auch bei den Nationalratswahlen fuhr die Partei schwere Verluste ein.

Geschenkt wird einem in der Politik nichts. Wir mussten in den letzten vier Jahren unsere Wähler wieder für uns gewinnen. Der Erfolg war nur dank harter Überzeugungs- und Mobilisierungs-Arbeit möglich.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem ernüchternden Ergebnis bei den National- und Ständeratswahlen?

Zugegeben: Ich dachte im Vorfeld, dass die Zeit reif sei für einen Generationenwechsel im Ständerat, für einen jüngeren Politiker, der auf eine andere Art politisiert als der bisherige Amtsinhaber. Die Wahlen im Herbst haben vor allem eindrücklich aufgezeigt, welch grossen Stellenwert das «Bisherigen»-Label hat – und zwar über alle Parteien hinweg. Ein Politiker wie Claude Janiak, der zwar wenig falsch gemacht, aber auch nicht wirklich viel bewirkt hat, geniesst in der Bevölkerung einen breiten Rückhalt. Als Parteipräsidentin leidet man wohl etwas darunter, dass man sich ständig mit seinesgleichen austauscht. Bei den kommenden Wahlen werde ich stärker in meinem Familien- und Bekanntenkreis versuchen, den Puls zu fühlen.

Hat die FDP im Ständeratswahlkampf mit Christoph Buser auf den falschen Kandidaten gesetzt?

Nein. Die FDP hätte mit Balz Stückelberger kaum grössere Chancen gehabt. Wie ich gesagt habe: Das «Bisherigen»-Label war entscheidend.

Wie gross ist der Bruch in der Baselbieter FDP zwischen dem rechtskonservativen und dem linksliberalen
Flügel?

Einen Bruch gibt es nicht. Zudem wehre ich mich gegen den Begriff «rechtskonservativ», den uns die politische Linke unter gütiger Mithilfe einiger Journalisten verpassen möchte. Die Baselbieter FDP ist homogener als früher. An unserem Neujahrsapéro habe ich ausschliesslich positive Rückmeldungen erhalten. Ein langjähriges Parteimitglied kam auf mich zu und sagte: «Christine, Du musst unbedingt weitermachen. Seit Du die Partei führst, sind wir wieder eine Einheit, eine Familie.» Das war das schönste Kompliment, das ich seit langem gehört habe. Vor nicht allzu langer Zeit gab es FDP-Parteitage, an denen wir einen gespaltenen Eindruck hinterliessen, es knappe Entscheide und rote Köpfe gab.

Wenn bei der FDP eine interne Ausmarchung zur Ständeratskandidatur so knapp verläuft wie im vergangenen März jene zwischen Buser und Stückelberger, dann muss man wohl von einer Spaltung reden.

Überhaupt nicht. Wer am Nominationsparteitag dabei war, erinnert sich an eine Sternstunde der Baselbieter FDP. Was gibt es als Parteipräsidentin besseres, als den Delegierten eine Wahl zwischen zwei sehr profilierten Exponenten zu ermöglichen? Das knappe Resultat spricht für die hohe Qualität der Kandidaten– nicht für eine Spaltung.

Greifen wir das Lob des langjährigen FDP-Mitglieds auf. Was ist das Erfolgsrezept der Christine Frey?

Ich bin ein pragmatischer Mensch, setze mich ein für das Machbare. Ausserdem ist für mich eine offene, vorurteilsfreie Diskussionskultur wichtig. Früher konnte in der FDP ein altgedienter Meinungsführer mit einem einzigen Statement die Debatte aushebeln. Das geht heute nicht mehr. Die Hierarchien sind flach. Ich verstehe mich eher als Moderatorin denn als Präsidentin, die um jeden Preis mit einer prononcierten persönlichen Meinung den Kurs der Partei vorgeben will. Es gibt bei uns keine Meinungen, die nicht erlaubt sind.

Wohin möchten Sie mit der FDP im angelaufenen 2016?

Ich möchte jene Partei anführen, die dem Kanton Perspektiven gibt. Es ist Zeit, dass wir althergebrachte Muster aufbrechen, wie Probleme angegangen werden. Neue Wege einzuschlagen, ist überhaupt etwas vom Spannendsten im Leben. Ich möchte, dass die FDP 2016 mit kreativen Ideen für den Kanton auf sich aufmerksam macht.

Die FDP steht ein für den Sparkurs der Regierung. Sparen mag notwendig sein, doch ein Programm mit Perspektiven und «neuen Wegen», wie Sie fordern, ist das nicht.

Das behaupten wir nicht. Dennoch: Mit unserem Anfang Dezember lancierten Vorstössepaket haben wir versucht, die Finanzlage des Kantons mit kreativen Ideen zu verbinden; etwa der Idee, den überbordenden Zentralismus des Kantons einzudämmen und den Gemeinden mehr Kompetenzen zu geben.