Als Pionierkanton konnte sich der Kanton Baselland in den vergangenen Jahren im Bildungswesen nicht hervortun. Dazu fehlte der Geist – und das Geld. Nun aber prescht die Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) vor. Bis in wenigen Jahren sollen sämtliche Sekundarschüler im Kanton mit eigenen Laptops oder Ipads ausgestattet werden.

Bisher sind in der Schweiz erst einzelne Gemeinden dazu übergegangen, den Schülern individuelle Laptops und Computer zu finanzieren.

Für das «One 2 one» genannte Projekt sei das Baselbiet nun aber bereit, ist Christoph Straumann überzeugt. Der IT-Chef der BKSD sagt: «Alle Sekundarschulen sind mittlerweile ans Glasfasernetz angeschlossen. Zudem verfügen ab dem laufenden Schuljahr praktisch alle Schulräume an kantonalen Schulen über einen WLAN-Zugang.» Zunächst will Baselland im Rahmen eines Pilotprojekts an verschiedenen Sekundarschulstandorten Erfahrungen sammeln.

Nach den Herbstferien sollen an sechs Schulen über 13 Klassen rund 350 Geräte verteilt werden. Mehr will Straumann nicht dazu sagen. Er möchte nicht, dass die betroffenen Lehrer und Schüler davon aus den Medien erfahren.

Kaum bildschirmlose Abende mehr

Es geht um Grundsätzliches. Sollen alle Sekundarschüler einen eigenen Laptop oder einen eigenen Computer bekommen? Das ist eine sensible Frage, die derzeit in Lehrerkreisen intensiv diskutiert wird. Zum einen gibt es pädagogische Bedenken. Philipp Loretz, Geschäftsleitungsmitglied im Lehrerverein Baselland, äusserte sich jüngst in der Verbandszeitschrift «LVB Inform» nicht nur wohlwollend. «Nicht nur jene Eltern, die dem Wisch- und Tippzeitalter generell kritisch gegenüberstehen, dürften Mühe haben, wenn ihnen die Schule noch mehr ICT-Geräte ‹bescherte› und verlangte, dass diese auch zuhause intensiv genutzt werden», schreibt er. Bildschirmlose Abende oder gar Ferien, die von Experten empfohlen würden, seien nur noch «schwer organisierbar». Der Aescher Englisch-Lehrer liess sich davon in einem Lernexperiment selbst vergewissern. Die Schüler testeten zehn Tage, wie es ist, ohne Smartphone zu lernen. Die Erkenntnis: «Die meisten Schülerinnen und Schüler räumten ein, dass es ihnen nur selten gelungen war, ihr Smartphone in einen anderen Raum zu legen.»

Philipp Loretz will dies nicht als grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber der flächendeckenden Einführung von IT-Geräten an den Sekundarschulen verstanden wissen. Besonders mit den heutigen Lehrmitteln, die den ICT-Einsatz als «integralen Bestandteil» voraussetzten, sei es ein grosser Vorteil, wenn alle Schüler mit ihrem eigenen Gerät arbeiten dürften. Heute gibt es in einzelnen Klassen lediglich vier Geräte, was das Lernen mit den neuen Lehrmitteln erschwere. Besonderes Augenmerk müsse man aber auf die Frage legen, ob die Schüler über die Laptops und Ipads die sozialen Netzwerke benutzen dürften. «Da droht grosses Ablenkungspotenzial.» SP-Landrat Jan Kirchmayr wird nächste Woche einen Vorstoss einreichen, wo er auf das Problem der Privatsphäre hinweist. Der Aescher will wissen, ob der Kanton Zugriff auf die Harddisc der Computer «innerhalb des Netzwerks an den Sekundarschulen» hat.

Beat Zemp beurteilt das Baselbieter Pilotprojekt letztlich aber positiv. Der Präsident des schweizerischen Lehrerdachverbands ist der Meinung, dass es «das Ende der Volksschule» wäre, die Augen vor der Digitalisierung zu verschliessen. In pädagogischer Hinsicht biete die Ausstattung der einzelnen Schüler mit Laptops und Ipads grosse Vorteile. Es erlaube die Vermittlung des Unterrichtsstoffs in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. «Damit kommt man weg von der Vorwärts-Marsch-Systematik. Mit der digitalen Erfassung des Lernprozesses ist es für Lehrpersonen einfacher zu sehen, wie gross der Lernfortschritt bei jedem Schüler ist.»

800 000 Franken für Geräte pro Jahr

Wann «One 2 one» umgesetzt wird und alle Baselbieter Sekundarschüler ihr eigenes Gerät bekommen, ist unklar. «Dies hängt von den Erfahrungen im Pilotprojekt ab», sagt Christoph Straumann. Er erhofft sich nicht nur Erkenntnisse über die pädagogischen Herausforderungen, sondern auch über die technischen. Schliesslich ist es mit der Bereitstellung der Geräte nicht getan. Und selbst wenn die Geräte künftig zentral aufgesetzt und aufdatiert werden, braucht es fachkundige Lehrer an den Schulen. Wie die BKSD im Mai an der Kick-off-Veranstaltung für das IT-Projekt sagt, würden nur die Projektverantwortlichen entschädigt. Alle anderen Personen arbeiteten an einer Schule «im Rahmen ihrer Anstellung» mit. Es sei Idealismus gefragt.

Skepsis äussert auch SP-Landrat Jan Kirchmayr. Trotzdem wird «One 2 one» ans Geld gehen. Für die jährlich rund 2500 Schüler, die in die Sek eingeschult werden, müssen Geräte für etwa 800 000 Franken besorgt werden. Straumann verweist auf den 2013 gesprochenen sechsjährigen Verpflichtungskredit von 10,9 Millionen Franken. «Man muss bedenken, dass mit ‹One 2 one› andere Kosten gesenkt werden können – so kann beispielsweise auf die stationären Geräte in den Schulzimmern verzichtet werden», sagt er.