Erst 28 und bereits ein Fuchs in Sachen politischer Verhandlungsführung: Marc Scherrer hat im Ringen mit den Chefs von FDP und SVP um eine bürgerliche Zusammenarbeit bei den Regierungswahlen für seine CVP das Maximum herausgeholt. Diplomatisches Geschick hat der Laufentaler auch in der Debatte um die Kantonsfusion am CVP-Parteitag bewiesen.

Nach aufreibenden Tagen ist der CVP-Chef müde – und strotzt gleichwohl vor Selbstbewusstsein. Im Interview platziert er eine Kampfansage an die SP: Nicht den Sitz des Grünen Isaac Reber haben die Bürgerlichen im Visier, sondern jenen des abtretenden Urs Wüthrich.

Herr Scherrer, Ihre CVP hat Stimmfreigabe zur Fusions-Vorlage beschlossen. So kann die Partei nicht in eine derart wichtige Abstimmung.

Marc Scherrer: Da bin ich anderer Meinung. Als Partei stehen wir in der Verantwortung gegenüber unseren Wählern. Tatsache ist, dass wir letztlich nicht wissen, was eine Fusion beider Basel tatsächlich bringt oder eben nicht. Die CVP bedauert es sehr, dass die von uns angeregte Simulation der Kantonsfusion abgelehnt wurde. Es ist deshalb wichtig und richtig, wenn die CVP als Partei sagt: Rational kann man diesen Entscheid kaum abwägen, es bleibt ein Bauchentscheid.

Das ist die Parteimeinung. Sie sind bekanntlich für die Prüfung der Kantonsfusion.

Das war der Vorschlag aus der Parteileitung. Aber schauen Sie: Ich komme aus dem Laufental, habe in Basel studiert und arbeite in der Stadt. Für mich ist das Überschreiten der Grenzen etwas Alltägliches. Die beiden Kantone gehören zusammen. Es bestehen über 130 Partnerschaftsverträge; deren Handhabung ist kompliziert und bindet Ressourcen. Vor zwei Jahren habe ich eine Bachelor-Arbeit über den Zentralismus im Kanton Baselland geschrieben. Dieser ist im landesweiten Vergleich sehr ausgeprägt. Von einem Kanton Basel erhoffe ich mir insbesondere mehr Autonomie und Selbstverantwortung für die Gemeinden. Die Fusion wäre auch eine Chance, einen neuen Kanton von Grund auf mit neuen Ideen zu gestalten. Davor dürfen wir doch keine Angst haben, wir gestalten diesen Prozess ja aktiv mit.

Die Fusionsdebatte bringt einen Grundkonflikt in der CVP zum Ausdruck: jenen zwischen dem progressiv-liberalen und dem rechts-konservativen Flügel.

Diese Einschätzung teile ich. Doch für Konflikte und Diskussionen muss es in einer Partei Platz geben. Die CVP ist eine Mittepartei; in Fragen wie der Fusion gibt es kontradiktorische Diskussionen. Die CVP hat intensiver als andere Parteien über die Fusion diskutiert. Darauf dürfen wir durchaus stolz sein.

Das Viererticket für die Regierungswahlen mit den drei Bisherigen sowie mit der neuen FDP-Kandidatin Monica Gschwind ist unter Dach und Fach. Wie stehen die Chancen auf einen vierten bürgerlichen Sitz?

Die Chancen sind intakt. Ich höre viel Gutes über die vierte Kandidatin Monica Gschwind – nicht nur aus ihrer FDP, sondern auch aus meiner Partei und aus der SVP. Gschwind kommt gut an.

Auf wessen Kosten soll Monica Gschwind gewählt werden?

Sie hat selber gesagt, dass sie die Bildungsdirektion des abtretenden Regierungsrats Urs Wüthrich (SP) reizen würde. Das ist durchaus als Ansage an die SP verstehen: Wir greifen diesen Sitz an.

Auch weil der wieder antretende grüne Sicherheitsdirektor Isaac Reber den Bürgerlichen näher steht als mögliche SP-Kandidierende?

Diese Aussage unterschreibe ich. Ich nehme Isaac Reber in seiner Arbeit als gemässigten Grünen wahr. Aus allen bürgerlichen Parteien höre ich Stimmen, die diesen Eindruck bestätigen.

Wie wichtig ist es, die kantonale Bildungsdirektion in bürgerliche Hände zu bringen?

Sehr wichtig. Wir greifen den SP-Sitz an, wollen aber ebenso die Bildungsdirektion. Es vergeht ja mittlerweile kein Tag ohne Negativ-News aus der Bildungsdirektion. Neben dem Streit um Harmos und Lehrplan 21 hören wir von unzufriedenen und überlasteten Direktionsmitarbeitenden sowie Klagen über mangelnde Führung. Es ist an der Zeit, in der Bildung einen Wechsel einzuläuten. Die SP hatte die Direktion 25 Jahre inne. Zuletzt sind wichtige Geschäfte gescheitert oder auf halbem Weg stecken geblieben. Die Bürgerlichen sind gefordert, hier Verantwortung zu übernehmen und es besser zu machen.

Sie sind der Gewinner der Ausmarchung unter den Parteipräsidenten: Die CVP ist für die kantonalen Wahlen im Frühjahr ins bürgerliche Lager eingebunden, kann gut mit FDP-Kandidatin Gschwind leben und hält sich alle Optionen für Listenverbindungen bei den nationalen Wahlen im Herbst 2015 offen.

Für die CVP war wichtig, den Partnern FDP und SVP bei Majorzwahlen keine Carte blanche zu erteilen, sondern dass neben den Bisherigen eine Kandidatur aufgestellt ist, die für die CVP-Basis wählbar ist. Als ich im Frühling das Präsidium übernommen habe, war es ein zentrales Ziel, die Partei im Hinblick auf die Wahlen 2015 klar zu positionieren. Die CVP ist eine bürgerliche Mittepartei. Wir sind überall dort dabei, wo wir bürgerliche Mehrheiten schaffen können. Wenn bei den Nationalratswahlen eine Listenverbindung mit der BDP und anderen bürgerlichen Mitteparteien hilft, einen bürgerlichen Sitz gegenüber Rot-Grün zu verteidigen, dann ist dies auch im Sinne von FDP und SVP.

Das Drehbuch hat einen Schönheitsfehler: BDP-Regierungskandidat Matthias Imhof wird von der CVP-Basis nicht unterstützt.

Die Parteileitung hat diese Frage ergebnisoffen angepackt. Die BDP hat 2013 die CVP bei der Wahl unseres Regierungsrats Anton Lauber unterstützt. Wir waren der Meinung, dass unsere Basis die Möglichkeit haben soll, über eine Unterstützung des BDP-Kandidaten zu entscheiden. Der Parteitag hat diesem nun die Unterstützung versagt. Diesen Entscheid gilt es zu respektieren.

Dadurch wird aber die Zusammenarbeit mit der BDP infrage gestellt.

Das war kein Entscheid gegen die Zusammenarbeit. Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt: Es wird über Kandidaten entschieden, nicht über Parteien. Wichtig war, dass sich Imhof bei uns vorstellen durfte.