Daniel Fringeli, jedes Jahr sterben in der Schweiz rund 10 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Sie behaupten, dass viele gerettet werden könnten. Wie soll das gehen?

Daniel Fringeli: Durch die Schulung von Laien, durch die Ausbildung von einem möglichst grossen Teil der Bevölkerung in den Wiederbelebungsmassnahmen. Beim Kreislaufstillstand sind die ersten Minuten entscheidend, es muss sofort richtig gehandelt werden. Schon nach drei Minuten erfährt das Gehirn ohne Sauerstoff irreparable Schäden.

Was kann denn ein Laie tun, ausser, die Ambulanz zu verständigen?

Das ist genau das Problem: Viele denken, sie könnten nichts tun …

… das ist auch nachvollziehbar.

Ja. Man hat Hemmungen, jemanden anzufassen, der bewusstlos auf dem Boden liegt, insbesondere, wenn es sich um eine wildfremde Person handelt. Eine sofortige Herzmassage könnte den Kreislauf reaktivieren und die entscheidenden Minuten bis zum Eintreffen des Rettungswagens überbrücken und so Leben retten. Eine zusätzliche Beatmung ist nicht zwingend notwendig – diese ist aber der grösste Hemmfaktor, wieso oft nicht geholfen wird.

Sie sind Rettungssanitäter. Würde es nicht helfen, wenn die Sanität
rascher vor Ort wäre?

Nur wenn sie innert drei, vier Minuten seit dem Ereignis vor Ort wären – was unrealistisch ist. Sogar in einer dicht besiedelten Stadt wie Basel ist die Sanität im Durchschnitt erst nach sechs Minuten reiner Fahrzeit vor Ort. Hier kann man also wenig verbessern. Entscheidend ist, dass möglichst viele Menschen wissen, was zu tun ist, wenn jemand einen Herzstillstand erleidet. Der Disponent des Sanitätsnotrufes 144 leitet bei Herzstillstand den Anrufenden telefonisch an und unterstützt diesen bis zum Eintreffen des Rettungswagens. Diese Ersthelfer sind das wichtigste Glied in der Rettungskette. Daten aus anderen Städten, Kantonen und Länder zeigen, dass die Mortalität bei entsprechender Ausbildung stark verringert werden kann. Autofahren gehört heute zur Allgemeinbildung und ist schon fast selbstverständlich – wieso nicht auch Wiederbeleben?

Können Sie Beispiele nennen, wo die Mortalität verringert werden konnte?

Nordische Länder oder die Stadt Seattle etwa haben stark in die Ausbildung der Bevölkerung investiert. Dort liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit bei plötzlichem Herzstillstand bei 63 Prozent. In unserer Region beträgt dieser Wert sechs bis maximal zehn Prozent. Unser Ziel ist es, die Überlebensquote in der Region Basel massiv zu steigern, wir wollen sie mindestens zu verdreifachen.

Was müsste geschehen, um dieses Ziel zu erreichen?

Der Staat sollte viel stärker in die Pflicht genommen werden. Ein erster Schritt wäre, alle Schüler in «hands only», also Herzdruckmassage, auszubilden. Genau das hat zum Beispiel Seattle getan. Dort sind aber auch viele weitere Personenkreise ausgebildet worden, etwa Polizisten, Mitarbeiter von Arztpraxen und viele mehr.

Ist das bei diesen Berufsgruppen noch nicht selbstverständlich in der Schweiz?

Leider nicht flächendeckend. Das ist auch ein Grund, weshalb wir vor elf Jahren den Verein Life Support gegründet haben. Wir sind alles Profis aus Rettungsdienst, Notfall und Anästhesie, mit dem Ziel, Laien in der Reanimation auszubilden. Bisher haben wir weit über 10 000 Personen geschult. Dieses Jahr durften wir das Korps der Kantonspolizei Basel-Stadt schulen – sprich fast 800 Personen.

In der Schweiz gilt der Kanton Tessin als Vorbild-Kanton. Was ist dort geschehen?

Wir haben den Kanton Tessin kürzlich besucht, um zu schauen, was dort besser läuft als bei uns. Dort werden mittlerweile breite Bevölkerungsschichten geschult, nicht «nur» Schüler und Studenten, sondern auch Angestellte von öffentlichen Betrieben. Ausgebildete Personen können sich freiwillig registrieren und per App als sogenannte «Firstresponder» parallel zum Rettungswagen aufgeboten werden. Auch die Defibrillatorenstandorte der rund 1000 Geräte im ganzen Kanton sind registriert. Die Kampagne hatte Erfolg: Das Tessin hat die Quote der Geretteten vervielfacht, und das innerhalb von nur fünf Jahren. Heute beträgt die Wahrscheinlichkeit, im Tessin einen Herzstillstand zu überleben, 43 Prozent. Das zeigt: Sind Laien ausgebildet, können sie Leben retten.

Ist es nicht zu aufwändig, ganze Schulen auszubilden?

Die Schulen müssten nur zwei Stunden pro Klasse und Jahr zur Verfügung stellen – das sollte möglich sein. Letztes Jahr, während unseres 10-Jahr-Jubiläums, haben wir kostenlos rund 180 Schüler der Gewerbeschule Basel ausgebildet. Eine weitere Jubiläumsaktion war die Ausbildung der rund 90 Zoo-Mitarbeitenden inklusive Vermittlung von zwei kostenlosen Defibrillatoren.

Wie sieht es mit der Verbreitung der Defibrillatoren aus? Auch diese können einen Herzstillstand beheben.

Defibrillatoren sind eine optimale Ergänzung zu den Basismassnahmen. Auch hier gilt: Die Leute müssen sich getrauen, die «Defi» auch wirklich anzuwenden. Die Bedienung ist völlig ungefährlich, das Gerät erteilt sämtliche Anweisungen und gibt nur bei entsprechendem Rhythmus eine Schockfreigabe. Die Anwendung des «Defi» wird in den Reanimationskursen ebenfalls vermittelt. Aber wie gesagt, die Geräte dienen als Ergänzung – das Wichtigste ist und bleibt die sofortige Herzdruckmassage.

Braucht es mehr Defibrillatoren?

Auf jeden Fall. Sie sollten an allen stark frequentierten Orten vorhanden sein, in Basel hat es bereits Dutzende Geräte, meist in Unternehmen, aber auch im öffentlichen Raum wie etwa am Basler Bahnhof SBB. Es wäre aus unserer Sicht auch denkbar, zum Beispiel Trams und Busse sowie Apotheken mit Geräten auszurüsten.

Life Support. Der Verein bietet Reanimationsschulungen und branchenspezifische Notfallschulungen an, sowohl für Firmen und andere Institutionen, als auch für Einzelpersonen. Im vergangenen Jahr führte der Verein insgesamt 180 Kurse mit über 2000 Personen durch. Weitere Infos unter: www.lifesupport.ch, Telefon 076 636 60 33 oder info@lifesupport.ch