«Ist die Welle gut?», fragt der Neuankömmling aus Zürich, während er das Brett von den mit Klebband fixierten Kantenschonern befreit. «Beim Einstieg hats ein Loch», meint ein pitschnasser Kollege, der schon unzählige Ritte auf der Welle unterhalb der Redingbrücke hinter sich hat.

«Normalerweise ist das Brett nicht so extrem verpackt», meint der Zürcher. «Aber mein Bruder ist damit gerade im Flugzeug von Fuerteventura zurückgekommen.» Wer hier surft, reitet auch auf Meereswellen.

Das Birsfelder Ufer der hochgehenden Birs bietet zwar keinen Sandstrand – im Gegenteil: Da wo die Surfer die Bretter der Ufer entlang wieder zur Einstiegstelle hochtragen, sieht die Grasnarbe aus, wie wenn Kühe die Weide Matsch getrampelt haben. Doch die schwarzen Neopren-Männer machen sich nichts aus dem Sumpf.

Einer nach dem anderen wirft sich bäuchlings aufs Brett und paddelt, je nachdem, wie er die Strömung erwischt, mit ein paar Crawl-Zügen an den flussaufwärts gerichteten Wellenhang.

Wer es dann schafft, aufzustehen, kann sich in der Regel ein paar Sekunden halten. Zieht ihn die Strömung auf den sich schaumig brechenden Wellenkamm, fliegt er in hohem Bogen ins Wasser, taucht einige Meter weiter unten wieder auf, zieht sich das Brett, das er mit einer Leine am Fuss befestigt hat, unter den Bauch und crawlt an Land, während bereits der Nächste versucht, die Welle zu bändigen.

Spiel mit Bernoullis Gesetz

Während auf dem Meer die Welle den Surfer in Richtung Ufer trägt, steht sie hier im Fluss. «Am Freitag war sie am besten», berichtet Nicolas aus Basel. Da habe man auf der ganzen Breite hin und her gleiten können. Allerdings seien auch ganze Baumstämme den Bach runtergekommen.

Auch jetzt schlägt eine daherschiessende dicke Bohle dem Surfer das Brett unter den Füssen weg. Einen Helm trägt hier keiner. Auch von einem Unfall hat der Basler Wellenreiter noch nie gehört.

«Wer auf dem Meer surft, kommt nicht gleich in Panik, wenn er überspült wird und ein paar Sekunden unter Wasser bleibt.» Gefährlicher sei das Bungee-Surfen mit einem Gummiseil.

Die Welle an der Redingbrücke ist offenbar eine der wenigen Stellen in der Schweiz, wo man surfen kann, und dies auch nur an wenigen Hochwassertagen. In der Szene bekannt ist die Welle im aargauischen Bremgarten. Und in Bern setzt sich seit Jahren ein Verein dafür ein, auf der Aare eine Welle künstlich zu schaffen.

«Am Samstag war ein Surfer aus Österreich hier, der hat uns erzählt, dass sie auf ihrem Bach auch eine Welle hatten, bis ein Hochwasser ein paar Steine verschob. Nun funktioniert sie nicht mehr.»

Birsfelden hingegen ist ein Surfer-Mekka, ein zeitweiliger Ersatz für die Atlantikbrandung. Damit eine Welle entsteht, ist ein Hindernis über die ganze Flussbreite nötig. Dadurch verengt sich der Querschnitt des Flussbetts und das Wasser muss schneller fliessen. Die stärkere Strömung erzeugt einen Unterdruck – ein Prinzip, das der Basler Wissenschaftler Daniel Bernoulli und der Italiener Giovanni Battista Venturi bereits vor fast 300 Jahren entdeckten.

Dieser Unterdruck erzeugt das Wellental, und die Geschwindigkeit der Strömung ist nötig, genug dynamischen Auftrieb zu erzeugen, damit das Brett oben bleibt. Mit rund 35 Liter Inhalt erzeugt es nämlich nicht genug Auftrieb, dass ein es einen Mann tragen könnte.

Hinzu kommt die Erdanziehungskraft, die den Wellenreiter nach unten zieht. Schafft er es, gleich schnell nach unten gezogen zu werden wie ihn das den Wellenhang hinaufschiessende Wasser hochtragen will, dann steht er praktisch auf dem Fluss.

Spektakel für die Zuschauer

Doch sobald ihn die Strömung in die Schaumkrone trägt, hat er verloren und geht baden. Gerät er hingegen zu tief ins Tal, nimmt die Gravitation überhand, er sinkt etwas ein, das Brett unterschneidet und ein Taucher ist angesagt, oft mit einem hoch durch die Luft wirbelnden Brett – Spektakel für die Zuschauer unter den Regenschirmen auf der Brücke, Gefahr für den Kopf des Surfers. «Dann muss man halt den Arm über den Kopf halten», erklärt Nicolas.

Der Zürcher hat mittlerweile das Brett gewachst, damit er mit den Neoprenschuhen mehr Halt hat, und die Finnen montiert: eine Art Haifischflossen am Heck, die helfen, das Board in der Strömung zu halten.

Er reiht sich ein in die Schlange im Matsch und sobald er dran ist, stürzt er sich bäuchlings in die Fluten. 10 Grad kalt ist das Wasser, das sofort unter den Anzug dringt. Doch der Körper wärmt das Wasser zwischen Haut und Anzug bald einmal auf, und der Anzug gibt auch einen gewissen Auftrieb: Schwimmwesten sind bei den Surfern ein Fremdwort.

Bevor er sich aufrichten kann, hat ihn die Strömung schon über die Welle gerissen. Macht nichts: Surfen ist Schlitteln auf dem Fluss: Ist man unten, muss man halt wieder hochlaufen, notfalls im Matsch – eine nasse, aber höchst dynamische Lebensschule.