In rund sechs Tagen dem Jura entlang von Basel über Grenoble durch die Provence bis nach Nizza. Von dort nach Korsika und eine Woche lang dessen Westküste folgen. Weiter nach Sardinien, mit Segelschiffen eine Woche auf hoher See und in vier Tagen von Genua über den Gotthard wieder zurück.

Das ist kein Ausschnitt aus einem Reiseprospekt, sondern der krönende Abschluss, den zwölf Elftklässler der Freien Mittelschule Muttenz (FOS) am 3.Juni mit ihren Liegevelos in Angriff nehmen werden. Das Besondere daran: Die Velos haben sie während der letzten Monate von Grund auf selbst gebaut. Und auch die Segelschiffe gehen auf eine frühere FOS-Klasse zurück.

Vom Löten bis zum Nähen

Mithilfe des FOS-Biologie-Lehrers und Initianten des Projekts, Thomas Wolf, schneiden die Schüler Rohre zurecht, hartlöten oder bringen Komponenten an. Sie bauen die Liegevelos vom Rahmen bis zu den Umlenkrollen selber, einzig Komponenten wie Bremsen oder Räder bestellt Thomas Wolf beim Grosshändler. Günstig sind die Velos trotzdem nicht: Die Materialkosten belaufen sich auf mehr als 1000 Franken. Thomas Wolf geht es jedoch nicht darum, möglichst günstig Velos zu produzieren. Es geht ihm um die Idee dahinter und die «emotionale Bindung». Er will, dass die jungen Menschen beim Velofahren mit Erde und Natur in Kontakt kommen. Wolf: «Nur denken reicht nicht, der Stein muss mit dem Tun ins Rollen kommen.»

Daher auch die mehrwöchige Reise, die er selbst nach zehn Jahren und kurz vor seiner Pensionierung noch mit seinen Schülern bestreitet; ohne Begleitfahrzeuge und mit Zelten im Gepäck – um unabhängig zu sein. Eine erste Bewährungsprobe für die Velos wird aber zuerst die zweitägige Jura-Rundfahrt vom kommenden Auffahrts-Wochenende sein, an der einige der Schüler teilnehmen werden.

Rund 120 Arbeitsstunden

Ein grosszügiger Raum steht den Rudolf-Steiner-Schülern, die hier die 10. bis 12. Klasse besuchen, an der FOS zur Verfügung. Liegevelos in allen Farben stehen in einer Reihe. Die einen sind noch nicht viel mehr als ein Gerüst aus Stahlrohren, andere sogar mit Elektromotor ausgestattet. Eigens eingerichtete Werkplätze, um die Velos aufspannen zu können, erleichtern das Arbeiten.

Den Schülern scheint es zu gefallen. Sie lernen nicht nur etwas über Natur und Velobauen, sondern auch für das Leben: «Das Tolle ist, dass jeder jedem hilft», erklärt Sarah Kissling, eine der Schülerinnen. Die Elftklässler bauen nun seit den Herbstferien im Rahmen des Schwerpunktthemas Ökologie an den Liegevelos. Jeweils ein Nachmittag à vier Stunden die Woche, kürzlich auch während einer Projektwoche. Rund 120 Arbeitsstunden brauche es, bis ein Velo fertig sei, sagt Wolf.

Es ist nun das zehnte Jahr, dass Thomas Wolf mit Schülern Liegevelos baut. 2003 machte er sich mit ihnen auf die erste Reise, die jeweils mindestens 1500 Kilometer lang sein soll. Mit den steifen, aerodynamischen und bequemen Liegevelos ist dies sogar für ungeübte Schüler möglich. Sie bestreiten so zum Teil mehr als 200 Kilometer pro Tag.

Bald eine eigene Firma

Den Ursprung hat Thomas Wolfs Liegevelo-Projekt bei seinem Sohn Florian. Dieser hat bereits mit 15 Jahren sein erstes Liegevelo gebaut. Er entwickelte es konstant weiter, sein viertes Modell bildet die Grundlage für die FOS-Liegevelos. Das Gewicht sei tourenfertig mit rund 14,5 Kilogramm «erstaunlich gering», erklärt Gabriel Wolf. Der HGK-Student hilft seinem Vater beim Bau der Velos. Ein weiterer Vorteil: Die Grösse der FOS-Velos kann individuell angepasst werden. Zudem sei bisher noch nie ein konstruktionsbedingter Defekt aufgetreten, erläutert Gabriel Wolf.

Bereits knapp 200 Liegevelos haben FOS-Schüler in den letzten zehn Jahren hergestellt. Auch einige Externe verwirklichten mit Thomas Wolfs Hilfe ihren Traum vom Liegevelo. Diese Sparte möchte Wolf nun mit seinen beiden Söhnen erweitern, wozu sie die Firma Wolf&Wolf aufbauen. Ein erstes Ziel verrät Thomas Wolf bereits: «Wir machen bis jetzt Tourenvelos, bald soll es auch ein Stadtvelo geben.»