Man könnte sie ziemlich beste Freunde nennen, Heinrich Wiesner und René Salathé. Der Schriftsteller Wiesner feiert am Mittwoch seinen 90. Geburtstag – für René Salathé ein willkommener Anlass, seinen Autorenkollegen für ein Interview zu treffen.

Allzu weit hatte Salathé nicht: beide wohnen schon lange in Reinach, kaum einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

René Salathé: Heinrich, warum hast du ein Leben lang geschrieben? Wolltest du die Welt verändern?

Heinrich Wiesner: Gewiss – wenigstens in jungen Jahren. Ich war zum Beispiel ein Dienstverweigerer, der aber Dienst tat. Hätte ich nämlich tatsächlich den Militärdienst verweigert, die Existenz meiner Familie wäre gefährdet gewesen. So blieb es bei der gedanklichen Auflehnung. Im Übrigen möchte ich festhalten: Schreiben war für mich nie nur Hobby – es ist Teil meiner Existenz, es war und ist meine Passion.

Du bist im Oberen Kantonsteil aufgewachsen und gehörst damit zum Baselbieter Urgestein. Wie nachhaltig hat sich diese Tatsache in deinem Schrifttum niedergeschlagen?

Urgestein? Besser wäre Gipsgestein, gab es doch in Zeglingen die grösste Gipsgrube der Schweiz. Meine Jugend in einem Bauerndorf hat mich nie freigelassen. Am Anfang stehen Gedichte, die das Baselbiet verherrlichen, dann die Porträts meiner Eltern «Der Riese am Tisch» und «Die würdige Greisin». In «Schauplätze»habe ich schliesslich beschrieben, wie ein Bauernbub den Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Seit 1981 wohnst du in Reinach, der heutigen «Stadt vor der Stadt». Wie hast du diesen Wohnortswechsel «verdaut» – hat er dich in deinem literarischen Schaffen beeinflusst? Falls Ja: Wie?

Ja, es zog mich vom abseitigen Dorf in die dörfliche Nähe zum geschäftigen Basel. Dem Dorf Reinach, der «Stadt vor der Stadt» habe ich im «Dankschreiben» meinen Dank abgestattet.

Was bedeutet dir Heimat?

Zunächst ganz einfach: Dort, wo man wohnt, dort ist man zu Hause. Meine innerste Heimat ist jedoch die deutsche Sprache, ihr fühle ich mich zutiefst verbunden – ihrem Duktus, ihrem Klang.

Du hast einmal gesagt: «Erst war ich ein junger Schriftsteller. Dann wurde ich ein jüngerer. Ich mache mich.» Wie machst du dich heute in deinem Jubiläumsjahr? Bewegst du dich noch immer in «Lakonischen Zeilen» oder «Kürzestgeschichten?

Ich habe nie aufgehört zu denken und könnte daher besonders angesichts der Globalisierung meine «Lakonischen Zeilen» ohne weiteres fortsetzen; ich habe es aber vorgezogen, mich nicht zu wiederholen, sondern neue Ziele anzusteuern. So erscheint nächstes Jahr ein Tierbuch besonderer Art, das sich vor allem an Erwachsene wendet und in Dialogform gehalten ist.