Wie es sich für eine richtige Pfarrerstochter gehört, hat Damaris Buchenhorner, geborene Möller, Demut vor dem Schicksal. Dieses führte die gebürtige Aescherin ins beschauliche Sissach statt in die weite Welt, von der sie einst träumte. Als Jugendliche sehnte sie sich nach London, Paris und vor allem Hamburg, woher ihre Eltern stammen. «Kein Leben ist planbar», sagt sie. «Meines schon gar nicht.»

Die Unwägbarkeiten nahmen vor elf Jahren ihren Lauf, als sie als Assistentin der UBS ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Matthias Buchenhorner. Als Einzelkind war er der designierte Nachfolger des Eptinger-Patrons Jörg Buchenhorner, der kurz darauf seinem Sohn die Firma überliess.

Bei Damaris folgte als Lebenspartnerin Buchenhorners eine klassische Tellerwäscherkarriere. Praktikantin, Angestellte, Marketingchefin und jetzt: mit 31 Jahren bereits Verwaltungsratspräsidentin und die wohl schweizweit jüngste Frau an der Spitze eines vergleichbar grossen Unternehmens.

In Erinnerungen schwelgend

Mit diesem Superlativ konfrontiert, winkt Damaris Buchenhorner – priesterlich demütig – ab. «Ein solcher Aufstieg wäre gar nicht möglich gewesen, wenn ich mich nicht in Matthias verliebt hätte.» Um sich ohne Kontakte in einer grossen Firma durchzusetzen, muss man «ellebögele». Das könnten die Frauen einfach nicht so gut.

Von der Hand weisen will sie aber nicht, dass dazu auch viel Fleiss und lange Arbeitstage gehört hätten. Denn was die junge Marketingfachfrau im Oberbaselbiet vorfand, war ein marodes Unternehmen. Die Strukturen waren verknöchert, die Marke verstaubt.

Hoffnungsvoll klammerte man sich an die Historie. In Erinnerungen liess sich gut schwelgen, schliesslich waren Eptingers Mineralwasser und die Süssgetränke über Jahrzehnte führend. Nach der Firmengründung Ende des 19. Jahrhunderts dauerte es nicht lange, bis die bis dahin führenden internationalen Mineralwassermarken verdrängt werden konnten. Der «Heimatkunde Eptingen» lässt sich entnehmen, dass bereits im ersten Geschäftsjahr 1899 30 000 Flaschen abgefüllt wurden – allesamt von Hand.

1905 wurde das Abfüllen von Hand zu mühsam. Firmengründer Edmund Buchenhorner besorgte sich eine Abfüllmaschine. Bis zum Zweiten Weltkrieg ging es stetig aufwärts, die Produktepalette wurde ausgebaut. Limonaden mit Zitronen und Orangengeschmack kamen dazu; nach dem Weltkrieg, unter dem das Geschäft aufgrund der Zuckerrationierung stark litt, warf Eptinger das bis heute wohl bekannteste Produkt auf den Markt: Pepita. Ein Getränk, mit dem in den folgenden Jahrzehnten fast alle Kinder in der Region aufwuchsen.

Eine aber hatte in der Kindheit nur eine vage Ahnung von Pepita: die heutige Eptinger Verwaltungsratspräsidentin. Sie wuchs mit Leitungswasser auf.

Anderer Traumjob

Ohnehin war es ein Leben ohne Saus und Braus. Damaris Buchenhorners Vater war Pfarrer, ihre Mutter Krankenschwester. Auch wenn die Eltern ein anständiges Gehalt nach Hause brachten, blieb für die zweitjüngste Tochter nicht viel übrig: Sie musste mit fünf Geschwistern teilen. «Geld war für mich nie ein wichtiger Faktor», sagt Buchenhorner.

Vielleicht strebte sie deshalb auch den Eltern nach. Ihr Traumjob war Krankenschwester, doch auch ein Leben als Rednerin hätte sie sich gut vorstellen können – an Ideen für originelle Predigten habe es ihr nicht gemangelt.

Buchenhorner sagt, sie gehöre zum «Typ Mensch, der nicht ständig weiss, wie viel Geld auf dem eigenen Konto ist.» Scheinbar schlechte Eigenschaften, wenn es darum geht, eine Firma wieder auf Kurs zu bringen. Doch als Buchenhorner 2010 zum Konzern kam, sah sie sich nicht als Saniererin. Die operative Leitung habe bei ihrem Partner gelegen, den sie 2014 heiratete. «Er ist strukturierter als ich. Ich bin mehr der strategische, kreative und kommunikative Typ.» Mit als Verdienst betrachtet Buchenhorner, die patriarchalischen Strukturen durchbrochen zu haben.

Früher bestimmte der Patron die Marschrichtung. Heute steht das Büro der Verwaltungsratspräsidentin allen Mitarbeitern offen. Buchenhorner sagt, auch hier sei sie von ihren Eltern geprägt worden. «Weil beide viel arbeiteten, mussten wir früh lernen, selbstständig zu sein und Verantwortung zu übernehmen.» Das erwarte sie nun auch von den Mitarbeitern. Sie sollten mitdenken und kritisieren, wenn ihnen etwas missfalle. Oder: Ideen einbringen.

Die vielleicht bahnbrechendste Idee kam jedoch von Buchenhorner selbst: die Idee, die schweizweit erste Gurkenlimonade herzustellen. Vielleicht hätte man sie in der Familie Buchenhorner bei dieser Idee für verrückt gehalten, wenn sie ihren Sinn fürs Kulinarische nicht an der Hochzeit unter Beweis gestellt hätte. Während sich ihr Mann vor der Festversammlung beim Blindtest verschiedener Mineralwasser blamierte und das Eptinger selbst vom Leistungswasser nicht unterscheiden konnte, lag ausgerechnet das neue Familienmitglied richtig.

Wie ein 100-Meter-Lauf

Von da an liess man sie gewähren. Und brachte gar eine verrückte Idee ein: sie wollte die schweizweit erste Limonade aus Gurke herstellen. «Die Gurke ist ja seit ein paar Jahren im Trend und wird häufig beim Gin benutzt. Irgendwann sagte ich mir: Das muss als Limonade funktionieren.» Es begann der Findungsprozess. In einer beschaulichen Firma wie Eptinger mussten zuerst die Mitarbeiter, dann die Freunde und Verwandten vorkosten.

Gleichzeitig tüftelte die Firma an einem anderen Trend: der als supergesund geltenden Aronia (Apfelbeere). Das Ergebnis eines Jahres akribischer Arbeit im Oberbaselbiet wird die Schweizer Migros-Kundschaft ab nächster Woche zu Gesicht bekommen. Im hart umkämpften Getränkemarkt werden es die zwei neuen Produkte schwer haben. Buchenhorner gibt den neuen Limos eine 50-prozentige Überlebenschance. Das Leben ist eben nicht planbar – nicht mal das dasjenige eines Süssgetränks.

Vielleicht ist Damaris Buchenhorner deshalb zögerlich, wenn sie auf die Zukunftspläne angesprochen wird. Sie lebt im Jetzt. Und dieses ist vielversprechend. Die Absatzzahlen steigen stetig, in den vergangenen fünf Jahren um 21 Prozent. Doch irgendwann muss die Verwaltungsratspräsidentin einen Gang runterschalten. Gerade, weil sich auch der Ehemann in der Firma befinde, drehe sich selbst in der Freizeit vieles ums Geschäftliche.

«Wenn das Wasser bei einem Kunden ausgeht, dann fahren wir auch schon mal gemeinsam am Wochenende eine Lieferung aus», sagt sie. Oder sie legen am Hauptsitz in Sissach Hand an, weil es etwas zu reparieren gibt. «Die vergangenen Jahre haben Kraft gekostet. Ich bewege mich mit der Intensität eines 100-Meter-Läufers», sagt Buchenhorner.

Sie sei aber nicht nach Sissach gekommen, um einen Sprint zu absolvieren, sondern einen Marathon. «Ja», sagt der einstige Wandervogel mit einem Lachen. «Ich kann mir gut vorstellen, bis zur Pensionierung hier zu sein.»