Überall hängen Plakate – den Strassen entlang, sogar in privaten Gärten. In grossen Buchstaben prangt: «Kein ÖV-Abbau, Nein zur Stilllegung.» Der Landrat entschied, das Läufelfingerli Ende 2019 einzustellen zugunsten eines Busbetriebs. Dagegen ist das Referendum ergriffen worden.

Im Tal im Oberbaselbiet wird intensiv geworben für den Erhalt der S 9. Läufelfingen, wo sich der Bahnhof im Dorf befindet, kämpft an vorderster Front dafür. Doch was sagen die Einwohnerinnen und Einwohner in den anderen Talgemeinden? Dort, wo die Stationen am Hügel liegen oder wo es keine hat. Die bz hat sich umgehört.

Buckten

Bei schönstem Herbstwetter ist Cäsar Wirth-Cavalli auf dem Morgenspaziergang. Er nimmt sich Zeit für sein extensives Plädoyer: «Das Läufelfingerli hat zentralen Charakter, weil es so viele gute Voraussetzungen erfüllt: Es fährt umweltfreundlich; die Bahnhöfe sind für Leute zugänglich, die gehbehindert oder im Rollstuhl sind; ganz wichtig sind auch die guten Verbindungen nach Olten und Sissach», wirft der 60-Jährige, ein fleissiger Benutzer der S 9, in die Waagschale. Er ist nicht einverstanden damit, dass mit Unterdeckung argumentiert wird, wenn es ums Finanzielle geht. Die SBB hätten einen Service public zu garantieren.

Der Buckter bezweifelt, ob bei einer allfälligen Umstellung häufiger Busse fahren würden. «Das wird behauptet.» Er ist skeptisch gegenüber der Politik. Für ihn ist die Strasse über den Unteren Hauenstein bei Schnee zu gefährlich für den öffentlichen Verkehr. Wirth-Cavalli findet aber auch lobende Worte für die SBB: «Sie ist die beste Eisenbahngesellschaft der Welt.» Aber sie dürfe die Probleme nicht auf die Schwächsten abwälzen und müsse – wie die Infrastruktur auch – ihre Dienstleistungen aufrechterhalten.

Für eine 81-jährige Frau, die am gegenüberliegenden Hang des Bahnhofs von Buckten wohnt, ist der Standort der Station kein Problem. «Klar steigt es vom Dorf aus stark an. Man muss sich einfach Zeit nehmen», sagt sie ruhig. Ihre Familie hat kein Auto. Sie gingen nicht viel fort. Aber wenn sie mal in die Ferne schweiften, dann lieber mit dem Zug. «Ich sehe keinen Sinn darin, weshalb auf Bus umgestellt werden soll. Wir haben ja eine Bahn, die in perfektem Zustand ist», meint Susi Keller. Für sie ist es falsch, beim öffentlichen Verkehr zu sparen.

 

'S Läufelfingerli (Buckterlied)

Läufelfingerli-Lied



 

Rümlingen

Wandergruppen und einzelne Wandersleute, die mit dem Läufelfingerli anreisen, kehren öfters im Restaurant Homburger Stübli ein. Wirtin Tine Andersen denkt, dass die Gäste ihr Restaurant auch besuchen, wenn nur noch der Bus fahren würde. Sie weiss aber, dass Personen, die in Bern und Zürich wohnen und im Homburgertal arbeiten, die Bahnanschlüsse schätzen. «Mit dem Bus bräuchten sie mehr Zeit für den Arbeitsweg. Dann nehmen sie das Auto.» Andersen berichtet weiter von Leuten aus dem Tal, welche die Bahn vermisst hätten, als diese vor einigen Jahren wegen Gleisarbeiten nicht fahren konnte. Sie steht fürs Läufelfingerli ein: «Das ist eine gute Sache, wenn es über den Viadukt holpert.»

Im Bus über den Hauenstein sei mühsam, vor allem nachts, sagt Peter Bernoulli. Er erlebte dies, als die S 9 nicht verkehrte. Wenn der Bus eingeführt würde, wären die Arbeiten an Gleisen und Bahnhöfen vergebens gewesen. «Die Busstationen müssten auch ausgebaut werden, und das kostet ebenfalls.» Auf die Frage, wo im öV anstelle des Läufelfingerli die 840 000 Franken ein gespart werden sollen, antwortet Bernoulli: «Das weiss ich nicht, ich bin nicht Politiker.» Ein 13-Jähriger – er besucht die Sekundarschule in Sissach und ist täglicher Bahnpassagier – meint, «das Zügli fährt ruhiger und ist schneller unterwegs, im Bus rüttelt es».

Sommerau

Laut Daniel Sturm, Geschäftsführer des Schulheims Sommerau in Rümlingen, benutzen dessen Mitarbeitende und Kinder öfters die Bahn. Vom Schulheim gebe es keine offizielle Stellungnahme zur Abstimmung. «Aber meine persönliche Meinung ist, dass es keinen grossen Unterschied macht, ob ein Bus oder das Läufelfingerli im Tal hin- und herfährt», sagt Sturm. Wenn es einen akzeptablen Zugangsweg zur Kantonsstrasse hinunter sowie dort eine anständige Haltestelle gäbe und der Bus vielleicht sogar zweimal pro Stunde fahren würde, wäre das kein Nachteil gegenüber der Bahn. Daniel Sturm betont jedoch: «Persönlich würde ich die Einstellung des Läufelfingerli bedauern. Es gehört zum Tal.»

Diepflingen

Mit dem Zug sei es einfach bequemer, ist eine 67-jährige Frau überzeugt, die mit dem Läufelfingerli wöchentlich von Diepflingen nach Basel fährt. Der Bus sei keine Alternative, man brauche viel zu lange, um beispielsweise nach Olten zu gelangen. Sie lebt in einem Haus direkt an der Bahnlinie: «Den Zug selber hört man nicht mehr, wenn man lange genug hier wohnt.» Die Güterzüge, die jetzt schon vorbei kesselten, hingegen schon. «Saublöd» findet die Frau die Formulierung der Abstimmungsfrage: Für den Erhalt des Läufelfingerli muss man Nein stimmen. Die Frage ist korrekt, weil sie sich auf den vom Landrat beschlossenen 8. Generellen Leistungsauftrag bezieht.

Giordano Lovato fährt jeden Tag mit dem Zug; er nimmt frühmorgens jeweils den ersten. Der Bus wäre für ihn ein Nachteil, weil der erste Kurs später fahren würde. «Logisch gibt es Züge, die fast leer sind, aber es hat am Morgen und am Abend auch proppenvolle.»

Thürnen

Das Dorf am Eingangstor zum Homburgertal hat keine eigene Bahnstation. Deshalb konstatiert eine 60-Jährige: «Für uns Thürner ist das Läufelfingerli nicht so wichtig.» Sie hätte aber nichts dagegen, wenn man es beibehält. Eklig sei immer, wenn die Barriere geschlossen sei. Die Zeiten kenne man aber genau. Ohne Läufelfingerli würden die Abstände unregelmässiger.

«Man nimmt uns immer wieder etwas weg: Bank, Post, Schule», schimpft Chasper Schmidt. Das Tal müsse erhalten bleiben, «aber sie machen so lange, bis alle nur noch im Auto herumfahren». Der 86-jährige Mann ist ein flammender Befürworter des Läufelfingerli. Busse sorgten nur für Mehrverkehr auf den Strassen. Das gelte es zu verhindern. Der Betagte fordert: «Politiker sollen für die Leute schauen und nicht immer nur aufs Geld.»