Auslöser war der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Die schockierende Tat des kommunistischen Systems bewog auch in der Schweiz viele Menschen und just Angehörige der jungen Generation, sich wieder stärker politisch zu engagieren. So entstanden in mehreren Kantonen Jugendparlamente. In Baselland ergriff der Handelslehrer Erich Gerber die Initiative. Am 6. Oktober 1961, also vor 50 Jahren, trafen sich über 100 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 35 Jahren im Liestaler Landratssaal zur ersten Sitzung. Sie wollten zeigen, dass ihnen das Gemeinwesen nicht egal war.

Dieses Jugendparlament war nicht das erste und das letzte in Baselland. Bisher gab es drei weitere Anläufe, die Jugend auf solche Weise in die Politik hineinwachsen zu lassen:

1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kam es zu einer ersten Jugendparlamentsbewegung in der Schweiz. In Baselland gründete der damals 18-jährige Alfred Oberer ein solches Gremium. Da jedoch viele massgebende Mitglieder wegen der Ausbildung, wegen neuer Stellen oder wegen des Militärdienstes stark beansprucht waren oder den Kanton verliessen, schlief das Projekt 1946 wieder ein.

1994 wurde die Schweiz von einer dritten Jugendparlamentswelle erfasst. Im Baselbiet konstituierte sich die Konzeptgruppe «IG Jugendparlament», aus der dann 1996 zunächst der Jugendrat, dann ein Jugendparlament hervorgingen. Das Parlament zog 71 Jugendliche an, hielt aber nur bis 1997 durch.

2009 schliesslich trieb der Jugendrat das Projekt Jugendparlament erneut voran. Diesmal bildeten die Jungparteien die Basis. Im Herbst 2009 fand die erste Sitzung mit 55 Jugendlichen statt. Doch weil das Interesse nicht anhielt, blies der Jugendrat die Übung nach drei Sitzungen ein Jahr später wieder ab.

Intensiver Ratsbetrieb

Die Anläufe von 1945, 1996 und 2009 scheiterten alle im Folgejahr. Der Anlauf von 1961 hingegen erwies sich als der bislang intensivste, nachhaltigste und dauerhafteste. Dieses Jugendparlament verlangte von seinen Mitgliedern die Teilnahme an mehreren Sitzungen monatlich. Es beförderte viele politische Karrieren. Und es bestand insgesamt acht Jahre.

Organisiert war es als Verein. Es wählte jährlich einen Ratspräsidenten sowie eine dreiköpfige Exekutive, die als «Regierung» Vorlagen einbrachte und Vorstösse beantwortete. Im Monatsrhythmus fanden jeweils an einem Samstagnachmittag Plenarsitzungen statt. Den Verhandlungen wohnte stets ein «gestandener» Politiker als Ratskritiker bei.

Themen wie die «Grossen»

Nach dem Vorbild der Alten hatten sich Fraktionen gebildet, nämlich jene der Freisinnigen, der Sozialdemokraten, der Christlichdemokraten, des Jungen Baselbiets, der Aktion Kanton Basel sowie die Europa-Fraktion; ferner die kleinen Grüppchen der Evangelischen und der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (heute SVP). Auch diese trafen sich in der Regel monatlich, um die Plenarsitzungen vorzubereiten.

Einmal im Jahr reisten Delegierte zum Schweizerischen Jugendparlament. Und ein einziges Mal, 1962, kam es auch zu einer gemeinsamen Sitzung der Jugendparlamente von Basel-Stadt und Baselland im Basler Grossratssaal. Thema war die Wiedervereinigung beider Basel.

Anders als beim heutigen Jugendrat war das Hauptanliegen der damaligen Jugendparlamente nicht, vor allem die Interessen der Jugendlichen gegenüber der etablierten Politik zu vertreten, sondern vielmehr, die Politik zu erlernen. Deshalb debattierte das Baselbieter Jugendparlament über ähnliche Themen wie der Landrat oder der Nationalrat, etwa über die Bodenspekulation, die Gewaltentrennung, den Ladenschluss, die Finanzierung der Jugendmusikschulen, den Strassenbau, den Gewässerschutz, die Assimilierung der Ausländer oder die europäische Integration.

Parlamentsbetrieb eingeübt

Ein im Jugendparlament ausgearbeitetes Ladenschlussgesetz schaffte es fast, im Landrat den Entwurf der Regierung auszustechen. Der Gewinn für die mitwirkenden Jugendlichen war vor allem, dass sie sich im Reden schulten, Gesetze und Verordnungen studierten, Berichte und Protokolle zu verfassen übten und aktive Politiker aus Regierung, Landrat und eidgenössischem Parlament kennenlernten. Oft traten Landräte oder Chefbeamte an Fraktionssitzungen des Jugendparlamentes als Fachreferenten auf.

Die nachhaltigste Wirkung des Jugendparlamentes war, dass seine Mitglieder Kenntnisse der politischen Prozesse und des politischen Personals erwarben. Es legte den Grundstein zu vielen Karrieren in der Politik. Eine «Jugendparlamentsvergangenheit» hatten zum Beispiel Ständerat René Rhinow (FDP), Nationalrat Hans Rudolf Gysin (FDP), Nationalrat Andreas Herczog (zuerst POCH, dann SP), Regierungsrat Werner Spitteler (SVP), die Landräte Peter Waldner (SP), Urs Burkhart (SP), Béatrice Grieder (FDP), Paul Dalcher (FDP) und Peter Schafroth (FDP), der Basler Grossrat Heinz Lüscher (POCH), die Gemeindepräsidenten Hans Plattner (FDP, Frenkendorf) und Rudolf Mohler (FDP, Oberwil), der Rheinfelder Stadtrat Peter Scholer (SP) und der Zürcher Gemeinderatspräsident Jean E. Bollier (FDP).

Ferner gingen aus ihm der spätere Direktor für Arbeit, Jean-Luc Nordmann, der Gerichtspräsident Peter Balscheit, der Schriftsteller Thomas Schweizer, der Umweltberater Willy Bierter und der oberste Schulinspektor Christian Studer hervor.

Die acht Jahre, die dieses Jugendparlament bestand, sind eine lange Zeit für ein Gremium aus Mitgliedern in einer Lebensphase, die besonders reich ist an Veränderungen: Menschen, die in der Ausbildung stecken, in Berufe einsteigen, Familien gründen oder in andere Regionen ziehen. Die Protestbewegung von 1968 machte dann dem Jugendparlament den Garaus. Nun waren nicht mehr parlamentarische Rituale nach dem Vorbild der Alten gefragt, sondern Sit-ins und Demos. Und nun kamen die wirklichen Anliegen der Jungen aufs Tapet: die Hochschulreform, das günstige Wohnen und Tramfahren, neue Formen des Zusammenlebens, ein liberaleres Verständnis der Sexualität. Das Jugendparlament Baselland hatte sich damit überlebt und löste sich 1969 auf.

* Roger Blum, emeritierte Profesor für Medienwissenschaft der Universität Bern trat 1961 als 16-jähriger dem Jugendparlament Baselland bei.