Der Entscheid ist überdeutlich: 34'324 Baselbieterinnen und Baselbieter (65,09 %) sagen an der Urne Nein zur Stilllegung des Läufelfingerli, nur 18'553 (34,91 %) votieren dafür. Dies bei einer nicht gerade beeindruckenden Stimmbeteiligung von 28,83 Prozent. Das Resultat überraschte kaum jemanden und war gewissermassen in der Abstimmungsfrage selbst angelegt: Wer Ja stimmte, tat dies im Sinne der übergeordneten, wenig konkreten öV-Planung, des 8. Generellen Leistungsauftrags (GLA) für die Jahre 2018 bis 2021.

Wer Nein stimmte, tat dies für den Erhalt des Läufelfingerli und die Solidarität der Regionen. Den unermüdlich engagierten Gegnern gelang es in den in den vergangenen Wochen so, sich zu einer eigentlichen Volksbewegung zu formieren. Der Binninger FDP-Landrat Marc Schinzel hat sich für ein Ja zum 8. GLA eingesetzt, sagt aber anerkennend: «Chapeau, die Gegner der Stilllegung haben eine Kampagne mit viel Herzblut und Emotionen geführt.»

«Die Bewegung aus dem Homburgertal hat das ganze Baselbiet ergriffen»

«Die Bewegung aus dem Homburgertal hat das ganze Baselbiet ergriffen»

Ein Gespräch mit der Sissacher Nationalrätin Maya Graf im Läufelfingerli und weitere Stimmen aus dem Lager der Abstimmungssieger.

«Volk will keinen öV-Abbau»

Dem dürfte kaum jemand widersprechen. Was das Resultat fürs Läufelfingerli und den öV im Baselbiet bedeutet – darüber gehen die Meinungen hingegen naturgemäss weit auseinander: Bálint Csontos, Präsident der Baselbieter Grünen, erkennt im Nein gar einen Grundsatzentscheid für einen gut ausgebauten öV im ländlichen Raum. Das Läufelfingerli müsse nun so schnell wie möglich Richtung Basel durchgebunden werden. Die zuständige Baselbieter Regierungsrätin Sabine Pegoraro (FDP) hält diese Forderung allerdings für utopisch.

Auch für den Aescher SP-Landrat Jan Kirchmayr ist das Votum klar. «Das Volk will keinen öV-Abbau.» Regierung und Landrat dürften nun nicht die 840'000 Franken, die der von ihnen gewollte Weiterbetrieb des Läufelfingerli jährlich kostet, durch einen Abbau auf anderen öV-Linien kompensieren. Auch fordert Kirchmayr, dass nach diesem Bekenntnis des Stimmvolks die Spielregeln zur öV-Finanzierung geändert werden. Liegt der Kostendeckungsgrad wie beim Läufelfingerli unter 25 Prozent, so muss dieses Angebot gemäss Gesetz hinterfragt werden. Kirchmayr ist der Meinung, dass für öV-Linien auf dem Land ein anderer Kostendeckungsgrad gelten sollte als für solche in der Agglomeration.

Die Häfelfinger SVP-Landrätin Susanne Strub äussert sich mit dem Rückenwind einer Siegerin unmissverständlich: «Jedes Baselbieter Dorf hat Anrecht auf eine öV-Anbindung, und das sieben Tage in der Woche.» Wenn das ländliche Oberbaselbiet attraktiv sein soll, dann müsse ein minimales öV-Angebot gewährleistet werden. Strub hat in einer gespaltenen SVP leidenschaftlich für das Läufelfingerli gekämpft. An die Adresse ihrer anders abstimmenden Parteikollegen sagt sie: «Sparen auf Kosten der Randregionen geht nicht.»

Nun anderswo sparen?

Auffallend zurückhaltend äussert sich alt Landratspräsident Jürg Degen, Kopf des Komitees Pro S 9: Die Bevölkerung im Homburgertal und die Baselbieter Politik müssten nun gemeinsam dafür sorgen, dass das Läufelfingerli erfolgreich wird. Die Bevölkerung, indem sie die Bahn stärker nutzt; die Politik, indem sie die Anschlüsse verbessert und die S 9 besser ins S-Bahnnetz integriert. Auch CVP-Fraktionschef Felix Keller, ein Verlierer des Abstimmungssonntags, erwartet, dass «die Bevölkerung nun vermehrt das Bähnli nutzt»

Dies auch deshalb, weil der Kanton Bundesbeiträge ans Läufelfingerli verliert, sollte der Kostendeckungsgrad unter die 20-Prozent-Marke sinken. Derzeit liegt dieser bei exakt 20 Prozent; auf dem Spiel stehen 730'000 Franken pro Jahr. Im Gegensatz zu SP-Landrat Kirchmayr ist Keller dezidiert der Ansicht, dass die fehlenden 840'000 Franken anderswo im GLA eingespart werden müssen. Die nach dem Volks-Nein nun erneut anstehende Debatte um den GLA für 2020 und 2021 verspricht also Hochspannung.

Auch FDP-Landrat Schinzel findet, dass es mit der Rettung des Läufelfingerli nicht getan sei. Nun müssten beide Seiten an einer besseren Nutzung arbeiten. Für Schinzel ist in der Verkehrsdebatte die Bereitschaft zentral, neue Wege zu beschreiten. «Man fährt noch zu stark in engen Schienen.» Die von der bz eingebrachte Idee, die Gemeinden stärker in die Finanzierung von öV-Angeboten einzubeziehen, hält er für prüfenswert.

Karte Abstimmungsresultate Läufelfingerli