Der Hubstapler kippt die Gabel. Gold, Silber, Platin, Neodym, Kupfer, Aluminium und Stahl poltern aus der Kiste auf den gut fünf Meter hohen Haufen in der Halle der Immark AG in Liestal. Doch sind die Edelmetalle umgeben von Plastik, Holz, Dreck und Staub. Der Bagger greift sich Laptops, Staubsauger, Fernseher, Lampen, Kabel und Batterien und schmeisst sie krachend auf ein Fliessband. Arbeiter mit Staubschutzmasken entfernen volle Staubsaugerbeutel, Lautsprecherboxen-Holz, Tonerkassetten, Verpackungsmaterial und schneiden die Kabel ab.

Flachbildschirme und Laptops fliegen auf ein anderes Band, denn die Display-Hintergrundbeleuchtung enthält Quecksilber. Vorschaltgeräte für Leuchtstoffröhren werden wegen des PCB aussortiert, Klimageräte wegen des Ozonkillers FCKW, Radiatoren wegen des Öls. «Jede Technologie kommt mit neuen Schadstoffen daher», stellt Geschäftsführerin Sabine Krattiger fest. Zudem nehme die Komplexität der Geräte zu, was es schwieriger macht, Stör- und Schad- von den Wertstoffen zu trennen. Da müssen Öl und FCKW abgesaugt werden, man muss Leuchtkörper aus Mini-Displays fummeln und Akkus entfernen.

Trennen, trennen, trennen ...

Die 2000 Quadratmeter grosse Halle in Liestal ist eine Sammel- und Sortieranlage. Hier erledigen 15 Angestellte manuell die erste Schadstoff-Entfrachtung. Teilnehmer eines Programms für Langzeitarbeitslose zerlegen in einer separaten Werkstatt komplexere Teile und entfernen unter anderem aus Festplatten die neodym-haltigen Magnete. «Gemeinsam mit dem Bundesamt für Umwelt suchen wir nach Möglichkeiten, Neodym zurückzugewinnen», berichtet Krattiger. Werden Serverschränke ganzer Datenzentren zerlegt, holen sie Platinen heraus, die man direkt ins Kupferwerk senden kann: Dort gewinnt man dann die Edelmetalle zurück.

Bei vielen Stoffen ist absehbar, dass ihre natürlichen Vorkommen sich erschöpfen. Elektro- und Elektronikschrott gilt deshalb als «urbanes Bergwerk». Die Industrie wird künftig vermehrt auf recycelte Rohstoffe zurückgreifen. Diese sind mit weniger Energieaufwand herzustellen, als wenn man sie aus Erzen gewinnt. Das gilt auch für das Plexiglas der Bildschirme: Praktisch alles, was sich sortenrein herausmontieren lässt, kann man erneut verwerten.

Börse und Entsorgungsgebühr

Was nach dieser ersten Demontage zurückbleibt, geht ins Immark-Werk in Regensdorf (ZH). Dort werden die Geräte zuerst mit schweren Ketten schonend zerschlagen, danach erneut sortiert, indem man beispielsweise Kondensatoren und Batterien entfernt. Schliesslich wird das Ganze zu Granulat zerkleinert. Mit Magneten, Sieben, Rüttlern und Gebläsen trennt Immark die Stoffe dann weiter auf: Beim Eingang stehen als Demonstrationsobjekt Behälter mit Kupfer-, Stahl- und Aluminium-Granulat.

Bei Immark werden die Geräte ausschliesslich stofflich und energetisch verwertet. Eine noch laufende Bohrmaschine oder einen funktionierenden Computer weiterzuverkaufen ist vertraglich ausgeschlossen. Dies müsste vorher via Brocki oder Internet-Auktionsplattform laufen, bevor Kunden die Geräte bei Grossverteilern, Mediamarkt oder Manor in die Elektroschrottkiste werfen.

Der Erlös aus den Stoffen deckt die Kosten für das Sammeln, Transportieren und Aufbereiten, die Fixkosten der Anlagen, die umweltgerechte Entsorgung der Schadstoffe und die Löhne der gut 100 Angestellten nicht. «Wir sind den Schwankungen an den Rohstoffbörsen ausgeliefert», berichtet Krattiger. So sei derzeit der Kupferpreis wieder im Keller. Die finanzielle Lücke schliessen die Gelder aus der vorgezogenen Entsorgungsgebühr, die seit 1988 beim Kauf der Geräte im Preis enthalten ist. Diese wird von verschiedenen Organisationen verwaltet, bei denen Immark unter Vertrag steht. «Wir haben ein Index-System vereinbart, dass wir die Gebührengelder je nach Rohstoffpreis an der Börse bekommen.» Das Entsorgungssystem trägt so das Rohstoffpreisrisiko mit.

97 Prozent wiederverwertet

Abgerechnet wird nach Gewicht. Nachdem die Gesamtmenge jahrelang bis auf 140 000 Tonnen gestiegen ist, stagniert sie seit zwei Jahren. Grund sind die Miniaturisierung und neue Konsumgewohnheiten: So brauchen Jugendliche heute keine Stereoanlage mehr, da sie Musik auf dem Handy hören. Krattiger rechnet mit einer weiteren Konzentration in der Recyclingbranche, damit die Betriebe auf die kritische Grösse kommen. Immark wurde von Thommen Recycling in Kaiseraugst übernommen, ist aber bei Elektroschrott mit einem Drittel Anteil der Schweizer Marktführer.

Immark entwickelt neue Technologien, holt deutlich mehr aus den Geräten heraus als gesetzlich vorgeschrieben. So müsste ein Kühlschrank zu 80 Prozent – inklusive Energiegewinn bei der Verbrennung – verwertet werden, Immark schafft 97 Prozent. Doch bei aller Innovation findet Krattiger: «Wichtig wäre, dass wir alle bewusster konsumieren.»