«Das ist ein musikalischer, humorvoller Anlass, der die Besucher etwas vom Alltagsstress befreien soll», versprach OK-Chef Dieter Epple für die Ausgabe 2019. Er sollte recht behalten. Das Foyer zum KV-Saal hat zwar etwa die Gemütlichkeit der Basler Bahnhofpasserelle zu Stosszeiten und lässt insbesondere auswärtige Besucher zu Beginn etwas im Zweifel, ob da wirklich die grosse Vorfasnachtsparty steigen wird.

Indes: Entwarnung! Denn was die Rotstäbler unter der Regie von Thomas von Arx, Maik van Epple und Barbara Kleiner dem Publikum an närrischem Tingeltangel bieten, löst einen ersten fasnächtlichen Fieberschub aus, dem sich keiner entziehen kann. Das Liestaler Rotstab-Cabaret 2019 ist trotz einigen inhaltlichen Unebenheiten wiederum eine gelungene Mischung von gut inszeniertem Wortwitz, absurder Komik, scharfer Satire und viel gefälliger Fasnachtsmusik.

«Weisch no»-Gefühle

Die Protagonisten, einige von ihnen erstmals dabei, blühten in ihren Rollen auf und verzückten das Premieren-Publikum. Das Dargebotene kam zwar traditionell und altbewährt daher, in Nuancen waren aber doch Innovationen erkennbar. So wurde bereits der Auftakt mit internationalem Touch zelebriert. Da zeigte sich nämlich der Rotstab-Stamm auf Video an der letztjährigen Lord Mayor Show in London. Den damals inszenierten «Dudelsagg» spielten sie nun synchron hinter der riesigen Leinwand – ein toller Effekt mit vielen «Weisch no»-Gefühlen.

Im Prolog zeigten sich auch die Kabarettisten von einer neuen Seite. Als rockende Rapper im Spannungsfeld von alt/jung bearbeiteten sie mit «He, Alte» singend ihre zeitlich stehengebliebenen Kameraden – sackstark! Ebenfalls Bestnoten erspielten sich die Tambouren und Pfeifer der jungen Rotstab-Garde. Gekleidet als Figuren aus dem Dschungelbuch, gaben sie ein rhythmisch anspruchsvolles Disney-Medley zum Besten und deuteten an, dass der Nachwuchs in Liestal gut geschult wird.

Für den ersten musikalischen Höhepunkt sorgten die Pfeiferinnen des Rotstab-Stamms. Vor Spalebärg-Kulisse gaben die in Pelz, Sonnenbrille und Gucci-Tasche auftretenden vornehmen Damen aus dem Basler Daig mit dem Marsch «Spalebärg» sowohl akustisch wie optisch ein prächtiges Bild ab. Auf die Rotstab-Primadonnen ist Verlass. Im letzten Part vor der Pause inszenierte die Gugge Lupo-Rueche dann den obligaten Sturmangriff auf die Gehörgänge. Den einen gefällts, für Fasnachtspuristen ist Guggemusik im Saal aber irgendwie ein Gräuel.

Neidischer Seitenblick auf Lausen

Der Stachel des verschobenen Liestaler Stadtfestes sitzt tief. Das brachten die Kabarettisten denn auch im Rahmenstück «Undercover» mit neidischem Seitenblick auf das so grossartig gelungene Dorffest in Lausen zum Ausdruck. Da wurde alles veralbert, was irgendwie mit der Fest-Organisation zu tun hat.

«Die z Lause sind doch alles Banause», so der Tenor der Liestaler, die als Spione im Undercover-Einsatz von einem Fettnäpfchen ins nächste stolperten. Dabei entpuppte sich der seit Jahren leidenschaftlich aufspielende Urs Senn – diesmal als Chinese am Verpflegungsstand – mit seiner schalkhaften Bühnenpräsenz einmal mehr als eine veritable Rampensau: Kompliment!

In einem weiteren Stück wurde das Liestaler Fasnachtskomitee mit Spott eingedeckt. Unter der Leitung des gut parodierten Obmanns Ruedi Schafroth mussten die eingereichten Sujets auf ihre antirassistische Reinheit beurteilt werden, und das unter dem Titel «Zensuriert, gstriche, duuregheit». Dabei gipfelten ihre Meinungen zu Aufführungen vom Pfyfferli, Mimösli oder Läggerli zwar meistens in stereotyp schlüpfrigen Anzüglichkeiten, die bestenfalls in eine Männerrunde am Biertisch gehören. Die sieben Witzbolde zielten so auf die Politische Korrektheit.

Ebenfalls gelästert wurde über tabuisierte Begriffe wie «Neger oder Schwarzbueb». Feiner Fasnachtshumor tönt anders, den Machern gehört aber ein Kompliment für den Mut, solche sensiblen Bereiche überhaupt fasnächtlich zu thematisieren. Das sieht auch «Häbse» Hersberger vom gleichnamigen Basler Theater so: «Das ist mutig und etwas übermütig bei euch auf dem Land, aber hoffentlich kein Problem.» Im Rahmenstück «S letscht Obemohl» gings himmlisch zu und her. Vom lieben Gott, Uriella und Aloisius behütet, sassen unter grossem Klamauk die wichtigen Figuren der Weltpolitik (Trump, Putin, Merkel, Erdogan) am Liestaler Stadtfest beisammen. In den vielen, etwas an den Haaren herbeigezogenen Szenen trat dann auch noch Neo-Kabarettist Franco Polsini als ehemaliger Polizeisprecher Meinrad Stöcklin auf, der einen Nonnenchor leitet; ein witziger Gag!

«Ab uf d Strooss»

Das Cabaret 2019 ist bestimmt kein Jahrgang der guten Schnitzelbänke. Dazu fehlten den etwas biederen Vorträgen der beiden Gruppen Drooht-Stab und Papageno ganz einfach die bissigen Pointen und das schauspielerische Element. Nichts zu kritisieren gab es hingegen am Auftritt der Stamm-Tambouren. In einer romantischen Prärie-Szene mit Lagerfeuer und Friedenspfeife demonstrierten sie als trommelnde Indianer die hohe Schule der Perkussion. Den frenetischen Applaus des Publikums haben sie sich verdient.

Die Kabarettisten, die am Ende des Abends zu Stedtli-Singers mutierten, breiteten im Finale dann noch einmal das ganze Spektrum der Vorfasnachtskunst aus. Ihr Rezept: sich über allerlei lustig machen und die Texte – mal spitz, mal plump – singend auf bekannte Schlager reimen. Dabei wurde nebst vergangenem politischem Zoff oder dem Ärger über die Tramschienen der BVB die Hornkuhinitiative genauso genüsslich durch den Kakao gezogen wie die Panne mit den Liestaler Auffahrtsweggen. Tempi passati, die Fasnacht steht vor der Tür. Also «ab uf d Strooss!»

 

Das Rotstab-Cabaret findet noch bis Samstag, 9. März, im KV-Saal statt. Vorstellungsbeginn ist um 19.30 Uhr.