Wieso es in Zukunft mehr Hochhäuser braucht, erklärte Kantonsplaner Martin Kolb an einem vom Baselbieter Heimatschutz organisierten Forum für Baukultur ganz trocken: Der Kanton Baselland zähle heute 275 000 Einwohner, im Jahr 2035 seien es gemäss Prognose des Bundesamts für Statistik 328 000. Die Bauzonenkapazität reiche bis dann aber nur für 305 000 Menschen. Kolbs Folgerung: «Wir müssen für 20 000 Einwohner etwas suchen. Hochhäuser sind eine Möglichkeit für Verdichtung.»

Der Kanton hat deshalb, aber auch wegen der bereits ausgebrochenen «Hochhaus-Renaissance» – Muttenz, Pratteln und Münchenstein lassen grüssen – von einem Expertenteam ein Hochhauskonzept ausarbeiten lassen. Das Resultat postuliert ziemlich genau das Gegenteil von dem Hochhaus, in dem das Heimatschutz-Forum am Freitagabend über die Bühne ging – dem Bruderholz-Spital. Denn Hochhäuser, definitionsgemäss Bauten mit mehr als acht Vollgeschossen oder mit einer Höhe von mehr als 25 Metern, sollen in Zukunft im Talboden liegen und optimal an den öffentlichen Verkehr angebunden sein. Dazu sollen sie abseits von historischen Ortskernen und nicht singulär stehen, sondern sogenannte Cluster bilden. Übersteigt ein Hochhaus 80 Meter, so soll im Baselbiet ein spezielles Planungsverfahren greifen, in das auch die Nachbargemeinden involviert werden.

Hochhäuser von Aesch bis Liestal

Noch bleibt es aber beim «soll»: Solange das Hochhauskonzept nicht in den Richtplan einfliesst, hat es den Status einer unverbindlichen Empfehlung. Ein Richtplanentwurf soll demnächst in die Vernehmlassung gehen, kündete Kolb aber an.

Klar ist für den Kanton aufgrund der aufgestellten Kriterien, wo im Kanton künftig Hochhäuser zu stehen kommen: In einem breiteren Gürtel um Basel von Allschwil über Therwil nach Aesch und kantonsaufwärts bis nach Liestal. Konzeptionelle Vordenker in diesem Raum sind, wie Kolb lobend hervorhob, Pratteln und Münchenstein. Münchensteins Präsident Giorgio Lüthi zeigte, was das heisst: Die Gemeinde hat ein Hochhaus-Programm ausgearbeitet und darin vier geeignete Zonen definiert – das Zentrumsgebiet Gartenstadt (mit bis zu 60 Meter hohen Bauten), das Dreispitz (bis 100 Meter), das Gebiet Industrie Gstad Nord und Bahnhof (bis 35 Meter) und das Wohngebiet Baselstrasse bis S-Bahn (bis 40 Meter).

Allerdings, so war herauszuhören, bestehen zwischen Kanton und Münchenstein noch diverse Differenzen – auch bezüglich des geplanten 100 Meter hohen Spengler-Turms am Rand des Dreispitz-Areals. Lüthi bilanzierte: «Unser Hochhausprogramm zeigt, wo die richtigen Orte sind und gibt den Architekten den Rahmen vor. Aber es entsteht kein Anrecht auf ein Hochhaus. Ein solches muss jedes Mal neu diskutiert werden.» Und er fügte an, den Siedlungsdruck könne man nicht mit Einfamilienhäusern auffangen.

Zusammenhalt ist nicht planbar

Das ist auch für den Architekten Stefan Jauslin vom Zürcher Studio Vehovar & Jauslin klar. Er plädierte für eine «nachhaltige Urbanität» mit 45 Meter hohen Häusern als Regelbauweise. Hochhäuser müssten multifunktional, das heisst für Wohnen und Gewerbe, genutzt werden und Cluster bilden.

Niemand im drei Dutzend Köpfe zählenden Publikum stellte Hochhäuser grundsätzlich infrage. Doch als es um die Details ging, wuchs die Kritik. So bemängelte Markus Dalcher aus Pratteln, dass die Fassade beim Aquila-Turm unter anderem mit billigem verzinktem Blech, das blende, vom propagierten Modell abweiche.

Und während der Architekt Jürg Berrel einen Werbespot für das soziale Gefüge in Hochhäusern am Beispiel der Birsfelder Rheinpark-Überbauung platzierte – «in der Waschküche mit 28 Maschinen herrscht mehr Leben als in mancher Basler Bar» – gab ein anderer Votant zu bedenken: «In den heutigen Hochhäusern im Hochpreissegment ist die Aussicht wichtiger als der soziale Zusammenhalt.» Was Jauslin mit der Bemerkung quittierte: «Eine Gemeinschaft muss wachsen, die ist nicht planbar. Das gilt für Reihenhaussiedlungen wie Hochhäuser.»