Es ist ein Jahr zum Vergessen fürs Waldenburgertal: Im Januar gab der Verein Pro Waldenburgertal das Scheitern des mit vielen Hoffnungen verbundenen Innovationszentrums in Niederdorf bekannt, in den vergangenen Wochen machten die Meldungen von Oberdorfs Steuerverlusten in siebenstelliger Höhe als Folge der Sitzverlegung von Synthes ins Solothurnische und vom Wegzug der Waldenburger Firma Thommen Medical per Ende Jahr an den Jurasüdfuss die Runde.

Herrscht jetzt die grosse Katerstimmung im Tal wie vor etwas mehr als zehn Jahren, als die Firma Straumann den Wegzug von Waldenburg nach Basel ankündigte? Wir wollten es wissen und bestiegen in Liestal die Waldenburgerbahn – oder «s Waldeburgerli» oder kurz die WB, wie die Lebensader im Tal heisst –, um den Puls vor Ort zu fühlen.

Hölstein Den ersten Halt machen wir bei der politischen Grande Dame im Tal, bei Anita Schweizer (63). Sie war nach dem Straumann-Wegzug eine der vier Gemeindepräsidenten, die die Zusammenarbeit und die Wirtschaftsförderung im Tal vorantrieben. Letztes Jahr gab sie in Hölstein das Gemeindeszepter nach 20 Jahren ab, Ende Jahr muss sie nun nach dem Debakel rund ums Innovationszentrum als Vizepräsidentin auch den Standortförderverein Pro Waldenburgertal zu Grabe tragen. Sie sagt denn auch: «Was in letzter Zeit im Tal gelaufen ist, ist eine Katastrophe und ein Imageverlust nach aussen. Die Situation ist ähnlich wie nach dem Straumann-Wegzug.»

Trotzdem will Schweizer nicht in Resignation versinken: «Es gibt Leute, die rund um die Förderung des Tals etwas Neues aufbauen. Ich fühle mich verantwortlich und werde in der Übergangszeit mithelfen.» Konkreteres will sie im Moment nicht sagen. Schweizer träumt nicht von den grossen Firmen, die zuziehen. Zu klein seien die Landreserven, zu peripher die Lage; sie setzt viel mehr auf den heimischen Erfindergeist: «Es gab früher Pioniere im Tal, es wird sie auch in Zukunft geben.»

Damit spielt sie auf die Entwicklung der Uhrenindustrie im 19. Jahrhundert an, als die Waldenburger aus der Not heraus – der Verkehr über den Oberen Hauenstein brach nach Eröffnung der Bahnlinie nach Olten zusammen – welsche Uhrmacher ins Tal holten oder das Handwerk selber in der Fremde lernten. Davon zehrt das Tal bis heute mit seinen ausgeprägten Fähigkeiten für Präzisionsarbeiten. Schweizer: «Wir haben gutes Gewerbe und aufstrebende Firmen im Tal, das wird von den Hiobsbotschaften überschattet.»

In Hölstein habe es in den letzten Jahren zusätzliche Arbeitsplätze in den Sparten Baugewerbe und Feinmechanik gegeben und die Bautätigkeit sei «extrem gross». Die Einwohnerzahl stieg innerhalb von zehn Jahren denn auch um über 200 Personen auf derzeit 2362 Bewohner, womit Hölstein Oberdorf als grösste Talgemeinde überholt hat. Schweizer: «Die Verhältnisse im Tal verschieben sich in Richtung Wohnen. Aber das Waldenburgertal wird nie zu einem reinen Wohntal werden.»

Niederdorf Wir treffen Michael Tschudin (40), zusammen mit seinem Bruder Roger Inhaber der Firma Tschudin Haustechnik AG mit 17 Mitarbeitern. Der Gewerbler ist auch noch Brunnmeister in Oberdorf und Langenbruck und sitzt seit zwei Jahren im Hölsteiner Gemeinderat. Tschudin wurde von Negativereignisse im Tal mehrfach selbst betroffen: Beim Straumann-Wegzug habe er viele Gebäudeunterhaltsaufträge verloren, beim Scheitern des Innovationszentrums als involvierter Handwerker Geld. Trotzdem sagt er: «Ich sehe die Zukunft des Waldenburgertals rosig.»

Das Tal werde mit der Eröffnung des neuen H 2-Stücks besser erreichbar und damit als Wohnort noch ein Stück attraktiver. Niederdorf und Langenbruck hätten auch noch grössere Landreserven. Wobei für Tschudin der Höhepunkt beim Wohnungsbau überschritten ist. Künftig stünden mehr Sanierungen und Umnutzungen im Vordergrund. Bezüglich Arbeiten sieht auch Tschudin einen Standortvorteil im vorhandenen Know-how aus der Uhrmacherzeit, das von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. Allerdings gebe es ausländische Investoren im Tal, die nur interessiert daran seien, dieses Know-how abzuziehen.

Niederdorf selbst habe in brachliegenden Gewerbezonen Entwicklungspotenzial, habe aber ein Strukturproblem und zum Beispiel als einzige Gemeinde im Tal kein Restaurant mehr. Zur Stimmung im Tal sagt Tschudin: «Ich beobachte nicht Frust, sondern Ärger über die mangelnde Kommunikation der Behörden gerade im Fall Synthes.»

Oberdorf Gemeindepräsident Ewald Fartek (69) empfängt uns etwas mitgenommen nach den Synthes-Hiobsbotschaften an der Steuerfront: «Diese rückwirkende Sitzverlegung der Synthes per 2012 ins Solothurnische hat eingeschlagen wie ein Blitz. Gegen solche Verschiebungen sind wir aber als Gemeinde ohnmächtig.» Und besser informieren hätte man auch nicht können, weil die Gemeinde ja selber erst seit Kurzem davon wisse. Fartek seufzt: «Schade, 2017 hätten wir unser Sanierungsprogramm der Strassen und Liegenschaften in Oberdorf abschliessen können, jetzt müssen wir aber sparen.» Man dürfe aber nicht nur schwarz sehen, denn Oberdorf habe in den guten Jahren mit ausserordentlichen Abschreibungen, Rückstellungen und Eigenkapitalbildung vorgesorgt und habe eine gute Infrastruktur als Einkaufs- und Schulzentrum im Tal.

Baulandreserven gebe es nicht mehr viele, doch auf dem umzuzonenden Areal der Firma Fraisa, die ihren Oberdörfer Produktionsstandort vor drei Jahren schloss, könnten bis zu 70 Wohnungen entstehen. Bei den Arbeitsplätzen gelte es, den Stand zu halten. Und Fartek, der als einziger der Gemeindepräsidenten, die nach dem Straumann-Auszug zum Aufbruch bliesen, noch im Amt ist, sieht einen weiteren Silberstreifen am Horizont. «Acht Privatpersonen haben die Genossenschaft Innovation Waldenburgertal gegründet, die mit dem weiterfahren will, was vom Verein Pro Waldenburgertal zu retten ist. So läuft der Infokanal im Tal ab Neujahr unter der Obhut der Genossenschaft», spinnt er den von Anita Schweizer gelegten Faden weiter; Fartek gehört ebenfalls dem Vorstand an. Was die Zusammenarbeit unter den Gemeinden im Tal betrifft, so sieht Fartek die Zukunft in den grösseren, funktionalen Räumen, die die Tagsatzung der Baselbieter Gemeinden gedanklich angestossen hat: «Wir müssen uns öffnen in Richtung einer regionalen Raumplanung, das könnte eine Chance sein.»

Waldenburg An der Endstation der WB besuchen wir einen, der aus den Krisen der Vergangenheit gelernt hat und vor Ideen sprüht – «Leue»-Wirt Marcel Blättler (42). Jede Krise habe etwas Positives, sagt er und schildert, dass bei ihm mit dem Straumann-Wegzug die Mittagessen auf die Hälfte eingebrochen seien. Darauf änderte er seine Strategie und konzentrierte sich aufs Abend- und Wochenend-Geschäft. Er renovierte seinen Saal, während andere ihre Säle schlossen, und setzte auf die Kombination Kultur und Gastronomie mit Konzerten, Musicals und Tanzanlässen. «Das hat uns in schlechten Monaten gerettet», sagt Blättler. Zudem begann er, mit Bauern aus der Region zusammen zu arbeiten und seine Küche sukzessive auf regionale Produkte umzustellen.

Auch rief er Themenwochen ins Leben, die die normale Speisekarte ergänzen. Im nächsten Jahr stehen Bier-, Molekular-, Spargel-, Kirschen- und Zwetschgenwochen auf dem Programm; irgendwann kommt im 2014 auch das nach eigenem Rezept gebraute «Leue-Bier». Und als kürzlich das Waldenburger Stedtli wegen Bauarbeiten für den Verkehr gesperrt war, bot Blättler zur Kompensation der Ausfälle Kochkurse an, die so gut besucht wurden, dass er und seine Frau an den Anschlag kamen.

Aber Blättler sieht nicht nur für sich, sondern auch für Waldenburg eine positive Zukunft: Dank der neuen Hauptstrasse, der neuen Beleuchtung und den mehreren renovierten Häusern in der Altstadt kämen auch wieder Schweizer hierher wohnen, was eine bessere Durchmischung der Bevölkerung mit sich bringe. Natürlich gebe es andererseits auch immer wieder Tiefs, wenn eine Firma schliesse. Aber Blättler ist überzeugt: «Die Zukunft von Waldenburg ist ein bisschen wie das Leben auf dem Schild-Areal in Liestal: Neues Leben kommt und füllt verlassene Gebäude.» Und vielleicht, so hofft er, werde die Idee hinter dem gescheiterten Innovationszentrum eines Tages doch noch Wirklichkeit: Das Waldenburgertal als Green Valley mit neuen Pionieren.

Dieses Tal lässt sich nicht so schnell unterkriegen, so unser Fazit auf der Rückreise nach Liestal.