Joos Tarnutzer, Schüler der Sekundarschule Gelterkinden konsumieren Drogen und handeln auch damit, sogar 12-Jährige (bz von gestern). Was dachten Sie, als Sie davon hörten?

Joos Tarnutzer: Was mich vor allem sehr erschreckt hat, ist das Alter der Schüler. Ich kann die Angaben selber nicht verifizieren, deshalb berufe ich mich auf Ihre Zeitung. Mit zwölf Jahren sind die Schüler schon sehr jung. Die Schule ist mit Drogen konfrontiert, weil es ein Gesellschaftsthema ist. Das ist ein Fakt. Deshalb ist die Schule zwangsläufig davon betroffen, weil sie dieses Altersspektrum abdeckt, in welchem sich Junge befinden, wenn sie mit Drogenkonsum beginnen.

Ist das Phänomen, dass solch junge Menschen mit Drogen handeln, bekannt?

Nein, aber ich kann es nicht quantifizieren. Ich gehe davon aus, dass die Situation in Gelterkinden ein Ausreisser, ein Extremfall ist.

Welches Motiv treibt Jugendliche dazu?

In diesem Alter fängt man eher mal mit Konsumieren an. Dabei geraten betroffene Jugendliche in ein Netz von Leuten, die beispielsweise Cannabis abgeben können, und solchen, die es auch konsumieren möchten. Irgendwann kommen sie in die Lage, wo sie realisieren, dass sie sich als Händler oder Zwischenhändler betätigen können. Ich glaube nicht, dass 12- bis 14-Jährige schon selber in grösserem Stil anbauen. Aus Untersuchungen und Polizeibefragungen weiss man, dass speziell Jugendliche den Stoff meistens aus ihrem Bekannten- oder Freundeskreis beziehen.

Spielt das familiäre Umfeld eine Rolle?

Nur bedingt. Es wäre falsch zu behaupten, nur Kinder, die in einem ungünstigen Umfeld aufwachsen, konsumieren Drogen. Dies kann die Gefahr jedoch erhöhen. Ab 14- und 15-Jährigen gibt es viel Zahlenmaterial, zu Jüngeren sehr wenig. Je älter die Kinder, desto anfälliger sind sie, aufgrund von verschiedenen Faktoren Suchtmittel zu brauchen und zu missbrauchen. Bei den 11-, 12-Jährigen ist die Gefährdung noch tief, dann steigt sie aber mit jedem Altersjahr an. Üblicherweise beginnt der Konsum von Tabak, Cannabis und Alkohol im Alter von 14 und 15 Jahren langsam. Von dieser Altersgruppe sagen 20 Prozent der Schweizer Jugendlichen, sie hätten schon mal Cannabis probiert oder konsumiert.

An der Sek Gelterkinden ist die Rede von Tabak, Cannabis, Haschisch, aber auch von härteren Drogen wie Kokain. Wie gefährlich sind diese Substanzen?

Ich würde nicht nach Stoffen trennen. Sie sind für die Hirnentwicklung grundsätzlich schädlich. Solche Substanzen lösen im Hirn junger Menschen andere Sachen aus als bei Erwachsenen. Die Hirnstruktur Jugendlicher ist noch nicht ausgebildet. Sie verändert sich, wenn regelmässig Drogen oder Alkohol zugeführt werden. Zwischen 14 und 18 Jahren passiert dort am allermeisten.

Dann ist Kiffen fast schon harmlos.

Auch dabei spielt die Menge und die Häufigkeit eine Rolle. Zwei-, dreimal ausprobieren ist weniger gefährlich, als wenn der Betroffene raucht, um Probleme zu bewältigen. Dann kann es zur Sucht werden.

Offenbar sollen auch ehemalige Sekundarschüler zum Netzwerk in Gelterkinden gehören. Welchen Einfluss haben diesbezüglich ehemalige auf aktuelle Schüler?

Ich kann nur mutmassen. Es ist möglich, dass die Älteren eher die Schaltstelle sind, die den Jüngeren den Zugang zu Drogen öffnen. Ich kann mir vorstellen, dass diese ehemaligen Sekschüler zu Bekannten der derzeitigen gehören, Leute, die man kennt. Diese führen die Jüngeren ein, vermitteln Kontakte, und so entsteht eine Gruppe in einem gewissen Altersspektrum. Es kommt zu einer Eigendynamik.

Die Schulleitung hat die Polizei und externe Fachstellen eingeschaltet. Sind auch Sie kontaktiert worden?

Nein, bisher nicht.

Was raten Sie betroffenen Schulleitungen?

Genau das, was diejenige in Gelterkinden getan hat. Es gibt eine Schulsozialarbeit vor Ort als erste Anlaufstelle. Und es ist sicher gut, wenn man weitere Fachstellen kontaktiert. Das kann die Polizei sein, vor allem, wenn man von Drogenhandel ausgehen muss. So werden andere Schüler geschützt.

Wie kann man die Situation in den Griff bekommen?

Meiner Ansicht nach ist das für die Schule nur beschränkt möglich, wie auch für die Gesellschaft. In der Schweiz versucht man seit den 1970er-Jahren verstärkt, das Drogenproblem mit verschiedenen Massnahmen in den Griff zu kriegen. Dennoch bringt man es auch in der Gesellschaft nicht ganz weg. Ein gewisser Prozentsatz unserer Bevölkerung konsumiert diverse Substanzen bis ins hohe Alter. Wenn es die Gesellschaft nicht schafft, sich sauber zu halten, wie soll dies dann die Schule erreichen? Man kann sehr viel machen, aber nicht ganz verhindern.