Arlesheim liegt noch im Tiefschlaf. Nur fünf Leute sitzen schon gemeinsam im Dom und halten ihr Morgengebet ab, die sogenannte Laudes. Darunter auch Pfarrer Daniel Fischler, den wir durch den Tag begleiten werden. Beim Betreten des Doms füllt die Stille den gewaltigen Innenraum der Kirche. Die Betenden sitzen in den Bänken vorne am Altar, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet. Sie sind konzentriert auf sich selbst und auf Gott. Dieses Ritual vollziehen sie jeden Morgen. Der Gesang, der dabei eine grosse Rolle spielt, klingt rein, irgendwie auch geheimnisvoll. Als sie mit dem Morgengebet fertig sind, verlassen sie den Dom und starten in den Tag. Daniel Fischler hat die Laudes öffentlich gemacht. Statt alleine in seiner Wohnung zu sitzen, geniesst er die morgendliche Ruhe und das Treffen mit Gott lieber mit Anderen.

Pfarrer ist nicht mehr unfehlbar

Bevor er in sein Büro neben dem Dom geht, zündet sich Pfarrer Fischler eine Zigarette an. Ihm ist es wichtig, dass er nicht als perfekt gilt. «Auch ich bin nur ein Mensch und möchte, dass die Leute dies auch wissen.», sagt er. Die Zeiten, in denen ein Pfarrer als unfehlbar angesehen wird, sind vorbei. Und das merkt man auch. Daniel Fischler ist in direktem Kontakt mit den Leuten und scheut sich nicht vor Nähe. Personen, mit denen er während seinem Berufsalltag zu tun hat, schauen nicht zu ihm auf, wie zu einer angsteinflössenden Autorität, sondern sehen ihn als Vertrauensperson, manchmal sogar als Freund.

Pfarrer zu werden war nicht immer Fischlers Berufswunsch. Er wuchs zwar in einer religiösen Familie auf und ging jeden Sonntag zur Kirche, war früher aber auch auf wilden Partys und hatte einige «Schätzeli», wie er mit einem Augenzwinkern erzählt. Fischler war schon als Jugendlicher sehr gerechtigkeitsliebend, auch eine enge Verbundenheit mit Gott war schon immer da. Egal wie lange er samstags im Ausgang gewesen war, am Sonntag raffte er sich zusammen und besuchte den Gottesdienst. Auch als seine Geschwister dies lange nicht mehr taten.

Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er eine kaufmännische Lehre auf der Gemeindeverwaltung seines Geburtsortes Möhlin. Danach liess er sich, während eines drei-jährigen Studiums in Luzern, zum Religionspädagogen und arbeitete zwei Jahre in diesem Bereich. Immer mehr zog ihn die Idee an, Priester zu werden. Deshalb begann er ein Theologie-Studium und arbeitet nun schon seit 15 Jahren als solcher.

Beerdigungen, Taufen– alles digital

Nach der Morgenzigi geht er in sein Büro, neben dem Dom. Das Bild des Pfarrers, der den ganzen Tag betet oder Gottesdienste hält, ist wohl im Kopf vieler Leute verankert, aber veraltet. Daniel Fischler arbeitet viel im Büro. Vor dem Morgengebet beantwortet er Mails, danach gleich noch mal. Auch den Ablauf seiner Gottesdienste schreibt er auf dem Computer. Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen, alles digital.

Bei diesen Anlässen legt Fischler grossen Wert darauf, seine Reden sehr persönlich zu gestalten. Vor jeder Hochzeit trifft er sich drei Mal mit Braut und Bräutigam. Sie müssen ihm einen Lebenslauf abgeben, aufschreiben, was sie am Partner lieben und was sie stört. Pro Brautpaar investiert er ungefähr sieben bis acht Stunden. Bei mindestens zehn Hochzeiten im Jahr ist das eine Menge. Alle katholischen Bewohner von Arlesheim haben ein Anrecht, auf eine Hochzeit im Dom mit dem Dorfpfarrer. «Bei der Hochzeitsplanung kommt der Pfarrer meist zuletzt», beschwert sich Fischler mit einem Schmunzeln. Doch nicht nur Trauungen sind dem Pfarrer ein Anliegen. Auch bei Beerdigungen ist es ihm wichtig, die Predigt möglichst menschlich zu gestalten. Falls der volle Terminplan des Pfarrers dann doch mal eine Pause zulässt, macht er «dogsitting», bei den sechs Hunden von Freunden.

Nach der Büroarbeit geht’s nach Münchenstein, der Partnerkirchgemeinde von Arlesheim. Diesen Weg legt der Pfarrer mehr als einmal pro Tag zurück. Um neun Uhr beginnt dort der Gottesdienst. Etwa 20 ältere Damen und zwei Männer versammeln sich in der Kirche, um sich die Predigt von Daniel Fischler anzuhören. Einen Gottesdienst, der früher stattfindet und somit auch für Berufstätige attraktiv war, habe es mal gegeben. «Diesen Gottesdienst besuchten immer nur um die zehn Seelen, deshalb hat es sich einfach nicht mehr gelohnt. Wir haben aber viele Berufstätige, die am Abend in den Gottesdienst kommen. Oft auch mit der Familie», sagt der Pfarrer. In den letzten Jahren seien allgemein wieder vermehrt Familien in den Gottesdienst gekommen. Vielleicht wegen der schnelllebigen Zeit, vielleicht aber auch einfach, um einen Moment der Ruhe zu bekommen.

Anschliessend an den Gottesdienst trifft man sich im Kirchenkaffi für einen Kaffee und ein Gipfeli. Es wird geredet und gelacht. «Viele der Leute, die in den Gottesdienst kommen, sind einsam, entweder weil der Partner verstorben ist oder auch, weil sie nicht mehr so einfach aus dem Haus kommen», erzählt Fischler. Deshalb brauchen sie einen Platz, wo sie Leute treffen und Geschichten austauschen können. Auch hier ist deutlich spürbar, wie Fischler gesehen wird. Die Damen sprechen mit ihm wie mit einem Freund. Über Alltagsgeschichten, frühere Reisen aber auch über ernste Themen. Mit dem Tod geht man hier locker um. Die meisten Besucher sind durch ihren Glauben gestärkt und fürchten sich nicht, zu sterben.

Hilfe für Kenia

Auf den stärkenden Kaffi folgt eine Sitzung mit sechs Mitarbeitenden der Kirche. Hier werden der Wochenrückblick, der Plan für die nächsten Wochen sowie der Aufbau des Pfarreiblattes besprochen. Danach geht’s schnell wieder nach Arlesheim, wo ein Bankbesuch und erneute Büroarbeit auf den Pfarrer warten. Die Kirchgemeinde betreut verschiedene Hilfsprojekte in Drittweltländern. Auf der Bank überweist der Pfarrer Geld an sein persönliches Projekt, ein Dorf in Kenia, das Heimatdorf seiner Schwägerin. Dort wurden schon eine Schule und ein kleines Spital mithilfe seines Geldes gebaut. «Was soll ich mit meinem Geld tun, ich teile es lieber mit Leuten, die nicht so viel haben, wie wir hier», sagt er dazu.

Zum Mittagessen fahren wir erneut nach Münchenstein. Dort findet einmal im Monat ein Mittagstisch der reformierten und katholischen Kirche statt. Für Flüchtlingsfamilien ist das Essen gratis. Etwa 30 Leute kommen, um ihr Mittagessen gemeinsam einzunehmen, darunter zwei Flüchtlingsfamilien. Man sieht dem Pfarrer an, dass er langsam erschöpft ist. «Es ist schwer, immer allen Leuten zuzuhören und gerecht zu werden. Falls ich nicht mehr kann, sage ich es den Leuten aber auch, die meisten sind dann sehr verständnisvoll», sagt er.

Wieder zurück in Arlesheim steht ein Hausbesuch bei einer 89-jährigen Dame an. Sie kann wegen ihres gesundheitlichen Zustands nicht mehr in den Gottesdienst kommen, weshalb Herr Fischler sie ungefähr alle zwei Wochen besucht. «Daniel ist für mich wie ein weiterer Enkel» sagt sie und gibt ihm zur Begrüssung einen Schmutz auf die Wange. Sie erzählt über ihre Jugend im Krieg und wie sie in die Schweiz kam. Danach hält Pfarrer Fischler einen kleinen Gottesdienst mit verschiedenen Gebeten ab, während die Dame friedlich einer brennenden Kerze zuschaut. Zum Schluss sagt sie: «Hätte ich meinen Glauben nicht, wäre ich vermutlich schon lange tot.»

Von der Geburt bis zum Tod

Nach Hausbesuch und beendeter Büroarbeit hat auch der Pfarrer Feierabend und kann sich in seiner Wohnung über dem Büro zurückziehen. Einsam fühlt er sich nicht. Wie er offen erzählt, war auch das Zölibat nie ein grosses Hindernis für ihn: «Ehrlich gesagt hielten meine Beziehungen nie länger als drei Monate. Und auch sonst vertraue ich dem Modell «Ehe» nicht so recht. So kann ich selbst entscheiden, wo ich in die Ferien gehe und wenn ich am Abend frustriert oder müde bin, lasse ich es an niemandem aus.» Bei einer Scheidungsrate von über 50 Prozent verstehe er nicht, warum über das Zölibat so oft diskutiert werde, die Ehe jedoch immer noch gesellschafts-konform ist.

Auch über Sexualität spricht der Pfarrer. Sein Beruf erfülle ihn sehr und in vielen langjährigen Ehen sei die Sexualität ja auch kein grosses Thema mehr. Er hat tolle Freunde und eine Familie, die ihn unterstützt. «Nach 15 Jahren ist mein Beruf für mich immer noch der schönste der Welt», sagt der Pfarrer. Für ihn sei es das Beste, das er den Menschen seine Zeit und Freude schenken könne. Zudem gäbe es keinen anderen Beruf, der die ganze Lebensbandbreite abdeckt. Von der Geburt, über die Hochzeit, bis hin zum Tod.