Seit Jahren lebt im Leimental ein Obdachloser. Die Nächte verbringt er draussen – obwohl er das gar nicht müsste. «Wir haben eine unbefristete Kostengutsprache für die Notschlafstelle erteilt», sagt Martin Spörri, Leiter der Abteilung Soziales, Gesundheit und Alter in Oberwil, wo er offiziell angemeldet ist. «Er könnte jederzeit drinnen übernachten – aber er will nicht.» Zu irgendetwas zwingen könne man ihn nicht.

Die Oberwiler Sozialberatung betreut ihn schon seit Jahren. Die Ergänzungsleistungen werden für Krankenkassenprämien- und Gesundheitskosten verwendet. Und weil ständig Zahlungsforderungen für Bussen wegen Schwarzfahren kamen, gibt die Gemeinde ihm ein U-Abo und ab und zu Lebensmittelbons. «Die nimmt er dann schon», sagt Spörri. Geld erhält er aber von der Gemeinde nicht – seinen Lebensunterhalt deckt er mit seiner Invalidenrente. Zudem bettelt er, was im Kanton Baselland nicht verboten ist, ebenso wie draussen zu übernachten. Als er einen kalten Winter im Allschwiler Wald schlief, brachten ihm Anwohner eine heisse Suppe. Spörrig suchte ihn auch schon persönlich im Wald auf, als es Probleme mit Ausflüglern gab. «Doch er lehnte meine Angebote für betreutes Wohnen ab.»

Zwangsmassnahmen könnte allenfalls die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Leimental anordnen. «Wir können weniger tun, als man vielleicht meint», entgegnet Präsident Stefan Gollonitsch, der den Fall des einbeinigen Obdachlosen nicht kennt. Man könne eine Beistandschaft für die Administration und Finanzverwaltung anordnen, etwa um eine Krankenkassen-Deckung aufgleisen. «Aber wenn es um die Änderung der Lebensführung geht, muss sich eine Person helfen lassen wollen.» Anders sieht es aus, wenn sich eine Person selber stark gefährdet, weil sie zum Beispiel Wahnvorstellungen hat und dringend Medikamente braucht, oder wenn deswegen in einem kalten Winter ihre Gesundheit gefährdet ist. «Dann würden wir sie von einem Arzt untersuchen lassen.», sagt Gollonitsch. Es müsse aber eine klare medizinische Ursache vorliegen, damit ein Klinikaufenthalt angeordnet werde. «Wer sein Leben bewusst riskiert, darf das tun.»

Er gilt als urteilsfähig

Spörri meint, es brauche für eine Zwangsmassnahme «eine massive Fremd- oder Selbstgefährdung», diese sei beim Leimentaler Obdachlosen nicht gegeben. Hingegen fühlen sich immer wieder Passanten von ihm belästigt oder bedroht. Denn er sei alkoholisiert und habe eine laute Stimme. Gefährde jemand andere Personen, verweisen sowohl die KESB als auch Spörri auf die Polizei. Schliesslich sei es deren Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, sagt Gollonitsch. «Bei Fremdgefährdung greift früher oder später die Polizei ein. Sie ist erfahren genug, um zu unterscheiden, ob ein Strafverfahren oder gesundheitliche Massnahmen nötig sind.»

Verhaftet wurde der Einbeinige auch schon, als er Leute bedrohte und belästigte. Laut Spörri gab es vor einigen Jahren den Versuch, ihn von einem Beistand begleiten zu lassen. Da er aber als handlungs- und urteilsfähig eingestuft wurde, konnte die Massnahme nicht eingeführt werden. «Seine Situation hat sich inzwischen nicht geändert.» Und auch mit einem Beistand sei das Problem nicht gelöst, so Spörri. «In jeder Institution benötigt es eine Bereitschaft, zu sein und zu bleiben - doch die fehlt ihm vollständig.»