Herr Reinhart, Sie haben die Sanierungen der beiden Altlastendeponien Le Letten in Niederhagenthal und Roemisloch in Neuweiler überwacht. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Hans-Jürg Reinhart: Wir sind zufrieden: Das Projekt verlief sehr gut. Wir haben das in kurzer Zeit über die Bühne gebracht. Die Arbeiten fingen Mitte 2010 mit Le Letten an und endeten auf beiden Deponien bereits Ende letzten Jahres. Das ist eine eindrückliche Leistung, wenn man bedenkt, dass wir insgesamt 47500 Tonnen Material bewegen und entsorgen mussten.

Sie arbeiten für BASF. Wie weit war diese Arbeit Pflicht und wie weit persönliches Verantwortungsgefühl der Umwelt und den Anwohnern gegenüber?

Das Projekt war sehr komplex und verlangte viel Disziplin. Für mich persönlich als Chemieingenieur waren die Arbeiten eine Herausforderung und eine Befriedigung gleichermassen. Eine Pflicht war es aber insofern nicht, als es sich um eine freiwillige Massnahme der drei Konzerne BASF, Novartis und Syngenta handelte. Die französischen Behörden hatten beide Deponien als nicht-sanierungsbedürftig eingestuft.

Im vergangenen April überdeckte noch eine grosse Halle die Deponie Le Letten im elsässischen Niederhagenthal.

Im vergangenen April überdeckte noch eine grosse Halle die Deponie Le Letten im elsässischen Niederhagenthal.

Und warum haben Sie sich dann für die Sanierung entschieden?

Für uns ist klar, dass wir eine Verantwortung für diese Deponien aus den 50er-, 60er-Jahren tragen. Und diese Verantwortung nimmt die Chemie wahr.

Das nehme ich Ihnen jetzt persönlich als Motivation ab; aber ein Konzern tut nichts aus emotionalen Gründen.

Rechtlich hätten wir nicht sanieren müssen. Die Schadstoffwerte rund um Le Letten und Roemisloch waren immer tief. Aber wir wollten eine nachhaltige Lösung. Die Deponien wurden in einer Zeit angelegt, als es noch keine Möglichkeit gab, die Abfälle zu verbrennen. Unsere Vorgänger machten das damals nach bestem Wissen und Gewissen. Später aber stellte man fest, dass die Deponien nicht durchgängig dicht sind und eine Belastung für die Umwelt darstellen könnten.

Verschiedene Umweltschützer und die Gemeinde Allschwil werfen Ihnen aber ungenügende Standards vor. Zum Beispiel hielten die Aktivkohlefilter nicht alle Rückstände von Pestiziden und Medikamenten zurück. Widersprechen Sie dem als Fachmann?

Da widerspreche ich ganz deutlich. Die Aktivkohlefilter halten diese Stoffe sehr gut zurück. Jeder Filter hat allerdings eine gewisse Kapazität, die einige Monate ausreicht. Ist die Kapazitätsgrenze erreicht, muss der Filter ausgetauscht werden. Dafür haben wir überall einen zweiten Filter installiert, der dem ersten nachgeschaltet ist. Sowohl das schweizerische als auch das französische Recht sind sehr streng, was Gefahrenstoffe angeht. Es geht dabei nicht um die Anzahl der Stoffe, die man bei einer Spurenanalyse findet, sondern darum, ob bei den gefundenen Stoffen Grenzwerte überschritten werden.

Der Vorwurf ist aber immer wieder, dass die gesetzlichen Grenzwerte zu hoch angesetzt sind.

Der Gesetzgeber bestimmt die Grenzwerte aufgrund toxikologischer Grundlagen. In Frankreich müssen wir überdies im Schlussbericht sicherstellen, dass sich die internationalen Grenzwerte, die wir verwendet haben, nicht in der Zwischenzeit verändert haben.

«Sowohl das schweizerische wie das französische Recht ist sehr streng.»

BASF-Ingenieur Hans-Jürg Reinhart

«Sowohl das schweizerische wie das französische Recht ist sehr streng.»

Muss man in Zukunft mit weiteren Ausflüssen aus den sanierten Deponien rechnen, wie im Januar einer auf dem Hang am Roemisloch auftauchte?

Obwohl wir alles kontaminierte Abfallmaterial aus dem Boden nahmen, blieben Spuren im Untergrund zurück. Der Magnet, der alle Reste aus dem Boden holt, ist noch nicht erfunden! Wenn aber das Reservoir dieser Schadstoffe, die eigentlichen Abfälle, nun entfernt ist, werden sich auch diese im restlichen Boden langsam abbauen. Am Anfang werden sie aber noch ausgewaschen; das ist ganz klar. Genau deshalb lassen wir die Abpumpung am Fuss der Deponien noch eine Weile weiterlaufen. Bei der gemeinsamen Beprobung mit der Gemeinde Allschwil im Januar haben wir aber unseren Job tatsächlich nicht so gut gemacht. Damals ging eine Pumpe kaputt; und ein Brunnen lief über. Danach bauten wir zusätzliche Alarmsysteme in die Pumpen und die Drainage ein. Die Probenergebnisse des Ausflusses sind von offizieller französischer Stelle noch nicht da. Aber wir machen regelmässig alle zwei Wochen eigene Proben, bei denen nie eine Grenzwertüberschreitung festgestellt wurde.

Warum brauchen die offiziellen Ergebnisse so lange?

Die zertifizierten Labore in Frankreich, die die Untersuchungen für uns machen, haben inzwischen eine gewisse Routine. Die französischen Behörden haben richtigerweise ein anderes Labor gewählt, das unabhängig ist von uns. Ich nehme an, dass die sich erst in die Problematik einarbeiten müssen. Aber da kann ich natürlich nur spekulieren.

Können Sie die Aussage des Allschwiler Umweltbeauftragten Andreas Dill bestätigen, dass man bereits ohne Untersuchung riechen konnte, dass das Wasser kontaminiert ist?

Nein, beim Ausfluss kann ich das nicht bestätigen. Ich kann nur bestätigen, dass die Drainage, die wir am Fusse der Deponie eingerichtet haben, stinkt. Das heisst aber nicht, dass das Wasser giftig ist. Ein Stoff, der stinkt, kann völlig ungiftig sein – er kann aber auch giftig sein. Umgekehrt kann ein Stoff, der nicht riecht, sehr giftig sein. Die Abwasser stinken ganz klar; wir konnten aber keine Grenzwertüberschreitungen feststellen.

Was passiert mit dem stinkenden Drainagenwasser?

Das wird nach der Aktivkohlenfilterung in den Roemislochbach abgegeben.

Sie können jetzt nach Abschluss der Sanierungen eine Kontamination ganz konkret des Trinkwassers, des Naturschutzgebiets «Am Mülibach» und des Lörzbaches ausschliessen?

Beim Trinkwasser können wir das auf jeden Fall ausschliessen. Wir haben jetzt zehn Jahre die Deponie untersucht und haben beim Trinkwasser nie etwas gefunden. Auch der Kanton Baselland untersucht regelmässig die Trinkwasserfassung in den Kapellmatten. Das Oberflächenwasser allerdings wird weiterhin durch die Landwirtschaft kontaminiert, was auch unabhängige Experten bestätigen. Auch den Lörzbach haben wir zehn Jahre lang untersucht und nie Stoffe gefunden, die von der Deponie Le Letten stammen. Am Roemislochbach haben wir 2009 eine Risikoanalyse abgeschlossen, die von den französischen Behörden genehmigt wurde. Zusätzlich haben wir die Fauna und Flora im Bereich Roemisloch untersucht. Wir schliessen eine Gefährdung in diesem Bereich aus.

Es ist also auch das Pyridin entfernt, das das Aktionskomitee «Chemiemüll weg!» im August auf Le Letten fand?

Sie meinen wohl die grünlichen Brocken, die Ende Juni auftauchten. Zu jener Zeit hatten wir den Grobaushub beendet. Das Gebiet wurde anschliessend rundherum bereinigt und nochmals über 1000 Tonnen weggeführt. Das konnten wir unter freiem Himmel abschliessen, weil der Kernbereich der Deponie bereits weggeführt war. Pyridin konnten wir in unseren Analysen aber nie finden.

Und wie geht es jetzt weiter mit den Deponien?

Die Umgebungsarbeiten sind gemacht, die Deponien also wieder der Landschaft angepasst. Als nächstes werden wir Gras säen. Und wenn sich die Erde gesetzt hat, forsten wir ab Herbst wieder auf. Im Roemisloch pumpen und reinigen wir noch mindestens bis zum Sommer das Wasser ab. Schliesslich werden wir noch vier Jahre lang regelmässige Wasserproben nehmen, um den natürlichen Abbau der Stoffe im Boden mitzuverfolgen.