Generationen von Kindern hat der Arlesheimer Waldbruder im Dämmerlicht seiner Klause erst ein leichtes Schaudern eingejagt und hat sie dann zum Staunen gebracht – wie er die Augen rollte, den Arm hob, um für Münzen zu danken, die man ihm ins Schälchen legte. Über zweihundert Jahre lang sass er in seiner Hütte, die sich oberhalb des Spazierwegs in die Eremitage leicht an einen Felsen lehnt. Er las in seinem Buch und schaute auf, wenn jemand hereinkam.

Allmählich begannen die Augen zu schwächeln, er schaffte es irgendwann nicht mehr, sie zu bewegen. Die entsprechende Mechanik hatte den Dienst versagt. Das war der Anfang seines Zerfalls. Dann setzten ihm Holzwürmer dermassen zu, dass er die Einsiedelei aufgeben musste.

Doch er soll wieder in die Klause einziehen. Er gehört zur Eremitage wie die Weiher hinten im Tal, wie das Waldhaus, die Grotten, die verwunschenen Spazierwege. Das war den Mitgliedern der Stiftung Eremitage Arlesheim und Schloss Birseck, die sich für Pflege und Erhalt des Landschaftsgartens engagierten, immer klar. Deren Präsident, Ruedi Brandenberger, sagt, dass der Waldbruder seit Bestehen des Parks, seit 1785 also, zu den Attraktionen gehört habe.

Das müsse weiterhin so bleiben. «Er ist das Sinnbild des einfachen Lebens in einer Landschaft, die einst auch gestaltet wurde, um Rousseaus ‹Zurück zur Natur›, zurück zum einfachen Leben, zu versinnbildlichen.» Die Stiftung fand eine Spenderin, die für die Kosten des neuen Eremiten aufkommt, aber anonym bleiben will.

Auf Ostern nicht geschafft

Eigentlich war das Fest zur Auferstehung des Waldbruders für diese Ostern geplant, doch noch hat es der neu Erweckte nicht bis Arlesheim geschafft. Er sitzt im fernen SainteCroix im Waadtländer Jura, und zwar im Atelier von François Junod, einem der letzten noch tätigen «Automatiers». Auf Deutsch tönt seine Berufsbezeichnung (Automatenhersteller) etwas steif und steril und steht in krassem Gegensatz zu dem, was den Besucher seiner Werkstatt erwartet. Man nennt so etwas gemeinhin das kreative Chaos.

Maschinen, Werkzeuge, Metallteile, Uhren, Instrumente, eine Drehbank oder zwei, hölzerne Körperteile in allen Grössen, Musikautomaten, dazwischen ein Laptop und unglaublich viel mehr Utensilien liegen, stehen und hängen im Atelier herum. Junod (55), Künstler, Steinmetz und Feinmechaniker in einem, bewegt sich behände durch sein Universum, in dem er zwei Mitarbeiter beschäftigt, die an allerhand Projekten arbeiten.

Mechanische Eremiten und Dichter

Unter anderen eben am Waldbruder von Arlesheim. Dieser thront, völlig nackt und kopflos auf einem Stuhl, während Junod erzählt, was da alles am Entstehen ist und schon entstanden ist. Ganz stolz ist er auf «Alexander Puschkin», den er im Auftrag eines kalifornischen Milliardärs hergestellt hat. Junods Puppe des russischen Nationaldichters verfügt über eine derart ausgeklügelte Technik, dass sie Gedichte schreiben und sie mit einer kleinen Zeichnung schmücken kann.

Dagegen ist der Waldbruder eine einfache Konstruktion – in ihrer Nacktheit zudem etwas schmucklos. Doch dem ist schnell abgeholfen. Im Nu zieht ihm Junod die Kutte über, setzt ihm den Kopf auf, zeigt, wie er die Augen rollt, und posiert zusammen mit dem Eremiten für den Fotografen.

«Wie gesagt, ich wäre bereit gewesen, ihn auf Ostern in Arlesheim zu montieren», sagt er und weiss angeblich nicht, warum die Vernissage verschoben worden ist. In Arlesheim sieht man das etwas anders. Ruedi Brandenberger versichert, dass die Arleser Säulizunft, eine Vereinigung heiterer Kulturengagierter, die dem Waldbruder mittels handbetriebener Kurbel jeweils am Mittwoch- und Sonntagnachmittag Leben einhauchen wird, die Waldklause zeitgerecht den neuen Bewohner hergerichtet habe. Doch seines Wissens sei der Eremit noch nicht reisefertig gewesen.

Wie auch immer: Die Vernissage ist auf den 14. Juni vertagt worden. Und wenn dem neuen Waldbruder ebenfalls mehr als 200 Jahre Lebensdauer beschieden sein sollen, spielen diese zwei Monate keine Rolle.