Paul Hofer durfte vergangenen Monat seinen 70. Geburtstag feiern. Das allerdings nur auf dem Papier. Er selber fühlt sich wie 50. Und leben tut er wie ein Mittdreissiger.
Vor sechs Jahren machte sich der Oberwiler erstmals in der Baselbieter Politik bemerkbar. Als Nationalratskandidat wanderte er von Schönebuech bis Ammel, führte «über 1000 persönliche Gespräche» und stand winkend an Strassenrändern, um für seine Kandidatur zu weibeln. «Sie haben mich für einen Wahnsinnigen gehalten?», fragt er beim Besuch in seinem Büro im Basler Stücki-Areal.

«Das macht nichts», sagt er mit einem Lachen. «Da stehe ich drüber.» Der Ulknudel-Wahlkampf ist vielleicht so etwas wie die Jugendsünde Hofers. Heute ist der 70-Jährige «erwachsen». Er tut, was junge Erwachsene eben tun: Er hört gerne Musik auf SRF 3, leitet seit ein paar Jahren ein Startup-Unternehmen in der Life-Science-Branche und strebt gerade den höchsten Posten seiner bisherigen politischen Karriere an: Er will im kommenden August zum Baselbieter FDP-Präsidenten gewählt werden. Dafür hat er bereits zweimal bei der Findungskommission vorgesprochen. Und das Wichtigste: Er hat das Einverständnis seiner Frau eingeholt.

Die Erfahrung als Trumpf

Das Clown-Image hat Hofer mittlerweile abgestreift. Seitdem er vor drei Jahren in den Landrat nachgerückt ist, hat er sich gewissenhaft in Dossiers eingearbeitet. In der Bildungskommission bekommt er auch von den politischen Gegnern Lob, selbst wenn sich kritische Klänge daruntermischen. SVP-Landrat Paul Wenger sieht in Hofer eine Figur, die zwar noch nicht besonders in Erscheinung getreten, aber «stark analytisch denkend» und somit eine Bereicherung in der Bildungskommission sei.

Als Reformkritiker hat Hofer auch im Grünen Unabhängigen Jürg Wiedemann einen Verbündeten gefunden. Hofer sei ein engagierter und motivierter Landrat. Nur befinde dieser sich immer wieder im Dilemma; schliesslich wolle er der Bildungsdirektorin Monica Gschwind aus der eigenen Partei nicht allzu stark dreinreden.

Grünen-Fraktionspräsident Klaus Kirchmayr erinnert sich an eine konstruktive Zusammenarbeit vor der Abstimmung über die Kantonsfusion 2014. Dem Aescher fehlt bei Hofer allerdings oft der «längerfristige Ansatz; er tendiert zu Schnellschussvorschlägen».

Die Chancen, dass Hofer beim Parteitag am 17. August zum neuen Baselbieter FDP-Präsidenten gewählt wird, stehen gut. Ein Parteimitglied sagt: «An ihm führt wohl kein Weg vorbei. Oder anders: Er hat einfach keine Konkurrenz.» Bis jetzt hat lediglich FDP-Landrat Rolf Blatter sein Interesse signalisiert – ein Politiker, der bisher kaum Akzente gesetzt hat.

Ein 70-Jähriger an der Spitze der Baselbieter Freisinnigen? Hofer weiss selbst, dass er von den Medien als Notlösung angesehen werden wird. Die anderen Parteien setzen auf Jugend. Die Baselbieter Grünen haben mit Bálint Csontos soeben einen 21-Jährigen zum Präsidenten gewählt; Und SP-Präsident Adil Koller ist auch erst 24. Da kann selbst der Junggebliebene «in Sachen Jugendlichkeit nicht mithalten», wie er einräumt.

Das halbe Leben im Ausland

Hofer hat einen anderen Trumpf in der Hand: die Erfahrung. Er kam schon früh viel in der Welt herum. Als Sohn einer sozialdemokratischen Missionarin und einem freisinnigen Mitarbeiter der Basler Handelsgesellschaft verbrachte er die ersten zehn Jahre seiner Kindheit in Ghana. Dann zog er mit der Familie in die Schweiz, durchlief die Schule bis zur Matur und studierte in Basel Sozialwissenschaften. Kurz nach dem Studium stieg er bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt SKA (heute Credit Suisse) ein.

Nach ein paar Jahren zog er 1979 mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern ins Ausland. Erst nach Houston und drei Jahre später nach Tokio, wo er die Leitung der SKA-Filiale übernahm. Elf Jahre danach hatte Hofer die Belegschaft auf 300 Mitarbeiter verzehnfacht, als der Ruf nach London erfolgte.

Die beiden jüngeren Söhne weinten, als sie erfuhren, dass sie aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen würden. Doch für den Vater war Zeit, weiterzuziehen. Das Angebot war zu verlockend: Hofer wurde zuerst Filialleiter der SKA London und nach der Verschmelzung mit der Credit Suisse First Boston Co-Leiter im Bereich der strukturierten Finanzierungen für den europäischen und asiatischen Raum.

Nach weiteren acht Jahren in England und insgesamt etwas über zwanzig Jahren im Ausland verspürte Hofer letztlich aber das Bedürfnis, in die Schweiz zurückzukehren. Langsam schlich sich Müdigkeit ein. «Die Arbeitstage waren lang in London.» Oft sass Hofer über zwölf Stunden im Büro. Gelegentlich auch am Wochenende. Als etwas über 50-jähriger endeten Hofers Wanderjahre. Es zog ihn nach Hause. Genauer: Nach Oberwil, wo er aufgewachsen war.

Danach holte er Versäumtes nach. Vielleicht ist dies die Erklärung für seine Jugendhaftigkeit. Er gründete Startup-Unternehmen mit unterschiedlichem Erfolg. Sein erstes Unternehmen startete durch, seine zweite Firma scheiterte fulminant. Mit seiner heutigen Hutman Diagnostics strebt Hofer nach Möglichkeiten, mittels Bluttests Infektionskrankheiten schnell zu erkennen. Nach mühseligem Anfang geht es aufwärts. 15 Angestellte arbeiten in seiner Firma.

Nach seiner Rückkehr ins Leimental stieg Hofer in die Regionalpolitik ein. Auch hier liess er sich von Misserfolgen nicht entmutigen. 2011 kandidierte er nicht nur erfolglos für den Nationalrat, sondern scheiterte auch am Einzug in den Landrat. Erst 2014 rückte er nach.

Grosse Bürde wartet

Im Baselbieter Parlament hat sich Hofer zu einer respektierten, wenngleich nicht tonangebenden Kraft entwickelt. Einige attestieren ihm angesichts der Herausforderungen mangelndes Durchsetzungsvermögen. Auf derlei Kritik reagiert er kokett: «Ja, ich bin ein Leichtgewicht: nur 75 Kilo.»

Doch Hofer weiss genau, welche Bürde auf ihm lastet, sollte er an die Spitze gehievt werden. Er muss das fast aussichtslose Unterfangen in Angriff nehmen, zwei Regierungssitze zu verteidigen. Kirchmayr sagt dazu: «Es wird schwierig für die FDP. Das Problem ist, dass Baudirektorin Sabine Pegoraro keinen Leistungsausweis hat.» Kommt hinzu, dass nicht nur von Rot-Grün ein Angriff auf die Regierungssitze zu erwarten ist, sondern auch von den bürgerlichen Bündnispartnern.

Dem Vernehmen nach will die SVP einen zweiten Sitz anstreben. Dem programmierten Zoff begegnet Hofer mit der ihm eigenen Gelassenheit. «Die bürgerliche Zusammenarbeit mit der CVP, SVP und der FDP ist übergeordnet. Da wir dieses bürgerliche Schwergewicht in der Exekutive noch die nächsten vier bis acht Jahre im Kanton Baselland aufrechterhalten sollten, müssen wir auf die chancenreichere Partei setzen – eben auf die FDP», sagt er nüchtern.

Auch im achten Lebensjahrzehnt wird bei Hofer keine Ruhe einzukehren. Warum auch. «Andere in meinem Alter lesen morgens die Zeitung, schneiden dann ihre Geranien und gehen nachmittags mal da, mal dort einen Kaffee trinken», sagt er.

«Ich habe nichts gegen diesen Lebensstil. Aber für mich ist das nichts.» Dem zweifachen Grossvater wäre lieber, wenn er noch ein bisschen leben könnte wie ein Mittdreissiger. Als Startup-Unternehmer, SRF-3-Hörer – und am besten auch als Präsident der Baselbieter FDP.