Der Berg ist nicht die höchste Erhebung in Muttenz. Eigentlich ist er auch eher ein Hügel als ein Berg und nur zwei Meter hoch. «Das würden höchstens die Holländer als Berg bezeichnen», witzelt Oliver Wittmeier, Oberbauleiter der SBB. Der Berg hat auf den zweiten Blick aber noch mehr Gemeinsamkeiten mit den holländischen Erhebungen: Er ist ebenso künstlich und erfüllt einen wichtigen Zweck.

Denn der Ablaufberg ist der zentrale Punkt des Muttenzer Rangierbahnhofs RB 1: Von ihm rollen die einzelnen Güterwaggons, von einer Lok hinaufgestossen, wieder hinunter über mehrere Weichen auf das richtige Gleis: die Waggons Richtung Zürich auf das Zürcher Gleis, die Waggons Richtung Chiasso auf das Chiasseser Gleis. Einen Rangierbahnhof mit Ablaufberg wie in Muttenz und einen Güterbahnhof, wo Loks die Waggons umherziehen und -schieben, vergleicht Wittmeier mit Autos: «Das eine wird von Hand zusammengeschraubt, das andere an der Industriestrasse gefertigt.» Seit 80 Jahren funktioniert die Neuverteilung der Züge aus Deutschland und Frankreich im alten Bereich des Rangierbahnhofs schon «wie auf der Industriestrasse».

Damit der Ablauf auch die nächsten 80 Jahre reibungslos vonstatten gehen wird, beschlossen die SBB vor einem Jahrzehnt einen kompletten Austausch der 25 Kilometer Gleise und der veralteten Technik im eigentlichen Rangierbereich. Seit Frühjahr 2010 wurde der nördliche Teil des RB 1 bei laufendem Betrieb ausgetauscht; zur Halbzeit am 20. Januar dieses Jahres begann der Neubau des Südteils. Die Fertigstellung ist bis Mitte 2013 geplant. Der zweite Rangierbahnhof RB 2, der Züge Richtung Norden abfertigt, stammt grösstenteils aus den Siebzigern und muss noch nicht erneuert werden.

2400 Waggons pro Tag verschieben

«Es gibt für die Anlagen des RB 1 von 1933 heute keine Ersatzteile mehr; Spezialanfertigungen brauchen teilweise sehr lange», begründet Gesamtprojektleiter Rudolf Burri die Notwendigkeit der Umbauarbeiten für insgesamt 195 Millionen Franken. Durch die heutige Technik können 185 Waggons pro Stunde abgefertigt werden, was am Tag eine Quote von 2400 statt der bisherigen 2000 Waggons ergibt. Durch einen Mehraufwand von 40 Millionen Franken bleibt den SBB sogar die Option, auf 3000 Waggons pro Tag zu erhöhen. Und das, obwohl die Anzahl der Richtungsgleise von 41 auf 32 reduziert wird.

Moderne Bremssysteme und Geschwindigkeitsradar machen laut Burri auch die Hemmschuhleger überflüssig, die bisher nicht ohne Gefahr Bremsklötze unter die Waggonräder legen mussten. Die Waggons rollen in Zukunft wie von Geisterhand in der richtigen Geschwindigkeit auf das richtige Gleis; Menschen werden vor Ort kaum zu sehen sein. Mehr als acht Mitarbeiter werden deshalb pro Schicht ausreichen. Das kostet insgesamt 18 Kollegen den Arbeitsplatz in Muttenz; laut SBB wurden aber «interne Lösungen» für sie gefunden.

Mit dem Umbau werde auch der Lärm- und Umweltschutz dem neuesten Stand angepasst, erklärt Burri. Vor Ort auf der Baustelle zeigt Kollege Wittmeier die Einzelheiten: Unter den 38 Weichen, wo sich die Gleise vom Ablaufberg her auffächern, wurden auf 200 Metern Länge Asphaltplatten vergraben. Von dort sickern eventuell auslaufende Flüssigkeiten in eine Grube, deren Spundwände neun Meter in die Tiefe ragen und von der Schweizerischen Gesellschaft für Korrosionsschutz eine Lebensdauer von 80 Jahren bestätigt bekamen. Für den Gewässerschutz werden laut Wittmeier umgerechnet 60 Waggonkilometer Erde ausgehoben und 30 wieder zugeführt. Die Massnahmen kosten die SBB rund 4,5 Millionen Franken.

Rangierarbeiten vor allem nachts

In vier Meter hohe Lärmschutzwände wird eine weitere Million Franken investiert. Ausserdem seien in Muttenz neue, Lärm mindernde Bremsmaterialien getestet worden, die auch schon zu positiven Reaktionen der Anwohner geführt hätten. Nachtruhe ist in Muttenz auch dringend geboten: Die Rangierarbeiten werden hauptsächlich zwischen 23 und 4 Uhr erledigt - laut Wittmeier zum Glück für die Bauplanung bei laufendem Betrieb.