Es gibt Geschichten, die nur Basel schreiben kann. Dies ist so eine Geschichte.

Sie handelt vom Rhein, vom Hafen, vom Schiffer-Kinderheim in Kleinhüningen und von der Chemischen. Von der US-Firma Huntsman zum Beispiel, die meinte, sie müsste im Klybeck-Quartier in der fernen Schweiz ein Werk dichtmachen. Weil Arbeit in Asien billiger ist.

Vor allem aber handelt sie von einem gewissen Rolf Zimmerli. Er arbeitete bei Huntsman. Produzierte die blaue Farbe, die es braucht, um Jeans zu färben. Dann schloss Huntsman. Der dreifache Familienvater stand mit 57 Jahren auf der Strasse. Nach 27 Jahren in der Chemie.

Das war im Januar. Zimmerli denkt, es sei nun vorbei mit Arbeit. Er fände doch keinen neuen Job mehr, in seinem Alter. Da sieht er ein Inserat der Basler Personen-Schifffahrts-Gesellschaft (BPG): «Kapitän gesucht». Und bewirbt sich.

Der Kapitän schleppt Tische

Vier Monate später steht er an einem sonnigen Aprilmorgen im Kommandoraum des «Lällekönig», des mittleren der drei Schiffe der BPG. «Der Bach hat mich wieder», sagt er und rückt sich die Mütze zurecht.

Das Schiff liegt beim Dreiländereck vor Anker. Die Motoren sind aus. Wohl deshalb riecht die Luft nicht nach Schiffsdiesel, dessen Duft man nie mehr vergisst, sobald man ihn einmal eingeatmet hat. Es riecht nach Fensterputzmittel. Ein Matrose schrubbt an einem Fenster herum. Der «Lällekönig» wird auf Hochglanz gebracht, genauso wie seine beiden Geschwister, die grössere «Christoph Merian» und das kleinere «Baslerdybli». In wenigen Tagen beginnt die Sommersaison, und damit die Kurs-Schifffahrt auf dem Rhein.

Auch Zimmerli hat kurz zuvor noch mit angepackt und Tische geschleppt – im Blaumann. Das weisse Hemd mit den vier goldenen Kapitäns-Streifen auf der Schulterklappe hat er rasch fürs Foto übergezogen. Zimmerli ist nicht nur Kapitän, er sieht auch aus wie einer: kräftige Oberarme, Schnauz, aber keine Tätowierung. (Er gehöre zum einen Prozent der Schiffsleute, die nicht tätowiert sind.) In wenigen Tagen fährt er zum ersten Mal «nur» Personen über das Wasser. Denn Zimmerli ist eigentlich Frachtschiff-Kapitän.

Wenn er sagt, er habe das Schifffahren «mit der Muttermilch aufgesogen», ist das keine Übertreibung. Zimmerli ist auf einem Rheinschiff aufgewachsen. Schon der Vater war Kapitän, nahm Frau und die beiden Söhne auf den Reisen immer mit an Bord. Tagelang, wochenlang.

Als Rolf sechs Jahre alt ist, wird er eingeschult. Er kommt ins Schiffer-Kinderheim in Kleinhüningen. 40 Kinder wohnten dort, deren Eltern auf dem «Bach» unterwegs waren. Von Basel nach Duisburg, Rotterdam oder Amsterdam. Tagelang, wochenlang.

«Das war am Anfang immer ein Geheule, wenn die Eltern abfuhren», erinnert sich Zimmerli. Die älteren Kinder hätten aber gut auf die jüngeren geschaut. «Und irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, dass Mami und Papi halt mal ein paar Wochen weg sind. Das war für uns Schifferkinder normal.» In den Ferien kamen die Familien wieder zusammen. Dann gingen die Kinder an Deck. Mit 15 beginnt Zimmerli eine Lehre als Schiffsjunge. Fernziel: Kapitän, wie der Vater.

Einer der Jüngsten

Mit 21 besteht er das Schiffsführer-Patent, als einer der Jüngsten in der Geschichte der Schweizer Rheinschifffahrt. Ist danach auf dem Rhein unterwegs. Als Steuermann, nicht als Kapitän. Weil bei der Schweizerischen Reederei, bei der er damals arbeitet, kein Schiff frei wird.

Er fährt nach Duisburg, Amsterdam, Rotterdam. Tagelang, wochenlang. Doch der Jungspund will sein eigenes Boot, will Kapitän, nicht nur Steuermann sein. Als er 29 Jahre alt ist und noch immer keines frei geworden ist, entscheidet er sich, Arbeit an Land zu suchen. Er geht 1986 zur Ciba-Geigy, die sich später nur noch Ciba nennt, 1996 mit Sandoz zu Novartis verschmilzt, kurz darauf die Spezialitätenchemie abspaltet, ehe Zimmerlis Abteilung im Jahr 2006 an Huntsman verkauft wird. Mit dem bekannten Ausgang.

Eine nicht unwichtige Rolle für den Entscheid, an Land zu gehen, spielte auch die damalige Freundin des Jung-Kapitäns. Sie wollte nicht aufs Schiff, wollte nicht so lange weg sein von zu Hause. «Es fehlte ihr das Lädele und so», sagt er verschmitzt. «Dann der Lärm, der Dreck. Das ist halt eine andere Generation als meine Mutter.»

Die Frau, die Zimmerli geheiratet hat, muss nicht mehr mit an Bord gehen. Die Kursfahrten der BPG dauern nur ein paar Stunden, der Mann ist abends zu Hause. Rheinfelden–Kembs ist das Standardprogramm, dazwischen ein halbes Dutzend Landestellen. Ab und zu bucht ein Kunde eine Extrafahrt, die etwas weiter führt. Nach Mulhouse zum Beispiel.

Zimmerli gefällts auf dem «Lällekönig». 50 Meter lang ist das Schiff, 20 Stundenkilometer schnell, Maximallast: 445 Personen. Der Kontakt mit den Leuten, die staunenden Kinderaugen, der Blick vom Fluss aufs Münster – das alles will er nicht mehr missen.

Ein Frachtschiff sei keine Option mehr. «Das ist vorbei», sagt er. Lastwagenfahrer auf dem Wasser seien die Frachtkapitäne heute, mit Stress und Termindruck und Konventionalstrafen für Zuspätliefern. «Früher lagst Du einen Tag lang in einem Hafen, konntest Dir die Stadt anschauen. Heute reicht es noch knapp, an Land zu gehen. Das ist nichts mehr für mich.»

Genau gleich geblieben sei der Rhein, findet Zimmerli. Manchmal zieht er, manchmal reisst er, manchmal treibt er Holz in den Propeller. Meist aber fliesst er einfach vor sich hin. «Es ist, als wäre ich nie weggewesen.» Und dann fällt ihm doch noch etwas ein, was sich verändert hat unter der Sonne. «Früher durften wir fahren, wo wir wollten. Heute ist die Seite geregelt.»

Das sei aber auch gut so, fügt er ein paar Sekunden später an. «Jetzt rumpelt es nicht mehr so oft.» Von Unfällen ist er bisher immer verschont geblieben – von ein paar wenigen Schrammen an der Schiffswand einmal abgesehen.

Patent immer verlängert

Bleibt noch eine entscheidende Frage: Weshalb darf Zimmerli nach 27 Jahren wieder im Kommandoraum stehen, obwohl er doch so lange pausiert hat? «Och», sagt er, «das Patent habe ich jedes Mal verlängern lassen, damit es nicht verfällt.»

Er muss es längst geahnt haben: Irgendwann hat er ihn wieder, der Bach.