Seit 1930 kauft der Kanton Baselland Jahr für Jahr zeitgenössische, regionale Kunst ein. Inzwischen besitzt er eine Sammlung von über 4000 Werken: von der Zeichnung bis zum Video. Was gekauft wird, entscheidet eine siebenköpfige Fachkommission. Kunstkredit nennt sich dieses Instrument, das Kunstförderung und Sammeltätigkeit in einem ist.

Nun soll es nach 85 Jahren mit dem Ankaufen und Sammeln vorerst ein Ende haben. Der bisher mit 190 000 Franken dotierte Kunstkredit Baselland soll per 2016 auf 50 000 Franken gestutzt werden – 2017 gehts wieder etwas rauf auf 100 000 Franken. «So wenig Geld können wir nicht seriös verteilen», sagt Kunsthistorikerin Barbara van der Meulen, Mitglied der Fachkommission. Zumal mit diesem Geld nicht nur Werke gekauft, sondern auch Produktionsbeiträge gesprochen werden. Bereits jetzt würden sich sehr viel mehr Künstlerinnen und Künstler bewerben als gefördert werden können.

Ihre Kommissionskollegin Dina Epelbaum, Kuratorin der Kunstsammlungen des Kantons, warnt vor der Lücke, die zu entstehen droht. Diese Sammlung sei «das Bildgedächtnis einer Region», Jahr für Jahr ein Abbild seiner Zeit. «Wenn wir die nächsten Jahre nichts ankaufen können, ist eine kontinuierliche und nachhaltige Sammlungstätigkeit nicht mehr möglich.» Beide Frauen betonen zudem, dass die ganze Bevölkerung etwas von dieser Sammlung habe. Denn 70 Prozent der Werke hängen oder stehen «sichtbar platziert» im öffentlichen oder halböffentlichen Raum: im Regierungsgebäude, im Staatsarchiv oder in den Spitälern. Ausserdem können sämtliche Staatsangestellte sich für ihr Büro ein Werk aussuchen. «Ich bin überzeugt, dass man besser arbeiten kann, wenn man ein gutes Kunstwerk vor sich hat», sagt Barbara van der Meulen.

Künstler am meisten betroffen

Die geplante Kürzung ist ein Teil des kulturellen Sparpakets von insgesamt fast 785 000 Franken bis 2017. Doch die szenischen Lesungen «Wintergäste» wurden von Privaten gerettet, das Musikfestival Rümlingen wird höchstwahrscheinlich vom Swisslos-Fonds Gelder erhalten, das Landkino möglicherweise auch. Weitere Sparten sind aufgrund der bikantonalen Fachkommissionen dank Verträgen vor Einsparungen etwas geschützt. Der Kunstkredit ist einfacher zu kürzen.

Weniger Geld bekommt zudem das Atelier Mondiale, das Künstlerstipendien vergibt. Und ohne Kunstkredit wird es auch keine «Ernte» geben, die jährliche Ausstellung der neu gekauften Werke. «Von allen Kulturschaffenden sind es die bildenden Künstler, die nun am meisten geschröpft werden», sagt van der Meulen: «Sie werden respektlos behandelt.»

Wie rechtfertigt die neue Kulturdirektorin Monica Gschwind diese Sparmassnahme? Es sei Teil «der Finanzstrategie» der Regierung. Nicht nur der Kunstkredit sei von starken Kürzungen betroffen. «Dieser Umstand ist bedauernswert, angesichts der Finanzsituation des Kantons aber unabdingbar.» Ihr sei wichtig gewesen, «alle Sparten weiterhin zu unterstützen – wenn auch mit geringeren Mitteln».

Einkäufe werden sistiert, doch aus dem geschmälerten Etat seien Beiträge an Herstellungskosten weiterhin möglich, schreibt Gschwind. Weitere Förderformate könnten «im Rahmen der Möglichkeiten entwickelt werden». Unterstützt würden auch «Ausstellungen und Kunstprojekte in der Region». Unverändert seien die Betriebsbeiträge an das Kulturhaus Palazzo und das Kunsthaus Baselland in der Höhe von 600 000 Franken.

Kunstkredit-Ausstellung geplant

Doch auch der Leiter des Palazzo, Niggi Messerli, und die Direktorin des Kunsthauses Baselland, Ines Goldbach, bedauern den Abbau beim Kunstkredit. Messerli plant nun für kommenden Frühling eine Ausstellung, die sich aus Kunstkredit-Werken vieler Jahrzehnte zusammensetzt. Er will zeigen, wie wertvoll «das historische Gedächtnis des Kantons» ist. Ines Goldbach befürchtet, dass Künstler dem Kanton den Rücken kehren könnten und macht sich Sorgen um «das kreative Potenzial unserer Gesellschaft», das der Kunstkredit gezielt fördere. «Die Kunst verschwindet nicht in den Depots. Es wird aktiv mit ihr verfahren und: Sie kann wirken – in den Foyers, in den Büros, an Orten, an denen gearbeitet, gedacht, geplant, gelebt wird. Wenn man an dieses Potenzial der Kunst glaubt, dann müssen wir alle alles dafür tun, dass dieses Instrument ernst genommen und sogar noch stärker aktiviert wird.»

Das Depot ist voll

Zwar sind nur 30 Prozent dieser Kunstwerke in Depots gelagert, doch sind diese zum Bersten voll – nicht nur mit Kunst, sondern mit all den anderen Objekten, die der Kanton und seine Museen so sammeln. Monica Gschwind schreibt: «Die Sistierung der Ankäufe steht ausserdem im Zusammenhang mit der ungenügenden Depotsituation und der minimalen Möglichkeiten der kuratorischen Betreuung der Sammlung. Die zwischenzeitliche Sistierung soll die Möglichkeit schaffen, Klärung in dieser Sache zu erreichen.»

Ist also zu wenig Platz im Depot– ein Umstand, der Jahre vorher berechnet werden kann – ein gewichtiger Grund, weshalb die Sammlungstätigkeit gestoppt wird? Reto Marti, Leiter der Abteilung Archäologie und Museum BL, relativiert: «Sammlungskonzepte sind entscheidend, nicht der Platzbedarf.» Wegen der Finanzknappheit des Kantons stünden mögliche Depotprojekte zwar in der Warteschleife, doch fände man notfalls sicher Räume, die sich hinzumieten liessen.

Kommenden Mittwochnachmittag werden Kulturschaffende vor dem Liestaler Regierungsgebäude demonstrieren. Drinnen wird der Landrat das Budget verhandeln. Ein Postulat verlangt, dass 2016 kein Rappen an der Kultur gespart wird. Die Fachkommission Kunst schlägt alternativ vor, dass bei ihnen nur um 40 000 Franken gekürzt werden soll. Sie hofft, dass jemand diesen Änderungsantrag einbringt.

Kulturdirektorin Monica Gschwind hat sich derweil ein Werk für ihr Büro ausgesucht: «Tidal Tales, Ropes and Snails» von Maria Magdalena Z’Graggen.