Nichts deutet darauf hin, dass in dieser feingliedrigen, fast schon zerbrechlich wirkenden Frau, die als Folge einer Kinderlähmung heute auf ein Elektromobil angewiesen ist, so viel Kampfeslust steckt. Ausser ihrem wachen Blick vielleicht. Doch wenn es ums Tierwohl geht, so kennt die Liestalerin Lislott Pfaff trotz ihrer 85 Lebensjahre noch immer kein Pardon, selbst wenn sie sich als mittlerweile «alterstolerant» bezeichnet. Ihre Waffe war und ist die Feder respektive der Computer, davon zeugen unzählige Kolumnen und Leserbriefe und früher auch grössere Artikel in einst so renommierten Zeitschriften wie der «Weltwoche» oder dem «Nebelspalter».

In die Tasten greifen lassen sie vor allem zwei «Missstände»: Tierversuche und die landwirtschaftliche Massentierhaltung. Aktuell macht sie das sogar mit einem neuen Ansatz: Pfaff lud diese Woche zur Vernissage ihrer Novelle «Chemie der Leidenschaften» in die Kantonsbibliothek. Darin verwebt sie das persönliche Schicksal eines Cheflaboranten mit Tierversuchen. Die Autorin sagt dazu: «Ein Sachbuch über Tierversuche liest niemand. So aber hoffe ich, dass ich auf mehr Gehör stosse.» Doch nicht nur publizistisch, sondern auch ernährungstechnisch geht Pfaff in ihrem Lebensherbst ganz neue Wege: Vor einem Jahr wurde aus der Vegetarierin eine Veganerin. Was gibt dieser Frau ihre Energie zum Kampf fürs Tierwohl?

Zwangspensioniert, weil resistent

Schlüsselzeit ist vor allem ihr Lebensabschnitt zwischen 45 und 55 Jahren. Damals arbeitete Pfaff, kaufmännische Angestellte und diplomierte Übersetzerin, nach Stellen in den verschiedensten Branchen in London, Paris und Chiasso für Ciba-Geigy in Basel. Dort übersetzte sie medizinische Fachliteratur und kam so in Berührung mit Tierversuchen. Und weil Pfaff grundsätzlich eine neugierige Frau ist, beliess sie es nicht beim Übersetzen, sondern schaute auch in die Versuchlabors hinein und diskutierte mit den Tierforschern. «Die schlimmsten Versuche haben sie mir nie gezeigt, aber es war auch so schlimm genug», sagt Pfaff.

Sie nennt ein Beispiel: Im sogenannten Krümmtest wurde Mäusen eine Spritze mit schmerzverursachendem Benzochinon verpasst, sodass sie sich von Krämpfen geplagt krümmten. Etwa eine Stunde zuvor hatte ein Teil der Mäuse das schmerzstillende Rheumamittel erhalten, um dessen Wirkung es im Versuch ging. Je besser das Schmerzmittel wirkte, um so weniger oft vollzogen die Mäuse ihre Krümm- und Streckbewegungen, während die Kontrolltiere noch stärker litten, da sie kein Gegenmittel zum schmerzerzeugenden Reizstoff erhielten. Pfaff: «Das war sehr deprimierend, umso mehr das Schmerzmodell keinerlei Beziehung zum Menschen hatte.» Denn man könne ja den Menschen nicht Benzochinon in den Bauch spritzen, habe der Forschungsleiter damals nur lapidar gesagt.

Pfaff reagierte wie fast immer, wenn sie etwas als Unrecht einstuft – sie begann dagegen anzuschreiben. Diese Gratwanderung, indirekt gegen den Arbeitgeber zu kämpfen, konnte nicht gut ausgehen: Die streitbare Frau, die trotz Abmahnungen nicht schweigen wollte, wurde zum frühest möglichen Zeitpunkt, das hiess damals mit 55 Jahren, zwangspensioniert.

Damit erwies sich Ciba-Geigy kaum einen Dienst, denn nun engagierte sich Pfaff auch auf öffentlichen Podien gegen Tierversuche, trat – für kurze Zeit – dem Landesring der Unabhängigen (LdU) bei und formulierte für dessen Basler Nationalrat Hansjürg Weder Vorstösse gegen Tierversuche. Obwohl sie teils aufsehenerregende Artikel anstiess, so etwa, als sie dem «Blick» Protokolle eines besonders brutal angelegten Tierversuchs an Katzen zukommen liess, verlor Pfaff nie die Bodenhaftung: «Es war mir immer klar, dass ich für die Pharma-Industrie, verglichen mit ihrer Macht, ein Floh bin, von dem sie nichts zu befürchten hat.»

Das tierische Leid ortet sie mittlerweile an einem weiteren Ort: «Ein grosses Elend herrscht auch bei den landwirtschaftlichen Nutztieren und das nicht nur bei der Fleisch-, sondern auch bei der Milch- und Eierproduktion.» Deshalb ist Pfaff jetzt Veganerin.

Rösli und Ärnscht als Speerspitzen

Die Öffentlichkeit kennt aber noch eine zweite Lislott Pfaff: Seit zehn Jahren schreibt sie wöchentlich in der «Oberbaselbieter Zeitung» die Kolumne «D Alice vo Lieschtel meint». In diesem viel beachteten Mundart-Gefäss teilt sie im fiktiven Gespräch mit «dr Guusine Rösli und ihrem Maa Ärnscht» oder «dr Kolegin Erna und em Schuelkoleg Paul» an die Behörden, die Gewerbler und viele andere in Liestal aus. Entsprechend nervt die Kolumne manche auch, was ein Schnitzelbänkler an der letzten Fasnacht so auf den Punkt brachte: «Und d’Alice meint und meint und meint.» Pfaff sagt selbstkritisch: «Ich will unterhalten und Dinge hinterfragen, auch wenn mir das nicht immer gelingt.» Ihre grösste Sorge bezüglich ihres Geburts- und jahrzehntelangen Lebensorts sei, dass Liestal durch die ausgeprägte Bauerei seinen Charakter verlieren könnte.

Diese Gefahr besteht bei ihr selbst nicht: Weder Drohungen noch Kritik können sie davon abhalten, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Und auch nicht Misserfolge: «Manchmal glaube ich, dass ich nichts erreicht habe. Das frustriert mich.» Kaum gesagt, macht sie sich an ihren nächsten Leserbrief, diesmal gegen das Flüchtlingselend. Lislott Pfaff, der «Floh», kann nicht anders.