Gestern, an seinem zweitletzten Tag, führte Hans Rudolf Gysin nochmals durch sein Reich: Wie oft war er im Bundeshaus zwischen Wandelhalle und Cafeteria in den letzten Jahren Regent. Hier wusste der Baselbieter FDP-Nationalrat die Mehrheiten für seine Ideen zu beschaffen, Allianzen zu schmieden und Freundschaften zu pflegen, die er noch weit über den heutigen Abschieds-Apéro hinaus pflegen wird. Dass sich Gysins Glanz im Plenum verlor, machte ihm kein Bauchweh, solange er am Ende als Sieger dastand. Und die Siege, das weiss Gysin, werden nicht vor der Kamera errungen, sondern eben hier, in seinem Reich.

Auch wollte er einfach nicht stundenlang in der grossen Kammer sitzen, «diesem lärmigen Ort, der mich an ein Bahnhofbuffet erinnert»; zur richtigen Zeit am richtigen Ort war da eher seine Devise. Hans Rudolf Gysin verkroch sich oft in ein Arbeitszimmer, um dann bei den knappen Abstimmungen runterzueilen. Oft noch von seinem Sekretär alarmiert, der sich die Ratsdebatten über das Internet anzuschauen pflegte. Das brachte ihm den wenig schmeichelhaften Übernamen «Absenzenkönig» – etwas, worüber Gysin sich den Kopf nicht zerbrach.

Kein Thronfolger in Sichtweite

Zumindest glaubt er nicht, dass ihn das je Stimmen gekostet hätte. «Wissen Sie was», sagt er und muss sich zusammennehmen, sich nicht schon zu Beginn seiner Anekdote an der heissen Schale zu verschlucken. «Als das publik wurde mit meinen Absenzen, wurde mir im Stammtisch in Pratteln zu meinem ersten Platz gratuliert. Wo ich aber der Beste war, wusste der Gratulant nicht.»

Das Krönchen werden ihm aber die Wähler erst im nächsten Jahr aufsetzen – oder eben verweigern. Dann, wenn seine Bauspar-Initiative an die Urne kommt und die Wähler über das heute einzigartige Baselbieter Modell des steuergünstigen Bausparens entscheiden. «Das Volk wird zustimmen», ist Gysin überzeugt, obwohl sich selbst in Bern die beiden Räte nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnten und nun auch der Bundesrat keine Wahl-Empfehlung abgeben wird. Seine eigene Fraktion hatte er in der grossen Kammer fast ausnahmslos hinter sich scharen können.

Ob Gysin einen Thronfolger sieht? Einen, der für die liberalen Ideale und Baselbieter Anliegen weibeln kann? Der 70-Jährige schaut sich fast schon suchend in der Bundeshaus-Cafeteria um. «Es stört mich, dass in der FDP heute nur Einzelmasken sind. Dass alle einen eigenen Wahlkampf führen, kommt nicht von ungefähr.» Gysin, das gibt er zu, bangt um den Baselbieter FDP-Sitz im Bundeshaus.

Schon als Jugendlicher gewitzt

Zwischen den Zeilen ist zu hören, dass er den Politikern der nächsten Generation das Talent abspricht, das er bei sich selber schon früh entdeckte. Als Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs und Sozialdemokraten wurde er in ein politisches Umfeld geboren. Wenn er als kleines Kind zu Hause in Pratteln über den Chemie-Gestank von der Schweizerhalle schimpfte, rügte ihn sein Vater: «Denk daran, die Chemie beschafft vielen Menschen Arbeitsplätze.» Das Familienbudget erlaubte keine grossen Sprünge. Sein Taschengeld musste er sich selbst verdienen und im Zug zwischen Basel und dem Tessin «Wägeli» stossen. «Schon da probierte ich, das Beste herauszuholen», erinnert er sich. Die Kaffeemenge, die für sechs Tassen berechnet gewesen wäre, verteilte der schlaue Teenager auf acht – und erzählte jeweils, in der letzten Kurve sei ein Teil verschüttet worden. Gysin verdiente nicht nur an der Marge, sondern auch noch Trinkgeld an der charmanten Entschuldigung. «Ich ahnte schon da, dass ich die Menschen vereinnahmen kann.»

24 Jahre hat nun Hans Rudolf Gysin dieses Talent in Bern unter Beweis gestellt. Wenn er heute die Hauptstadt verlässt, wird er zwar den drei Eidgenossen in der Wandelhalle nicht zum letzten Mal den Rücken kehren. Noch im Oktober und November wird er zu seiner parlamentarischen Initiative zum Thema «Scheinselbstständigkeit» und seinem Vorstoss zum Energiesparen vor den Kommissionen sprechen. Dann aber soll endgültig Schluss sein mit der politischen Karriere Gysins auf nationalem Parkett. Lobbyarbeit wird er höchstens noch von zu Hause aus machen. «Ich will nicht, dass die Medien das Gefühl haben, ich könne nicht loslassen.»

Wäre noch mehr dringelegen? «Ein Gysin wäre zu unflexibel für den Bundesrat gewesen», winkt der Prattler ab. «Mit all den Kompromissen hätte ich nicht leben können», sagt er und bestellt die Rechnung. Der Kellnerin in der Bundeshaus-Cafeteria gibt er für die Schale und den Espresso drei Franken Trinkgeld. Und das, obwohl sie nichts verschüttet hat.