Am 8. April ist in Aesch Christoph von Blarer im Alter von 98 Jahren gestorben. Mit dem Tod des ehemaligen Gemeindepräsidenten, Advokaten und Richters schliesst sich eines der beschämendsten Kapitel der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.

Von Blarer war Angehöriger der Baselbieter Mitrailleur-Kompanie IV/52, die als Einheit der «Ölsoldaten» in die Geschichte eingegangen ist. Auch der damals 25-jährige Offizier war einer jener 74 Wehrmänner, die am Abend des 29. Juli 1940 in Ramiswil von den irrtümlich in Maschinengewehr-Öl gebratenen Käseschnitten gegessen hatten. Schon kurze Zeit später litten alle unter schweren Vergiftungssymptomen. Erst Jahrzehnte nach dem Unglück wurde bekannt, dass auch neun Zivilisten betroffen waren, darunter ein fünfjähriges Mädchen, denen die vergifteten Käseschnitten von den ahnungslosen Soldaten angeboten worden waren.

Erholt hat sich keiner der Geschädigten je wieder von der Einnahme des gefärbten Ölzusatzes Triorthokresylphosphat, mit dem die Schweizer Armee zu Beginn des Aktivdienstes ihre schweren Maschinengewehre kühlte. Die Verkettung unglücklicher Zufälle hatte dazu geführt, dass das kostbare Maschinengewehr-Öl in einen Speiseöl-Kanister umgeschüttet wurde und schliesslich in der Feldküche der Baselbieter Mitrailleure landete.

Wie von Blarer litten alle Vergifteten bis an ihr Lebensende unter Ausfällen des Nervensystems, Muskelschwäche und chronischen Schmerzen - mal in stärkeren, mal in schwächeren Schüben. Das letzte Jahrzehnt seines Lebens musste von Blarer im Rollstuhl und fast blind verbringen, wie Bruno Gutzwiller in einem Nachruf in der «Basler Zeitung» festgehalten hat. Doch das körperliche Leiden war für viele Betroffene nicht einmal der schlimmste Aspekt dieses Schicksalsschlags. Viel belastender war der Umgang der offiziellen Schweiz mit den im Dienst für ihre Heimat schwer geschädigten Soldaten und Zivilisten.

Das war es erst, was aus dem Unglücksfall eine Tragödie und später einen handfesten Skandal machte. Als schon längst niemand mehr von den Todesopfern der irrtümlichen Bombenangriffe auf Binningen, Basel oder Schaffhausen sprach, erregte das Schicksal der Ölsoldaten noch immer weiteste Teile der Bevölkerung. Statt den Genesungsprozess der Vergifteten voranzutreiben und mit grosszügigen Renten ihre Existenzen abzusichern, feilschte die Eidgenössische Militärversicherung buchstäblich um jeden Rappen und degradierte die vielfach arbeitsunfähigen und verarmten Invaliden zu lästigen Bittstellern.

Vom 1990 verstorbenen Ölsoldaten Ernst Degen aus Liedertswil ist überliefert, dass die Militärversicherung seinen Antrag auf eine neue Hose mit der Begründung ablehnte, auf dem Tschoppenhof müsse er eh nicht gut angezogen sein.

Noch schlimmer erging es den Zivilisten, die nach jahrelangem Kampf gegen die Behörden mit beschämend tiefen Abfindungen davon abgebracht wurden, zivilrechtlich gegen den Bund vorzugehen.

Als sich die Öffentlichkeit immer stärker an solchem Gebaren empörte, hob Radio Basel 1947 die Glückskette aus der Taufe, um mittels privater Spenden Ölsoldaten zu helfen.

Diese Hilfsorganisation ist bis heute aktiv und der Inbegriff einer solidarischen Schweiz geblieben. Von Blarer gehörte zu den wenigen gesellschaftlich und beruflich privilegierten Opfern, die nicht auf Spenden angewiesen waren; vielmehr war er es, der seine Kameraden und Leidensgenossen bis zuletzt unterstützte.

Welches Vermächtnis hinterlassen uns die 74 Ölsoldaten, die jetzt alle tot sind? Vielleicht dieses: Es darf nie umsonst bleiben, gegen bürokratisches Unrecht vorzugehen, selbst wenn der Gegner übermächtig zu sein scheint und Paragrafen gegen einen sprechen. Gesetze können geändert werden, Gerechtigkeit nicht.