Ein bisschen widerwillig nehmen sie ihre Notenblätter aus den Ordnern hervor. Der Dirigent hat gerade erklärt, dass jetzt wieder Weihnachtslieder auf dem Programm stehen. Das anfängliche Murren ist schnell verstummt und die neun Männer singen die besinnlichen Stücke voller Inbrunst. Schliesslich gilt es anfangs Dezember beim nächsten Auftritt das Publikum nicht zu enttäuschen.

Wir befinden uns in einer Probe des Männerchors Witterswil. Jeden Dienstagabend treffen sich die Mitglieder im imposanten, hell beleuchteten Saal der Mehrzweckhalle. In diesem Jahr feiert der Chor aus dem solothurnischen Leimental sein 150-Jahr-Jubiläum. Ob er dereinst noch einen weiteren grossen Geburtstag begehen kann, steht in den Sternen. Denn der Verein hat, wenig überraschend, mit Nachwuchsschwierigkeiten zu kämpfen.

Seit 61 Jahren im Männerchor

Die grauen Haare in den unterschiedlichsten Abstufungen verdeutlichen dies. Der Jüngste hier ist 54 Jahre alt, der Älteste hat bereits 82 Lenze auf dem Buckel. Letzterer, Gusti Matter, singt schon seit 61 Jahren im Männerchor Witterswil. Sein fortgeschrittenes Alter fordert hin und wieder seinen Tribut: So geht ihm schneller die Puste aus als den anderen, worauf alle Rücksicht nehmen und ihren Gesang anpassen. Ein weiteres Mitglied hat bei unserem Besuch gerade Probleme mit den Augen und kann den Text nicht richtig lesen. «Versuch es doch einmal mit einer Brille», frotzeln die anderen über ihren Kollegen. Dabei trägt er bereits eine Sehhilfe auf der Nase.

Trotz der unausweichlichen körperlichen Gebrechen ist bei den Männern die Leidenschaft deutlich spürbar. Bei den derzeit angesagten Weihnachtsliedern wie «Leise rieselt der Schnee» oder Klassikern wie «Dorma Bain» harmonieren die Stimmen wunderbar miteinander. Der Chor musiziert seit drei Jahren in der aktuellen Neuner-Formation und ist hervorragend eingespielt.

Mittlerweile ist eine Dreiviertelstunde vergangen und es ist Zeit für eine Pause. Aus der Küche nebenan holt jemand eine gekühlte Flasche Chardonnay und schenkt jedem ein kleines Gläschen ein. «Das Gesellige darf bei uns auf keinen Fall fehlen», sagt Heinz Binder, der nicht nur singt, sondern im Chor auch als Aktuar tätig ist. Keiner kann besser über die traditionsreiche Geschichte des Männerchors Witterswil berichten als er. Nachdem früher die Dirigenten jeweils mehrere Jahrzehnte geblieben seien, gebe es in den letzten Jahren eine stärkere Fluktuation.

Nach der Probe in die Beiz

Erstaunlicherweise ist der aktuelle Chorleiter Sebastian Leon bereits der vierte Kolumbianer in Folge. Seine Vorgängerinnen und Vorgänger wurden jeweils von einem befreundeten Kollegen abgelöst, als sie Witterswil verliessen. Der in Basel wohnhafte Bariton führt das breite Repertoire fort, das den Chor auszeichnet: «Wir singen Lieder in allen vier Landessprachen sowie manchmal auch auf Englisch und Spanisch», sagt Leon. Auch stilistisch ist die Bandbreite riesig. Neben Volksliedern, Chorälen und Spirituals haben die Männer in der Vergangenheit auch schon Barbershop-Nummern und Songs der Comedian Harmonists einstudiert.

Zum Abschluss der heutigen Probe hallt der Gospel «Ride The Chariot» durch den Saal. Auch wenn es beim einen oder anderen mit dem Englisch ein bisschen hapert, hält sie das nicht davon ab, aus voller Kehle mitzusingen. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, geht es für die Sänger noch auf einen Absacker in die Beiz. Bei einem Bier besprechen sie dann, wie ihnen das Kunststück gelingen könnte, wieder mehr Nachwuchs in den Männerchor Witterswil zu locken.